Akt

Aug 07, 13 Akt


 

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Manon Bijkerk (La Nonette), Künstlerin

3. David Rodgers – Ein Abriss über die Geschichte des Aktes

4. Emily Braun – Akt: Kunst oder Pornografie?

5. Yolanda Bohler, Fotografin

6. Gehört Nacktheit zum Akt dazu?

 

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Einleitung

 

Auf einem Podest steht eine nackte Frau im Kontrapost und rührt sich nicht. Um sie herum sitzen Schüler einer Zeichenklasse. Der Zeichenlehrer läuft zwischen den Schülern auf und ab und erinnert sie daran „mit dem Fadenschlagen“ zu beginnen.

Die Wissenschaftler David RodgersRodgers, David: „Nude“, in: The dictionary of art/ Editor: Jane Turner; consulting editor: Hugh Brigstocke; editorial advisory board: Terukazu Akiyama, et al.; London: Macmillan, 1996. und Emily Braun Braun, Emily: „Erkenntnis im Fleische“, in: Modigliani und seine Modelle, 2006 Royal Academy of Arts, London., die Fotografin Yolanda Bohler und die Künstlerin Manon Bijkerk sitzen im Hintergrund auf einer Polstergruppe und diskutieren miteinander. Ich setze mich zu ihnen und werde in Kürze jeden einzeln interviewen.

Eine zweite Zeichenklasse schliesst sich der ersten an. Die beiden Zeichenlehrer begrüssen einander, während das Aktmodell ihre Position verändert.

Der erste Zeichenlehrer erinnert seine Schüler erneut daran, mit dem Fadenschlagen zu beginnen, während der zweite seine Schüler seinerseits dazu auffordert mit dem Stand der Figur zu beginnen und die Person von den Füssen nach oben aufzubauen.

Lehrer 2: „Betrachtet, wie die Linien zueinander stehen. Zeichnet die Winkel des Körpers. Radiert eine Linie niemals aus und zieht jede Linie nur ein Mal.“

Lehrer 1: „Zeichnet erst die Konturen der Figur. Oder beginnt mit Kästen. Dann macht weiter bei den Schatten. So baut ihr langsam ein Gefühl für die Figur auf. Ihr müsst immer wissen, wo die Linien hinführen, auch wenn ihr sie nicht mehr seht, weil sie zum Beispiel hinter dem Rücken des Modells verschwinden. Ihr müsst immer ein 3D-Bild von der Figur im Kopf haben.“

Ein Schüler hebt die Hand: „Was macht einen guten Akt aus?“

Lehrer 2: „Wenn die Hände und Füsse in den richtigen Proportionen zum Körper dargestellt sind, dann ist dir die Figur gelungen.“

Das Modell nimmt erneut eine Kontrapoststellung ein.

David Rodgers: „Der Kontrapost ist das Symbol für Vitalität. Wusstet ihr das?“

Aktmodell: „Tatsächlich? Ich stehe bloss so, weil der Kontrapost eine Gelenkstellung im Gegensatz zu einer Muskelstellung ist und ich ihn daher länger halten kann.“

Schüler: „Was ist eine Gelenkstellung?“

Aktmodell: „Das ist, wenn ich meine Köperteile in den Gelenken abstütze und keine Kraft aufwenden muss, um die Stellung zu halten. Wenn ich zum Beispiel die Arme ausstrecke und nirgends abstützen kann, beginne ich nach wenigen Minuten zu zittern. Hängen sie aber locker an meinem Körper herunter oder liegen auf meiner Hüfte, kann ich stundenlang stehen, ohne die Ruhe der Stellung zu gefährden.“

Ich lache: „Was für ein Glück für die Modelle, dass der Kontrapost nicht nur angenehm zu stehen ist, sondern auch eine bei den Künstlern beliebte Symbolik besitzt. Seit wann gibt es denn Akte?“

