Fantoche 2013, Tag 2.2

Sep 06, 13 Fantoche 2013, Tag 2.2


 

Inhaltsverzeichnis

1. Schweizer Wettbewerb

2. Der Mondmann

 
 
 
 
 
 

Das Animationsfilmfestival Fantoche bietet bereits zum elften Mal während 5 Tagen eine reiche Auswahl an internationalen Kurz- und Langfilmen und unterstützt die Verbreitung und Steigerung der Akzeptanz von Animationsfilm als eigenständige Kunstform zusätzlich durch Fachgespräche und Präsentationen.

Das Angebot des Festivals reicht von Kinderfilmen über Erwachsenenfilme zu Performances und Ausstellungen und ist dermassen reichhaltig, dass ein Besuch sämtlicher Darbietungen unmöglich ist. Eine Auswahl muss getroffen werden. Im Fantoche-Special 2013 stelle ich Ihnen meine Auswahl vor.


 

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Schweizer Wettbewerb

 

Der Schweizer Wettbewerb präsentiert dieses Jahr zwölf Kurzfilme unterschiedlichster Animationstechniken und Geschichten, die jedoch eines gemeinsam haben: Keiner dieser Kurzfilme ist deprimiert. Mögen ihre Geschichten auch ab und an einen negativen oder bedrückenden Grundton haben, so gehen sie ihre Themen doch immer voll Energie und spritziger Erzählkunst an.

„Chamane Bazar“, der Kurzfilm von Zoltán Horváth erzählt die Geschichte eines Jungen, der während der Abwesenheit des alten Schamanen mittels dessen Zaubertrommel Tiere und Menschen herbeizaubert und dadurch je länger je mehr Chaos anrichtet.

Die Animation hat einen frischen Hauch an sich und versucht den Zuschauer Glauben zu machen, dass sie aus Legeanimation bestehe, obwohl das nicht der Fall ist.

Geschriebenes wird in die physische Welt des Films integriert, so dass die Namen der Beteiligten Filmemacher auch mal gegen Bäume prallen, da die Kamera sich zu schnell bewegt.

Das Spiel mit Licht und Schatten ist äusserst gelungen und wird durch leuchtende Farben unterstützt.

Alles in allem ein sehr unterhaltsamer, wunderschön gemachter Kurzfilm, der in der Tradition von Lehrstücken steht.

„Plug & Play“ hat die im Kinosaal anwesenden Schulklassen dazu verleitet, laut „Iiiih!“ und „Wäääh!“ zu rufen, da die Stöpselmännchen in einer Szene einander die Köpfe in den Po rammen.

Die zugrundeliegende Geschichte handelt von Beziehungen und Beziehungsangst und wird in schlichten schwarz-weissen Zeichnungen virtuos dargestellt.

Filme dieser Art haben den Hang dazu, in überflüssige Wiederholung abzurutschen. „Plug & Play“ jedoch verliert das Gleichgewicht nie und schliesst den Bogen seiner Geschichte genau zur richtigen Zeit.

„Pappkameraden“ zeigt drei echte Menschen, die in einer Pappwelt um wirtschaftliche Vorherrschaft kämpfen.

Die Bildsprache ist ausgezeichnet, die Idee, die Welt in Pappe darzustellen, erfrischend neu und auch das Ende bringt dem Film einen zusätzlichen Pluspunkt.

Nur die eingestreuselten Witze sind etwas gar bekannt und alt und verfehlen deshalb die erhoffte Wirkung.

„Un Enfant-Commode“ ist ein Wortspiel, aus dem ein Kurzfilm gemacht wurde. Da diese Treibkraft aber erst zum Ende des Filmes verstanden wird, ist der Film sehr unterhaltsam.

Anhand makabrer Figuren wird die Geschichte eines Kindes einer randständigen Familie erzählt, mit dem etwas nicht stimmt.

Innerhalb von siebeneinhalb Minuten wird durch einfachste schwarz-weiss Zeichnung eine ganze Welt aufgebaut, Menschentypen und Lebensumstände aufgezeigt und nicht mit Humor gegeizt.

„Ping Pong“ besteht eigentlich nur aus „Pong“. Ping Pong Bälle werden in die Luft geworfen und Bilden beim aufspringen vom Boden das Wort „Pong“.

Dreissig Sekunden dauert der Film, der ein überraschtes Lächeln auf den Lippen des Betrachters hinterlässt.

„The Kiosk“ zeigt den Weg einer Kioskfrau von ihrem ständig sich wiederholenden, langweiligen Alltag an den seit langem herbeigeträumten Sandstrand eines Ferienortes.

Die Stimme der Kioskfrau ist sehr angenehm und unterstützt den Film dabei, ein angenehmes, gemütliches Gefühl zu verströmen.

Die Bilder sind in bunten Farben gehalten, die Figurenzeichnung schmeichelt dem Auge.

„De terre et d’encre“ besteht aus Sequenzen gemalt mit Tinte und einer Figur gebaut aus Lehm. Die Tinten-Sequenzen sind Rotoskopien und die Lehmfigur und ihre Aktionen erinnert an einen alten Lehmfigurenanimationsfilm, in dem zwei Figuren während eines „Gesprächs“ aneinander Veränderungen vornehmen. Der Filmtitel dieses Lehmanimationspioniers mag mir im Moment beim besten Willen nicht einfallen.

Der Unterschied zwischen der alten Lehmanimation und dieser hier besteht darin, dass die Soundeffekte sich an den Zustand der Lehmfigur anpassen. Sobald sie sich zum Beispiel das Ohr abreisst, verzerrt der Ton in einer Weise, als würde der Zuschauer nun die Welt so hören, wie sie die Lehmfigur erlebt.

