Fantoche 2013, Tag 3

Sep 09, 13 Fantoche 2013, Tag 3


 

Inhaltsverzeichnis

1. Le jour des corneilles

2. The wolf children Ame and Yuki

3. Ma maman est en Amérique, elle a rencontré Buffalo Bill

 
 
 
 

Das Animationsfilmfestival Fantoche bietet bereits zum elften Mal während 5 Tagen eine reiche Auswahl an internationalen Kurz- und Langfilmen und unterstützt die Verbreitung und Steigerung der Akzeptanz von Animationsfilm als eigenständige Kunstform zusätzlich durch Fachgespräche und Präsentationen.

Das Angebot des Festivals reicht von Kinderfilmen über Erwachsenenfilme zu Performances und Ausstellungen und ist dermassen reichhaltig, dass ein Besuch sämtlicher Darbietungen unmöglich ist. Eine Auswahl muss getroffen werden. Im Fantoche-Special 2013 stelle ich Ihnen meine Auswahl vor.


 

„Le jour des corneilles“, „The wolf children Ame and Yuki“ und „Ma maman est en Amérique, elle a rencontré Buffalo Bill“ sind alles handgezeichnete Filme, die Kinder als Hauptdarsteller haben. Im ersten Film geht es um einen Jungen, der alleine mit seinem Vater im Wald aufwächst und keinen Kontakt zu anderen Menschen hat. Im zweiten geht es um zwei Geschwister – ein Mädchen und einen Jungen – die eine menschliche Mutter und einen Werwolfvater haben. Im dritten geht es um einen kleinen Jungen aus behüteten Verhältnissen, der seine Mutter schon lange nicht mehr gesehen hat.

Alle drei Filme sind wunderschön gemacht und reichen einander das Wasser absolut mühelos. Nährboden aller drei Filme ist das Thema des Erwachsenwerdens. Auf diesem Nährboden aber wachsen die wunderbarsten Nebengeschichten und Situationen, die man sich als Zuschauer nur wünschen kann.

 

1

Le jour des corneilles

 

In „Le jour des corneilles“ trifft der Junge zum ersten Mal auf andere Menschen, als sich sein Vater bei einem Sturm das Bein bricht und einen Arzt braucht. Die Waldgeister, mit denen der Junge ohne das Wissen seines Vaters in Kontakt steht, können ihm nicht helfen, und schicken ihn in die „verbotene Welt, wo man sich sofort auflöst, wenn man auch nur einen Fuss in sie setzt“. Es herrscht gerade Krieg, jede Menge Soldaten müssen verarztet werden, und so fällt ein zusätzlicher Patient nicht gross auf.

Durch die Freundschaft zur Tochter des Arztes, Manon, lernt der Junge diese ihm fremde Welt Schritt für Schritt kennen. Erst als er die Gerüchte, die in der Stadt kursieren, nämlich dass sein Vater ein Oger ist, der Menschen frisst, hört und Manon ihm sagt, sein Vater liebe ihn nicht, beginnt er über seine Beziehung zu seinem Vater nachzudenken und die Werte seines Vaters zu hinterfragen.

Wieder zurück im Wald, führt er sein Leben mit seinem Vater fort, einzig angereichert durch die heimliche Suche nach der Liebe des Vaters, die dieser irgendwo im Wald verloren haben muss.

Die Mutter des Jungen, die bei seiner Geburt gestorben ist und nun als Waldgeist über ihren Sohn wacht, kann mit dem Vater nicht in Kontakt treten und die Wunden in seinem Herzen, die ihn zu diesem verbitterten Mann gemacht haben, heilen.

Mit dem Fortgang der Geschichte erfährt der Junge davon, wie die Beziehung seiner Eltern nicht gutgeheissen wurde und wie beide unter Anklage eines Verbrechens fliehen und fortan im Wald leben mussten.

Der Leidensweg des Vaters findet ein Ende, als er, seinen Sohn und Manon rettend, in den Flammen ihrer einbrechenden Hütte stirbt und, nun ebenfalls ein Waldgeist, seine Frau wiedertrifft.