Rodgers: „Die ersten Akte begannen in Griechenland vor dem fünften Jahrhundert vor Christus. Der Akt ist ein vorwiegend westliches Kunstthema. In Indien war der Akt auch weit verbreitet, doch hauptsächlich um Götter und symbolische Beziehungen zwischen Mensch und Natur, und Fruchtbarkeit darzustellen. Im mittleren und fernen Osten hingegen gab es kaum Akte. Es sind ein paar japanische erotische Drucke (shunga) und ukiyoe überliefert. Ansonsten war Nacktheit in der Kunst des Ostens selten.“

Er deutet auf unser Aktmodell: „Heutzutage gibt es sehr viele weibliche Akte. Zu den Anfangszeiten des Aktes in Griechenland waren die Aktmodelle jedoch ausschliesslich Männer. Sie wurden als Statuen auf Vasen abgebildet. Der erste weibliche Statuenakt war die Venus. Sie verkörperte das weibliche Schönheitsideal.“

Ich: „Der weibliche Akt zeigte Schönheit? Was zeigte der männliche Akt?“

Rodgers: „Der männliche Akt wurde in gewalttätigen Posen gezeigt oder mit dramatischen Themen in Verbindung gebracht, die beim Betrachter starke Emotionen auslösten. Er wurde zum Beispiel gern als sterbender Held dargestellt.“

Ich: „Waren die ersten Akte ausschliesslich Statuen?“

Rodgers: „Nein, aber die Statuen sind uns erhalten geblieben, wohingegen wir die Wandmalereien der Zeit nur aus späteren Kopien kennen. Aber auch in den Wandmalereien findet sich Nacktheit. Sowohl Skulpteure, als auch Maler waren auf der Suche nach idealer Schönheit.“

Ich: „Haben sie sie gefunden?“

Rodgers: „Es gibt die Anekdote, dass der Grieche Zeuxis den idealen weiblichen Akt durch die Kombination von fünf Modellen und ihrer besten Teile erreicht haben soll.“

Ich: „Die ideale Schönheit findet sich also in einem echten Menschen nicht?“

Yolanda Bohler: „Jeder Mensch hat seine Problemzönchen. Um diese „Makel“ kaschieren zu können, arbeite ich zum Beispiel bei meinen Fotografien mit Licht und Schatten. Anstatt Tücher zu verwenden, um ungeliebte Körperteile abzudecken, benutze ich Licht-Schatten-Kombinationen, damit nicht alles gesehen wird und die Fantasie sich frei entfalten kann.“

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Interview mit Manon Bijkerk (La Nonette), Künstlerin

 

Manon Bijkerk: „Hmmm… abdecken. Ich weiss nicht. Ich zum Beispiel mag es die Formen des weiblichen Körpers zu übertreiben, um sie voluminöser und sinnlicher zu machen.“

Ich: „In deinen Akten?“

Bijkerk: „Nein, überhaupt in meinen Zeichnungen. Akte habe ich in meiner professionellen Laufbahn bisher nur drei gemacht.“

Ich: „Wieso so wenige?“

Bijkerk: „Sie sind in einer schwierigen Zeit in meinem Leben entstanden. 2010 habe ich einen Erasmus-Austausch in Barcelona gemacht und habe dort gelebt und studiert. In dieser Zeit ist meine Mutter an Brustkrebs erkrankt. Als ich das erfahren habe, habe ich im Zug auf der Fahrt vom Strand zurück in die Stadt alle drei Akte gezeichnet, da ich mich so furchtbar gefühlt habe und mein Inneres ausdrücken musste. Diese Akte waren ganz anders als alles, was ich vorher gemacht habe. Sie haben meinen Stil auf einen Schlag verändert.“

Bijkerk: „Für jeden Akt habe ich nicht mehr als zehn Minuten gebraucht. Normalerweise skizziere ich erst mal ein wenig, bevor ich eine Zeichnung in Angriff nehme, aber bei diesen drei Akten habe ich das nicht gemacht. Sie sind alle sehr schnell und spontan entstanden und alle Entscheidungen sind unbewusst gefällt worden.“

