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Nov 22, 13 5-21-7-12-5


 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

In der Schweiz gibt es eine merkwürdige Unterströmung unter der Unterströmung. Obwohl es nicht wirklich als Strömung bezeichnet werden kann. Vielleicht ist es auch ganz einfach nur ein Fisch. Ein Bodenfisch, der den Augen der Öffentlichkeit verborgen unter der Strömung lebt. Die Künstlergruppe, die ich hier als Fisch bezeichne, wird wahrscheinlich gegen diesen Vergleich protestieren oder sich zumindest selbst als Schwarzangler oder Tiefseeteufel bezeichnen, doch kenne ich ihre Arbeit noch nicht gut genug, um diesem Bild zustimmen zu können.

Die Gruppe nennt sich 5-21-7-12-5 und will ihren Namen nicht erklären. Es sind fünf Mitglieder. Vielleicht sind es deswegen fünf Zahlen. Was die Zahlen aber bedeuten, weiss ich nicht. Vielleicht bedeuten sie überhaupt nichts, sondern wurden nur des Aussehens wegen gewählt.

In Kontakt mit der Gruppe gekommen bin ich über einen Tipp. Es gäbe da eine Gruppe, die sich sowohl vom Mainstream, als auch von alternativer Kunst fernhalte und ihr ganz eigenes Ding mache.

Mein Interesse ist geweckt. Dem Interesse mischt sich Vorsicht bei. Wenn ich daran denke, in was für merkwürdige Situationen ich bereits geraten bin, als ich an Ausstellungen von ganz normalen Künstlern gegangen bin, dann will ich gar nicht wissen, was alles auf mich zukommen könnte, wenn ich zu einer Ausstellung gehe von Künstlern, die damit werben anders als alle anderen zu sein.

Ich gehe also zu der Ausstellung, die sich in einem Keller befindet. Normalerweise würde ich an dieser Stelle eine Adresse angeben, aber die Künstler haben mich darum gebeten, davon abzusehen.

Ob ich denn nicht Werbung für sie machen soll, möchte ich wissen. Wie andere Interessierte denn zu ihnen finden sollen.

Sie antworten, ich hätte doch auch zu ihnen gefunden.

Ob ich denn wenigstens erzählen darf, was ich vorgefunden habe.

Ja, das sei erlaubt.

Es war unheimlich, muss ich ganz offen gestehen. Die Türe war offen; ein Stein verhinderte, dass sie zuging. Ich war der einzige Besucher. Im Keller standen fünf Stühle, auf denen reglos fünf Menschen sassen. Sie waren schwarz gekleidet, geschminkt und frisiert. Wenn mein Tipp nicht von einer zuverlässigen Person gekommen wäre, hätte ich auf den Hacken kehrt gemacht und wäre aus dem Haus geflohen. So aber habe ich mir gesagt, dass das wohl eine Performance ist und habe begonnen schweigend um die Gruppe herumzugehen. Die Fünf sind reglos sitzen geblieben. Auch als ich nicht mehr um sie herum, sondern zwischen ihnen hindurch gelaufen bin, haben sie nicht mit der Wimper gezuckt.

„Sehr interessant.“, habe ich endlich gewagt zu murmeln, „Aber ich verstehe es nicht ganz. Gibt es vielleicht eine Erklärung dazu?“

Die Starre ist von der Gruppe abgefallen. Alle fünf sind aufgestanden, haben ihre Glieder gestreckt und sind auf und ab gegangen, während sie ihre Arme und Beine geschüttelt haben. Das hat das beklemmende Gefühl verschwinden lassen.

Wie lange sie so dagesessen wären, will ich wissen.

Fünf Tage, antworten sie.

Fünf Tage ohne Pause? Ich meine die Frage nicht ernst, doch sie antworten ernst, ja, ohne Pause.

Und was ist nun die Erklärung für diese Anordnung mit fünf Stühlen?

Stille wollten sie dadurch künstlerisch darstellen.

Stille?

Ja, Stille.

Auf den ersten Blick scheint ihnen dieses Vorhaben nicht gelungen zu sein. Denn ich habe hauptsächlich Angst empfunden, als ich mir ihre Installation angeschaut habe. Dieses Gefühl hat die Stille überdeckt, so dass ich nicht im Traum auf die Idee gekommen wäre, dass hier Stille zu sehen und fühlen ist. Als ich dann begonnen habe zu sprechen, das heisst, als ich die Stille gebrochen habe, hat sich die Gruppe auch sofort begonnen zu bewegen und ebenfalls zu sprechen, und hat dadurch das Kunstwerk, das Stille darstellen soll, verschwinden lassen. Das Wesen des Kunstwerks konnte ich also nur in Erinnerung erleben. Sobald ich wusste, worum es ging, war es nicht mehr da.

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Vor einiger Zeit habe ich einen Kommentar zu einem Gemälde gelesen. Das Ölbild zeigte eine junge Frau, die umgeben von Schwärze vor einer Kerze sitzt und in sie hineinblickt. Der Kommentar erklärte, dass dieses Bild ein Gefühl von Geborgenheit und Trost ausdrücke. Dass diese Gefühle aber nur im Zentrum des Bildes enthalten waren, namentlich in der Kerze und ihrem Licht, das auf dem Gesicht der Frau tanzte, das restliche Bild aber, also die Schwärze, die die Frau umgibt, genau die gegenteiligen Emotionen in sich trug, nämlich Unwirtlichkeit, Angst, Elend und Schmerz, überging der Kommentar. Dabei war das Gefühl von Geborgenheit doch nur hervorrufbar, indem im selben Bild auch die negativen Gefühle enthalten waren. Ohne diese nämlich wäre das Gemälde ganz einfach ein Bild einer Frau mit Kerze. Nicht jedes Kerzenbild lässt den Betrachter Geborgenheit empfinden. Die verborgene Vorgeschichte, die dazu führte, dass die Frau Trost im Kerzenschein suchte, muss ebenfalls im Bild enthalten sein.

Ich erzähle nur von diesem Kerzengemälde, das scheinbar nichts mit der Installation der Fünfergruppe zu tun hat, weil mir der Gedanke gekommen ist, dass ihr Kunstwerk auf einem ähnlichen Mechanismus beruhen könnte. Das, was als erstes ins Auge sticht, ist nur die Spitze des Eisbergs. Die Kernaussage des Werks kann erst über den Umweg über diese Eisbergspitze erfahren werden. Einen direkten Zugang gibt es nicht.

Stille wollen sie also ausdrücken. Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb sie keinem sagen, wie sie zu finden sind. Je weniger Besucher sich in der Nähe des Kunstwerks befinden, umso mehr Stille enthält es. Allerdings fragt sich, wie viel Sinn es macht, ein Kunstwerk zu produzieren, von dem keiner weiss.