Die Zeichnungen sind liebevoll und detailreich, die Bewegungen der Figuren fliessend und glaubwürdig. Gesten halten sich nicht an ein steriles Schema, sondern erinnern an französische Körpersprache. Überhaupt sind die Bewegungen ungemein detailreich. Genau wie bei richtigen Menschen sprechen die Figuren dieses Films nicht nur durch ihre Stimmen, sondern auch durch ihre Körper. Viele Bewegungen, die gezeichnet wurden, hätten auch weggelassen werden können, ohne dem Erzählfluss der Geschichte zu schaden. Dass sie dennoch in den Film integriert wurden, zeugt davon, dass die Macher nicht vor zusätzlicher Arbeit zurückgeschreckt sind, und dass sie alles darangesetzt haben, was in ihrer Macht stand, um den Film mit Leben zu füllen. Das sieht man auch daran, dass alle in einem Bild vorkommenden Figuren jederzeit mit den anderen in Kontakt stehen und nicht als blosse Abbildungen ihrer selbst als Füllmaterial dienen.

Ein sympathisches Detail ist, dass man in den Gesichtszügen des Jungen das Material des Bleistifts erkennt, mit denen sie gezeichnet wurden.

Nur zwei Szenen wurden nicht von Hand gezeichnet, und zwar sind das einmal die Bäume im Wind und einmal der Wald im Schnee. Die Realaufnahmen wurden aber derart angepasst, dass sie einem ungeübten Auge zwischen den gemalten Bildern des Films nicht auffallen werden.

Die Charakterzeichnung beschränkt sich nicht auf klassisches gut/böse, sondern stattet die Figuren mit Zwischentönen aus. Auf diese Weise kann der Zuschauer viel leichter eine Beziehung zu ihnen aufbauen.

Die Geschichte ist gut aufgebaut, folgt konsistent ihrem Weg und verknüpft mühelos alle ihre Erzählstränge. Auch die mit Symbolik gefüllten Szenen gliedern sich in den Rest der Erzählsprache ein, ohne einen Bruch entstehen zu lassen. Das Altern des Vaters innerhalb von Sekunden ist eine dieser Szenen, die jedoch ohne den geringsten Widerstand von Seiten des Zuschauers akzeptiert wird.

Die Sprecherstimmen passen zu den Figuren und schmeicheln den Ohren. Sounddesign und Musik unterstützen die Geschichte perfekt.

Das Einzige, das ich bemängeln könnte, ist die Auflösung der Geschichte. Eine Lösung für die Probleme des Vaters kann nur durch seinen Tod gefunden werden. Das ist eine häufig verwendete Erzählformel, die sich meiner Meinung nach davor drückt, echte Lösungsvorschläge anzubieten. Da das Ende aber bestens in die Geschichte hineinpasst, wird es schnell verziehen und der Film als sehr gute, befriedigende Arbeit in Erinnerung behalten.

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2

The wolf children Ame and Yuki

 

„The wolf children Ame and Yuki“ spielt in Japan. “Ame” bedeutet “Regen” und “Yuki” bedeutet “Schnee”. Die Kinder haben diese Namen erhalten, da es bei ihrer Geburt geregnet, beziehungsweise geschneit hat. Als sie noch sehr klein sind stirbt ihr Vater auf der Jagd nach einem Vogel mitten in der Stadt und wird von Müllmännern in seiner Wolfgestalt abtransportiert. Ihre Mutter muss die Kinder nun alleine aufziehen und sieht sich täglich mit neuen Problemen konfrontiert, da sie oft nicht weiss, ob sie sie in bestimmten Situationen als Mensch oder als Tier behandeln soll. So geschieht es, dass sie mitten in der Nacht mit ihrer kranken Tochter, die in ihren Fieberschüben zwischen Wolf und Mensch hin- und herwechselt, zwischen Spital und Tierklinik steht und nicht weiss, wer ihr helfen kann.

Als die Gefahr entdeckt zu werden in der Stadt zu gross wird, zieht sie mit ihren Kindern aufs Land und schottet sich von den anderen Menschen ab.