Ich: „Das erste Mal, als ich sie gesehen habe, hatte ich das Gefühl, sie würden sich schämen.“

Bijkerk: „Schämen? Das empfinde ich nicht so. Diejenige mit dem Herz vielleicht ein wenig.“

Ich: „Ach, das ist ein Herz? Ich dachte, das ist ihre Intimregion.“

Bijkerk lacht: „Nein, das ist ein Herz. Vielleicht schämt sie sich ein wenig. Aber meinem Empfinden nach ist sie eher etwas traurig. Die beiden anderen Akte sind flirty und spielen mit dem Betrachter. Es kann aber sein, dass ich mich damals, als ich die Akte gezeichnet habe, geschämt habe, weil ich so glücklich in Barcelona war, während es meiner Mutter so schlecht ging, und dass sich dieses Gefühl in den Zeichnungen niedergeschlagen hat. Ich weiss es nicht. Es war nicht meine Absicht, dieses Gefühl in den Akten auszudrücken.“

Ich: „Wieso hast du die Farbe Rot in die Akte integriert?“

Bijkerk: „Rot ist eine sehr wichtige Farbe für mich. Sie ist eine sehr starke Farbe und kann sowohl als positiv und glücklich, als auch als negativ empfunden werden. Früher war das die einzige Farbe, die ich benutzt habe in meinen Bildern. Die Akte sollten erotisch, aber nicht sexuell sein. Ich hatte einfach das Gefühl, dass die Akte etwas rote Farbe brauchten, aber ich habe nicht wirklich darüber nachgedacht. Es war eine spontane Entscheidung. Ich arbeite oft so, dass ich erst weiss, was ich mache, wenn es gemacht ist.“

Ich: „Die Haare deiner Figuren sind normalerweise sehr sorgfältig ausgearbeitet. Bei deinen drei Akten ist aber das Gegenteil der Fall. Die Haare sind sehr stilisiert dargestellt. Wieso?“

Bijkerk: „Ich habe die Akte vor drei Jahren, 2010 in meinem dritten Jahr an der Kunstschule gemacht. Damals habe ich dem Darstellen von Haar noch keine grosse Aufmerksamkeit gewidmet. Ehrlich gesagt habe ich im 2010 Haar in meinen Arbeiten so weit wie möglich gemieden. Ich habe Kopftücher gemalt oder ganz einfach schwarzes Haar. Erst später habe ich damit begonnen, Haar aufmerksam und sorgfältig darzustellen. Bei meinen Akten war es zusätzlich eine Stilentscheidung, dass ihr Haar so aussieht. Es lässt sie spontaner und unordentlicher aussehen. Ich wollte etwas machen, was ich noch nie gemacht hatte. Ausserdem wollte ich nicht „hübsch“; ich habe nach dem Rohen gestrebt.“

Ich: „Wenn du „hübsch“ vermeiden wolltest, soll man dann die Pünktchen auf den Beinen der Akte als Haarstoppel deuten? Du benutzt Punkte oft, um Schatten darzustellen. Ist das hier anders?“

Bijkerk: „Nein, das sind keine Haarstoppel, das sind Schatten.“

Ich: „Eine der Damen scheint ein Band um ihr Bein gebunden zu haben.“

Bijkerk: „Genau. Das ist ein Band. Ich wollte sie etwas weniger nackt aussehen lassen. Man kann es auch als eine Art Lingerie, ein Strumpfband zum Beispiel, deuten. Ich finde, es sieht flirty aus.“

Ich: „Welcher dieser drei Akte ist dein Liebling?“

Bijkerk: „Ich mag sie alle. Je nachdem, wie ich mich gerade fühle, mag ich den einen mehr als den anderen, da alle drei eine voneinander sehr verschiedene Ausstrahlung haben.“

Ich: „Was denkst du von Akten im Allgemeinen? Was ist die „Aufgabe“ eines Aktes?“

Bijkerk: „Ich mag Akte, wenn sie einen weiteren Zweck, als reine Nacktheit, haben. Ich mag Egon Schieles Akte sehr. Sie beinhalten dermassen viele Emotionen und Schichten. Als ich jünger war, habe ich sehr viele Akte gemalt. Vor allem die Brüste waren meistens unbedeckt. Ich denke, das hatte etwas mit dem Frauwerden zu tun und mit dem Entdecken der Sexualität.

