Fantoche 2013, Tag 2.1

Sep 06, 13 Fantoche 2013, Tag 2.1


 

Inhaltsverzeichnis

1. Consuming spirits

2. Persistence of vision

3. Gemeinsamkeiten der beiden Werke

 
 
 
 
 

Das Animationsfilmfestival Fantoche bietet bereits zum elften Mal während 5 Tagen eine reiche Auswahl an internationalen Kurz- und Langfilmen und unterstützt die Verbreitung und Steigerung der Akzeptanz von Animationsfilm als eigenständige Kunstform zusätzlich durch Fachgespräche und Präsentationen.

Das Angebot des Festivals reicht von Kinderfilmen über Erwachsenenfilme zu Performances und Ausstellungen und ist dermassen reichhaltig, dass ein Besuch sämtlicher Darbietungen unmöglich ist. Eine Auswahl muss getroffen werden. Im Fantoche-Special 2013 stelle ich Ihnen meine Auswahl vor.


 

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Consuming spirits

 

Consuming spirits is the main motivation of pub goers“ oder so ähnlich lautet eine Zeitungsüberschrift in diesem Film, deren erste zwei Worte diesem Film seinen Namen gegeben haben.

Es ist eine Legeanimation, die nach Aussage des Regisseurs Christopher Sullivan, mäandriert, bis sämtliche Fäden der Geschichte zusammenkommen. 85 Minuten lang folgt der Zuschauer Menschen mit furchtbaren Schicksalen, die grösstenteils selbstverschuldet sind. Oder hatten die Protagonisten überhaupt keine Wahl, sondern wurden von den verhängnisvollen Verkettungen miteinander in die Abgründe gerissen, die hier so genüsslich dargestellt werden?

Denn dass der Film es geniesst, sich im Schmerz der Charaktere zu ergehen, ihn zu überhöhen und wo immer möglich neue, abstossende Elemente in das Filmgeschehen einzubringen, ist nicht zu übersehen. Zu sehr wird darauf bestanden, in trägen Bewegungen die Figuren von hier nach da gehen zu lassen. Viel zu viel Anstrengung wird darauf verwendet, die Bewegungen der Glieder und Augen der Papierschnitte in ihre einzelnen Teile zu zerstückeln und unnötige Bewegungswiederholungen in beinahe jede Szene einzubauen. Viel zu sehr wird darauf bestanden, die Figuren hässlich zu halten. Viel zu viel Gestotter und langsame, schleppende Reden voll niederdrückender Worte werden den Figuren in den Mund gelegt. Die Stimmen der Sprecher mögen angenehm sein, die Geschichte mag interessant sein, das Animationskonzept mag mutig und gelungen sein und der Film mag auch reichlich mit dunklem Humor gespickt sein. All das hilft aber nicht, wenn der Film dennoch alles daran legt, das Wohlwollen des Zuschauers so lange anzugreifen, bis er sich wünscht, die Geschichte wäre endlich zu Ende erzählt.

Die Geschichte verlangt dem Zuschauer dermassen viel Energie ab, dass eine etwas leichtere Erzählweise nicht geschadet hätte. Ein unerfahrener Filmgänger wird dem Film bereits im ersten Drittel den Rücken zukehren. Erfahrene Filmgänger hingegen haben die Geschichte des Films spätestens nach der Hälfte verstanden und erhalten durch das Mäandrieren keine neue Information. Zu diesem Zeitpunkt wurde aber auch die drückende Schwere des Lebens der Protagonisten bereits zur Genüge mitempfunden und beginnt lästig zu werden.

Sicher, falls es das Ziel des Filmes ist, dem Zuschauer den Druck auf Herz und Schultern, den ein Lebens, wie es die Filmfiguren leben, hervorbringt, fühlbar zu machen – ein Druck der anhält und dem man scheinbar niemals entkommen kann – dann hat er seine Aufgabe erfüllt.

Wollte der Film jedoch eine drückende Geschichte erzählen und den Zuschauer dazu bringen, die Hände entsetzt vors Gesicht zu heben ob der furchtbaren Schicksale, deren er Zeuge wurde, dann gelingt das nur bedingt. Der Film sieht den Zuschauer nicht als seinen Verbündeten an, und verstellt sich so die Möglichkeit, seine Sympathie zu erhalten, beinahe komplett.

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Persistence of vision

 

„Persistence of vision“ ist ein Dokumentarfilm, der den 25jährigen Entstehungsprozess des nie zu Ende gemachten Filmes „The thief and the cobbler“ des dreifachen Oscarpreisträgers Richard Williams anhand von Interviews mit ehemaligen Animatoren nachverfolgt.