Erst als ihre Tochter durch Zufall davon erfährt, dass es Kindergärten und Schulen gibt, und sie mit anderen Kindern und nicht nur mit ihrem Bruder spielen könnte, wagt es die Mutter nach viel Bitten und Drohen von Seiten des Mädchens, sich der Gesellschaft wieder etwas anzunähern.

Nun beginnt die Zeit, in der die Kinder sich in die Gesellschaft eingliedern, Freundschaften schliessen und versuchen, alte Gewohnheiten an die Vorschriften der Gesellschaft anzupassen. Der Schwester bereitet das keine Probleme. Der Bruder aber fühlt sich je länger je mehr dem Wald zugehörig und hört schlussendlich ganz auf zur Schule zu gehen und mit anderen Menschen Kontakt zu haben.

So entscheiden sich beide Geschwister für ihren Weg im Leben. Der Junge wird ein Wolf, das Mädchen wird ein Mensch und die Mutter wohnt weiterhin im Haus am Waldrand, an der Schnittstelle zwischen Tier- und Menschenwelt, um mit beiden Kindern in Kontakt zu bleiben.

Die Geschichte ist sehr schön und schlüssig, rutscht weder in Kitsch, noch in Mystik ab und spannt zwischen ihren Eckpfeilern angenehme Alltagssituationen, die dazu beitragen, den Film mit Leben zu füllen.

Die Charaktere und ihre Stimmen sind sehr sympathisch und auch die Nebenfiguren wurden mit ganz eigenen Zügen ausgestattet, die ihnen Selbständigkeit verleihen.

Das Aussehen der Figuren hebt sich nicht sonderlich von anderen Figuren ihrer Art ab. Ein hübsches Detail ist, dass die Verwandtschaft der Tochter zu ihrer Mutter an Beider Kinnpartien erkannt werden kann. Dass die Verwandtschaft des Sohnes zu seinem Vater anhand Beider Haare gezeigt wird, verliert etwas dadurch, dass diese Art die Haare zu zeichnen allgegenwärtig ist und sehr starke idealtypische Vorstellungen beinhaltet.

Die Bewegungsmuster der Charaktere sind zwar fliessend und äusserst glaubwürdig, doch sind sie etwas schematischer, als dies bei „Le jour des corneilles“ der Fall war. Dafür wurde auch diese Geschichte mit vielen liebevoll dargestellten Zusatzbewegungen ausgestattet, die für den Fortgang der Geschichte nicht unbedingt nötig gewesen wären. Das ausgiessen des Wassers aus den Gummistiefeln der Mutter mitten im Regen zum Beispiel.

Im Gegenzug hat es die Geschichte geschafft, sämtlichen Erzähl-Schemata auszuweichen und verdient dafür grosses Lob. So gibt es eine Szene, in der nur die Hand der Mutter zu sehen ist, die sich über einem Abhang an einem Ast festhält und langsam abrutscht. 0815-Schemata schreiben vor, dass eine zweite Hand nach ihrer greift und sie rettet, sobald sie den Griff um den Ast verloren hat. Dem Schema wird nicht gefolgt. Das ist fantastisch.

Ein weiterer Pluspunkt dieses Films sind die Szenen aus der Ich-Perspektive. Während die Kinder durch den Wald rennen, nimmt die Kamera ihre Sicht ein und jagt knapp über dem Boden dahin. Diese Szenen sind sehr gelungen und befördern den Zuschauer mitten in die Welt des Films hinein.

„Die Wolfkinder Ame und Yuki“ enthält zwei Szenen, die am Computer generiert wurden: In der ersten Szene rollen Regentropfen in die Mitte eines Blattes. Die zweite Szene ist beinahe dieselbe, wie diejenige von „Le jour des corneilles“: Bäume im Wind. Wie auch bei „Le jour des corneilles“ fügen sich diese Szenen nahtlos in den Rest der Bilder ein und fallen kaum auf.