Ich denke auch, dass Frauen Akte sehr anders malen, als das Männer tun, da wir den Akt nicht als ein Objekt sehen, sondern als eine Person – vielleicht sogar als uns selbst. Deshalb malen wir Akte mit kleinen Schönheitsfehlern und lieben sie dafür. Und wenn ich eine Frau auf eine sexuelle Art male, dann ist sie sexuell für sich selbst und nicht, um jemand anderem zu dienen.

Kurz gesagt ist die Aufgabe eines Aktes diejenige, Emotionen auszudrücken. Rohe Emotionen, die versteckt bleiben würden, trüge die Person Kleider. Wenn du nackt bist, bist du am verletzlichsten, aber du kannst auch sehr viel Stärke ausstrahlen. Ich denke also, dass ein Akt diese beiden Empfindungen vereinen muss.“

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David Rodgers – Ein Abriss über die Geschichte des Aktes

 

Ich: „Wie hat sich eigentlich der Akt entwickelt? Vorhin haben wir erfahren, dass Akte ein vorwiegend westliches Kunstthema sind und in Griechenland begonnen haben. Zu Beginn war der Antrieb der Künstler einen Akt zu malen die Suche nach idealer Schönheit. Wie ging es danach weiter?“

Rodgers: „In der römischen Periode wich der Wunsch nach idealer Schönheit dem Wunsch nach Realität. Als das Christentum die alten römischen und griechischen Religionen ersetzte, hatte man keine Zeit mehr für Nacktheit und der Suche nach idealer Schönheit. Der Naturalismus wurde für den Formalismus aufgegeben. Der gekreuzigte Jesus zum Beispiel war bekleidet und auf realistische Anatomie wurde keinen Wert mehr gelegt.“

Ich: „Heisst das, während des gesamten Mittelalters gab es keine Akte? Das sind alles in allem doch ungefähr tausend Jahre. Eine lange Zeit.“

Rodgers: „Nacktheit hat man im Mittelalter ausschliesslich in sündhaften Zusammenhängen, wie dem Jüngsten Gericht und der Hölle, dargestellt.“

Ich: „Wann ging es wieder los mit Akten, die nicht sündhaft konnotiert waren?“

Rodgers: „Im 15. Jahrhundert. Zu dieser Zeit kam der Akt wieder auf. Antike Werte und Techniken wurden wiederentdeckt und angewendet.“

Ich: „Die Künstler gingen also dazu zurück Statuen herzustellen, die nach dem Schönheitsideal strebten?“

Rodgers: „Nein. Die Künstler dieser Zeit interessierten sich brennend für Anatomie. Das Abzeichnen lebendiger Modelle wurde ein normaler Teil des Studio-Betriebs. Von Leonardo DaVinci zum Beispiel weiss man, dass er unzählige Leichen seziert und anatomische Zeichnungen angefertigt hat. Obwohl die Künstler dieser Zeit sich sehr stark für Anatomie interessiert haben, waren sie dennoch auf der Suche nach idealer Nacktheit und mieden das Hässliche und das Extreme.“

Ich: „Wieso waren alle so versessen darauf, ideale Schönheit zu finden?“

Rodgers: „Das Ideale wurde als Widerspiegelung des Göttlichen angesehen. In diesem Zusammenhang wurden auch erneut männliche Modelle bevorzugt als Symbol für Moral und physischer Schönheit.“