Der Film sollte Williams‘ Meisterwerk werden, der sich der Blutslinie grosser Künstler wie Leonardo Da Vinci und Rembrandt zugehörig sieht… wahrscheinlich nicht unbegründet. Nur leider hat er es als seine Aufnahmeprüfung in die Reihen dieser Meister gesehen, den besten Animationsfilm aller Zeiten zu schaffen, und hat darüber die Realität aus den Augen verloren. Ein Scheitern war unter diesen Umständen nicht zu vermeiden.

In jahrelanger Schwerstarbeit hat Williams‘ Studio die Entwicklung von Animation im Namen von „The thief and the cobbler“ vorangetrieben, fantastische Entdeckungen und Fortschritte gemacht, die gesamte Filmwelt, und nicht nur die Animationswelt revolutioniert, und hat dennoch für nichts weiter Augen gehabt, als für diesen Film, der zwar auch einige Hindernisse überwinden musste, die von ausserhalb des Studios kamen, schlussendlich aber von inneren Hindernissen, namentlich der Überperfektion und der Gier nach immer mehr und immer besser, dermassen blockiert wurde, dass der letzte Geldgeber, Warner Brothers ihn beschlagnahmt und einem anderen Team zur Fertigstellung übergeben hat. Das Resultat war ein Desaster, die Welt bekam den wahren Film nie zu sehen.

Die Teilstücke des Films, die im Dokumentarfilm gezeigt wurden, zeugen tatsächlich von Meisterschaft. Auch heute, bald ein halbes Jahrhundert nach den ersten Skizzen büssen die Bilder und vor allem ihr bewegter Zustand nichts an Kraft ein. Das ist nicht selbstverständlich, denn Animationsfilm entwickelt sich dermassen rasant, dass Dinge, die gestern noch interessant waren, heute bereits langweilig wirken. „The thief and the cobbler“ aber enthält dermassen wunderbare Bewegungen und Formkombinationen, dass das veraltete Figurendesign schnell vergessen wird.
Dennoch hätte der Film wohl keinen kommerziellen Erfolg gehabt – auch wenn Aladin nicht entstanden wäre, der sich ausgiebig am Rohmaterial von Williams‘ Film bedient hat -, denn Williams scheint es bei seinem Projekt nicht um das Erzählen einer Geschichte gegangen zu sein, sondern um das Meistern des Mediums Zeichenanimation. Das zeigt die Tatsache, dass niemals ein Storyboard existiert hat. Solche Filme – Filme ohne Geschichte – mögen zwar visuelle Meisterwerke sein, bekommen aber normalerweise nicht viel Applaus von der grossen Masse.

„Persistence of vision“, der Dokumentarfilm, der uns die Geschichte des oben vorgestellten Unternehmens näherbringt, stellt sich gänzlich in den Dienst der Erzählung und fällt als eigenständiges Machwerk nicht auf. Das schadet dem Inhalt des Dokumentarfilms keineswegs, steht bloss in starkem Kontrast zum Werk, von dem er erzählt. Nur der letzte Schriftzug: „Ein Film von Kevin Schreck“ macht darauf aufmerksam, dass gerade eben zwei Werke in einem genossen wurden, wobei das zweite Werk, der Dokumentarfilm, sich derart stark zurückgehalten hat, dass man sich fragt, wo er die ganze Zeit über gewesen ist.

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Gemeinsamkeiten der beiden Werke

 

Sowohl „The thief and the cobbler“, als auch „Consuming spirits“ sind beides Werke, die mehrere Jahrzehnte in Anspruch genommen haben, um zu entstehen. Ersterer hat über 25 Jahre lang an seiner Geburt gearbeitet, letzterer 15 Jahre lang.

Beide zeichnen sich durch Überlänge aus: „Consuming spirits“ hätte seine Botschaft auch in zwei Dritteln der Zeit bestens herüberbringen können, „The thief and the cobbler“ besitzt über neunzig Minuten gezeichnetes Filmmaterial, ohne jemals mit dem Erzählen der eigentlichen Geschichte begonnen zu haben.

Beide zeigen Formen des Getrieben-Seins: „The thief and the cobbler“ wird angetrieben vom Wunsch nach Perfektion. „Consuming spirits“ scheint danach zu streben, den dunkelsten Ort in der Seele von Menschen aufzutreiben und ans Tageslicht zu bringen.

Aber ich kann so viele Vergleiche ziehen, wie ich will. Im Grunde genommen haben diese beiden Werke rein gar nichts miteinander zu tun und einzig die Länge ihrer Entstehungszeit hat mich dazu verleitet, sie als Seelenverwandte zu betrachten.

 


 
Weitere Texte über das Fantoche 2013:

Tag 1
Tag 2.2
Tag 3
Tag 4
 
Links zu den vorgestellten Filmen:
Der von einem zweiten Animationsteam fertiggestellte Film „The thief and the cobbler“: The Thief And The Cobbler [DVD]