Beide Elemente, Tinte und Lehm, sind gut ineinander verwoben und lassen den Zuschauer entspannt der Geschichte folgen, die nur aus Andeutungen besteht.

Ein gelungener, angenehmer Kurzfilm.

„Azulejo ou l’illusion visuelle“ zeigt in zweieinhalb Minuten die Geschichte eines Menschen, der zu einem Vogel wird und aus seiner zerstörten Stadt wie ein Phönix aufersteht.

Azulejo ist eine Keramikkunst, die in der Art von Fayence hergestellt werden. Dementsprechend bestehen auch die Filmbilder aus einem Mosaik aus Fayencekeramik, oder eben Azulejo.

Der Titel bezieht sich also sowohl auf die Bildsprache, als auch auf den Ort des Geschehens – Lissabon – der durch diese typisch portugiesische Keramik und die portugiesisch sprechende Voice-Over-Stimme evoziert werden.

„Le banquet de la concubine“ zeigt, was Eifersucht aus einem Menschen machen kann.

In diesem wunderbar gezeichneten Kurzfilm verschmelzen Architektur und Menschen durch Tapete und Kleidung, die dieselben Muster tragen, miteinander, was einen schönen Effekt generiert.

Die Geschichte ist alt, ja basiert sogar auf historischen Gegebenheiten, wohingegen die Umsetzung vor allem der Lustgefühle der angeheiterten Konkubine auf moderne Weise dargestellt werden und so eine Mischung von Alt und Neu generieren, die den Film zu einem Genuss machen.

„Grandpère“ erzählt die Geschichte des Grossvaters der Filmemacherin Kathrin Hürlimann, der vor Jahren ein Gebäude der PTT in Brand gesteckt hatte und dafür vier Jahre lang ins Gefängnis kam.

Die sorgfältig gezeichneten schwarz-weiss Zeichnungen zeigen in einfachen Bildern die Ungerechtigkeiten und den psychischen Druck, der den Grossvater schlussendlich zu seiner Tat verleitet hat. All dies wird durch Fotografien und alte Filmsequenzen ergänzt und von der Regisseurin in einem Voice-Over erzählt.

„Washed ashore“ geizt nicht mit skurrilen Anspielungen auf alltägliche Begebenheiten und steuert zielsicher auf sein katastrophales Ende zu.

All die Otto Normalverbraucher, die in diesem Kurzfilm die Tücken des Alltags ohne sich gross zu wehren auf sich einprasseln lassen, sind dermassen liebevoll gemalt und die Situationskomik ist dermassen detailreich und frisch dargestellt und begeht nicht den Fehler althergebrachte Erzählelemente zu recyceln, dass der Film einfach gefällt, auch wenn das dargestellte Leben im Grunde genommen erbärmlich ist.

„Mach mau chli Füür“ ist der perfekte Abschluss des Schweizer Wettbewerbs und zaubert dem Zuschauer durch das lustige Lied und die hübsche tänzerische Animation warme Gefühle ins Herz, auch wenn auf dem Bildschirm alles schief läuft und statt Wärme Kälte in die gute Stube gebracht wird.
Doch wer denkt, dass sich der singende Ofen und der Blasebalg davon aus der Ruhe bringen lassen, irrt sich.

Die eigens für diesen Film hergestellten Objekte sind liebevoll und wirklichkeitstreu gebaut worden, und geben dem Film ein ganz eigenes Aussehen.

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2

Der Mondmann

 

„Der Mondmann“ ist ein Langfilm und basiert auf dem gleichnamigen Kinderbuch von Tomi Ungerer und ist wunderbar anzuschauen.

Die Geschichte handelt vom Mann im Mond, der sich langweilt und daraufhin der Erde einen Besuch abstattet, wo er auf den machthungrigen Präsidenten der Welt trifft, der nun auch noch den Mond erobern möchte. Ein Wettrennen zum Mond beginnt zwischen den beiden Parteien, das schlussendlich glücklicherweise vom Mondmann, dank der Hilfe seines Wissenschaftlerfreundes, gewonnen wird. Nun kehrt Ruhe auf die Erde zurück und die Kinder können endlich wieder schlafen, jetzt, wo der Mondmann zurück im Mond ist und über sie wacht.

Die Figurenzeichnung ist sehr hübsch und angenehm anzusehen, die Umgebungen sind liebevoll und detailreich gezeichnet und ausgemalt.

Bei einigen wenigen Szenen scheinen die Animatoren nicht mehr genug Zeit gehabt zu haben, denn die animierten Bewegungen sind grob und lassen in ihrem lückenhaften Bewegungsfluss zu wünschen übrig. Ansonsten sind die Bewegungen geschmeidig und gelungen.

Der Mangel an den verschiedenen Charakteren spezifischen Bewegungsdetails wird aufgewogen durch die unglaublich reichhaltigen Geschichtsdetails, die eine bezaubernde Idee nach der anderen anbieten, wieso die Welt so ist, wie sie ist.

Obwohl das Zielpublikum des Filmes Kinder sind, gibt es eine Figur, die wohl hauptsächlich von Erwachsenen verstanden wird: Die Intrigen und Handlungen der Verführerin erschliessen sich nicht allen Kindern.

Der liebevoll gezeichnete, angenehm eingesprochene und vor Farben und lustiger Ideen überbordende Film ist eine Wohltat für jedes Kind und vermag es auch Erwachsene während seiner 95 Minuten Spieldauer bestens zu unterhalten.


 
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Tag 1
Tag 2.1
Tag 3
Tag 4