Ich: „Wie ungerecht den Frauen gegenüber. Wieso wurden nicht auch Frauen als Symbol für Moral und physischer Schönheit angesehen?“

Rodgers: „Nur weil mehr Männer als Modelle eingesetzt und als Träger von Moral und Schönheit dargestellt wurden, heisst das noch lange nicht, dass Frauen als das Gegenteil dargestellt wurden. Ausserdem waren die Künstler nun mal Männer.“

Ich: „Hat ein Künstler schlussendlich das männliche Schönheitsideal gefunden?“

Rodgers: „Michelangelo führte den männlichen heroischen Ideal-Akt in der Form des David zur Perfektion. Nachher begann er den männlichen Körper zu übertreiben. Die Muskeln wurden überzeichnet. Michelangelo war nicht mehr auf der Suche nach Realismus, sondern nach einem Ideal.

Du hast vorhin nach den weiblichen Akten gefragt. Im 16. Jahrhundert kamen sie erneut zum Zug. Im Gegensatz zu den alten männlichen Akten, die mit Intellekt gefüllt worden waren, wurden die weiblichen Akte nun mit Sinnlichkeit gefüllt.

Ausserdem gab es eine weitere Neuerung: Giorigone führte den Akt in einer Landschaft ein. Akte in eine Landschaft einzubetten ist bis heute sehr populär geblieben.

Der weibliche Akt wurde immer naturalistischer und sinnlicher.“

Ich: „Ist das irgendeinmal zu einem Problem geworden? Hat sich Widerstand in der Gesellschaft geregt oder wurden Akte weiterhin bereitwillig akzeptiert?“

Rodgers: „Als Kunstthema wurde der sinnliche weibliche Akt weiterhin akzeptiert. In vorangehenden Jahrhunderten überwog jeweils entweder die Suche nach einem Ideal, oder der Naturalismus. Nun gingen beide Themen ineinander über. Sinnlichkeit und Ideal wurden vermischt. Ein Beispiel ist Parmigianinos Cupid mit Bogen.

Eine Zeit lang wurden elegante, bewegte und ausgeklügelte Figuren geschaffen, bis der Trend von der optimistischen Freude an der Schönheit abkam und in Richtung von expressionistischer, moralischer Ernsthaftigkeit ging, der jede Grazie abkam. Daraus folgte, dass Akte wieder in Verruf gerieten und Künstler nur bekleidete Personen darstellten.

In der Renaissance wurde im Norden Europas der Akt mit moralisierenden und religiösen Absichten benutzt.“

Ich: „Akte, die andere Themen ansprachen, konnten zu dieser Zeit also nicht geschaffen werden?“

Rodgers: „Wenn ein Künstler seine Akte klug begründete, wurden sie akzeptiert. Es konnten zum Beispiel nackte Nymphen gemalt werden, wenn darauf verwiesen wurde, dass das geschah, um antiken Künstlern und ihren Werken Reverenz zu erweisen, da diese jene Wesen nun mal leider Gottes auf diese Art abgebildet hatten.“

Ich: „Wurden diese Werke öffentlich ausgestellt?“

Rodgers: „Nein. Sie wurden für Auftraggeber hergestellt. Lucas Cranach zum Beispiel malte erotische Bildchen für den im Exil lebenden John Frederick.“

Ich: „Er lebte im Exil? Dann muss er verdorben gewesen sein.“

Rodgers: „Wieso denn das?“

Ich: „Weil keiner ins Exil geschickt wird, der sich an die Regeln der Gesellschaft hält.“

Rodgers: „Ach so. Du spekulierst.“

Ich: „Was ist mit der Hässlichkeit? Hat die sich überhaupt nicht mehr durchgesetzt?“