Ein letztes Detail, das mir positiv aufgefallen ist, das aber mit dem Film selber eigentlich nichts zu tun hat, waren die Untertitel. Es gibt eine lange Tradition von Untertitelungen japanischer Anime durch Fans. Diese Untertitelungen unterscheiden sich von anderen Filmuntertitelungen dadurch, dass nicht nur das Gesprochene übersetzt wird, sondern auch das Geschriebene und oft auch Erklärungen zu Wortspielen und dergleichen angeboten werden, was jeweils eine grosse Hilfe ist für Anderssprachige. In diesem Film war der dritte Punkt zwar nicht nötig, doch wurde Geschriebenes zumindest teilweise auch übersetzt. Das war eine grosse Überraschung und äusserst erfreulich.

Alles in allem ist „Die Wolfkinder Ame und Yuki“ also ein sehr schön gemachter, gut erzählter Film, der interessante und wichtige Themen anspricht, niemals aber ins Schulmeisterische abrutscht.

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3

Ma maman est en Amérique, elle a rencontré Buffalo Bill

 

„Ma maman est en Amérique, elle a rencontré Buffalo Bill“ hat einen langen Namen, der die Essenz des Filmes gleichzeitig enthält und verbirgt. Wenn man den Film nämlich nicht gesehen hat, kann man die Tragweite des Titels unmöglich verstehen.

Der kleine Hauptcharakter, Jean, hat einen Bruder, Paul, einen Vater, eine Nanny und eine beste Freundin, die bereits lesen kann. Das ist etwas, das Jean nicht kann, denn er ist gerade eben erst in die Schule gekommen. Aus diesem Grund lässt er sich auch leicht von seiner Freundin hinters Licht führen, wenn sie ihm Postkarten von seiner Mutter aus Amerika vorliest.

Der Zuschauer mag schon sehr früh ahnen, dass die Mutter gestorben ist, doch wird diese Ahnung immer wieder erschüttert durch die Handlungen aller Haupt- und Nebenfiguren. Als die Wahrheit über die Mutter während einer Parabel über den Weihnachtsmann aufgedeckt wird, konnten im Kinosaal einige Mütter ihre Schluchzer nicht unterdrücken und auch die Kinder liessen durch leises Gemurmel ihr Mitgefühl hörbar werden.

Diese Reaktion zeugt von der Meisterleistung, die dieser Film zustande gebracht hat. Einerseits ist er ein äusserst leichtfüssiger Film, der liebevoll den Alltag von kleinen Kindern erzählt und ihre Fantasiewelten, in die sie während des Spielens eintauchen. Andererseits schönpinselt er die Welt auch nicht und präsentiert verschiedene Familienstrukturen und Erziehungsstile. Das alles wird untermischt mit Anspielungen auf die Erwachsenenwelt, was den Film aus der Reihe von reinen Kinderfilmen heraushebt und dadurch, wie er das Thema Tod behandelt grosse emotionale und intellektuelle Reife zeigt.

Die Bewegungen der Figuren sind weniger detailreich als in den beiden oben präsentierten Filmen, doch sind sie ebenso fliessend und realistisch.

Die Stimmen passen zu den Charakteren und unterstützen vor allem die andauernden Kabbeleien der Brüder perfekt.

„Ma maman…“ ist der einzige der drei präsentierten Filme, der auch während des Hauptfilms die Geschichte durch gesungene Lieder weiterträgt. „Die Wolfskinder…“ hat zwar im Abspann genau wie „Ma maman…“ ein gesungenes Lied, das von der Geschichte erzählt, doch fungiert in ersterem das Lied als Kurzdurchlauf des Filmes, wohingegen in letzterem das Lied die Geschichte weiterträgt und durch die erwachsene männliche Stimme sogar als ein weiteres Stadium im Leben des kleinen Jean gedeutet werden könnte.

Auch dieser Film ist ein wunderbares Machwerk, das absolut sehens- und liebenswert ist.

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Weitere Texte über das Fantoche 2013:
Tag 1
Tag 2.1
Tag 2.2
Tag 4
 
Links zu den im Text vorgestellten Filmen:
Ame & Yuki – Die Wolfskinder
Meine Mutter ist in Amerika und hat Buffalo Bill getroffen
Le jour des corneilles [FR Import]