Rodgers: „Doch. Dürer zum Beispiel führte den leidenschaftlichen Realismus ein, der in Hässlichkeit überschwappte. Auch Sexualität kämpfte um ihren Platz im Akt. Im 17. Jahrhundert fand eine Gegenbewegung zur Künstlichkeit des Manierismus statt. Caravaggio malte als Erster offene homoerotische Gemälde. Dennoch blieb die stärkere Strömung in der Akt-Kunst klassizistisch. Die Künstler orientierten sich an Raphael und suchten nach der perfekten menschlichen Form.“

Ich: „Schon wieder?“

Rogders: „Immer noch. In der Geschichte des Aktes gab es ein ständiges Hin und Her zwischen dem Streben nach idealer Schönheit, das heisst nach einem Fantasiegebilde, und dem Wunsch, den menschlichen Körper so ungeschönt wie möglich darzustellen. Dass auch dieser Wunsch manchmal in Fantasiegebilde ausartete, die an Stelle der Schönheit die Hässlichkeit feierten, ist unvermeidbar. All diese Wünsche miteinander zu vereinen versuchten nördliche Künstler, indem sie zwar einerseits die antike Kunst und ihr Schönheitsideal bewunderten, in ihre Akte aber gerne Beobachtungen der Natur mischten und Pickel, Falten und sonstige Hautunreinheiten zeigten. Rubens zum Beispiel verschrieb sich mit Leib und Seele dem Malen von Fleisch, so wie sich Michelangelo dem Darstellen von Muskeln verschrieben hatte.

Rubens war übrigens auch einer der Ersten, der seine Modelle benannte. Er malte zum Beispiel seine zweite Ehefrau und nannte das Gemälde Hélène Fourment in a Fur Wrap („Het Pelsken“).

Ich: „Interessant. Wir können also folgenden Faden ziehen: Ideale Schönheit/Modell ist unwichtig => Darstellen des Menschen so nah an der Wirklichkeit wie möglich/Modell unwichtig => Darstellen des Menschen in all seinen Facetten, sowohl mit Blick auf die Wirklichkeit seiner Physiognomie, als auch mit Blick auf sämtliche Gedankenwelten, die an ihn geknüpft werden/Modell wichtig. Mit ständigen Überlappungen natürlich.“

Rodgers: „Wir befinden uns nun im Barock. Eine Vorliebe für grausame und morbide Erotik kam auf. Märtyrer wurden gerne gezeigt.

Im Rokoko kam erneut Frivolität und Fröhlichkeit bei den Akten auf. Die Themen waren Nymphen und Götter. Erneut überwiegten die weiblichen Akte die männlichen Akte.

Und dann ging es so hin und her. Mal waren die Akte frivoler, mal ernsthafter, je nachdem, was für eine Stimmung gerade in der Gesellschaft herrschte. Es bestand keine klare Linie mehr. Mal wurde der Akt offen erotisch, mal formal, mal dekorativ dargestellt – obwohl der Manierismus nicht sehr beliebt war zu dieser Zeit.

Dann gab es einen Wechsel und die Realisten unter den Impressionisten wollten die alten, verbrauchten Posen der antiken Skulpturen über Bord werfen. Die Themen waren nun traditionelle, mythologische, neben neuen Themen wie Harems und Orgien. Auch Badehäuser der alten Roms wurden als Motiv verwendet, neben realistischen Abbildungen in zeitgenössischen Umgebungen mit verhaltener Erotik.

Die neu aufgekommene Fotografie half sehr viel beim Erlernen von menschlicher Bewegung und menschlichen Posen.

Der Romantizismus mischte den Akten Gewalt bei. Konservativen Vorstellungen wurde aber Rechnung getragen, weshalb Erotik nur versteckt dargestellt wurde.

In der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde der Idealismus zum ersten Mal vollständig abgelehnt. Courbet schockierte mit seinen Akten. Manet ebenso. Sex wurde in die Bilder eingeführt durch das Darstellen von Prostituierten. Ausserdem wurde der Zuschauer direkt angesprochen durch Akte, die ihn anstarren.“

Ich: „Die versteckte Erotik der früheren Akte wich also einer Art gewaltsamen Sexualität?“

Rodgers: „Aber nicht nur. Degas malte Akte im Alltag. Frauen, die sich waschen, zu Bett gehen, etc.

Nachdem die Briten erst im Neo-Klassizismus den männlichen Akt in der britischen Kunst akzeptierbar gemacht hatten, gesellten sich nun auch die Amerikaner zu den Aktmalern.

Picasso führte den Primitivismus bei seinen Akten ein.

Die Mitte des 20. Jahrhunderts zeigt uns, dass inzwischen auch afrikanische, asiatische und südamerikanische Kunst eine wichtige Rolle in der Akt-Kunst spielte.

Als Freuds Psychoanalyse in der Gesellschaft breite Aufmerksamkeit bekam, wurde der Akt von den Surrealisten vermehrt für psychologische und emotionale Zustände benutzt. Ob allerdings innere Zustände des Modells, oder des Künstlers dargestellt sein sollten, ist oft unklar. Genitalien wurden nun klar sichtbar dargestellt. Daraus folgte, dass manch ein Kritiker Misogynie in diesen Akten erkannt haben will.“

Ich: „Und wie sieht es mit den Akten heutzutage aus?“

Rodgers: „Im 20. Jahrhundert hielt der Realismus an. Frauenakte überwogen. Männerakte wurden häufig homosexuell konnotiert dargestellt. Wie sich der Akt im 21. Jahrhundert weiterentwickeln wird, wird sich zeigen.“

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Emily Braun – Akt: Kunst oder Pornografie?

 

Ich: „David Rodgers hat uns gerade einen Abriss über die Geschichte des Aktes gegeben. Sie haben sich verstärkt mit Akten des letzten Jahrhunderts auseinandergesetzt. Was möchten Sie ergänzen?“

Braun: „Die Diskussion, ob Akte Kunst oder Pornografie sind, ist im vergangenen Jahrhundert besonders leidenschaftlich geführt worden. Vor allem Modigliani sieht sich dem Vorwurf der Pornografie regelmässig gegenüber.“

Ich: „Ist der Vorwurf begründet?“

Braun: „Modigliani spielt sehr offensichtlich mit der Sexualität. Er provoziert durch die dem Betrachter entgegengestreckten Sexualorgane. Man sieht auf seinen Gemälden die Schamhaare der Frauen. Es ist interessant, dass so gut wie alle Teile des menschlichen Körpers gezeigt werden können, ohne grosse Empörung hervorzurufen: Brüste, Gesässe, etc. Sobald aber Haare zu sehen sind, geht das grosse Geschrei los. Schamhaare auf Abbildungen sind bis heute ein grosser Streitpunkt.“

Ich: „Dann fallen seine Bilder also wirklich in die Rubrik Pornografie?“

Braun: „Es ist schwierig eine klare Trennlinie zwischen Akt-Kunst und Softpornografie zu ziehen. Grob gesagt ist Kunst etwas, das den Betrachter den schnöden Alltag vergessen macht durch das Reizen seiner Wahrnehmung. Bei Softpornografie werden die niederen Instinkte gereizt.

Modiglianis Akte werden gerne mit Playboy-Centerfolds verglichen. Da der Playboy aber nach Modigliani ins Leben gerufen wurde, kann Modigliani aus dieser Richtung keine Inspiration zugesprochen werden.“

Ich: „Bricht Modigliani gänzlich mit traditionellen Aktregeln?“

Braun: „Nein. Im Grunde genommen hält er sich stark an überlieferte Akt-Traditionen. Seine Frauen zum Beispiel entsprechen dem Schönheitsideal. Er selber sah eine Verbindung zwischen seinen Werken und denjenigen der italienischen Renaissance. Auch bietet Modigliani keine mit den Modellen verbundenen Attribute an, oder setzt sie in eine Umgebung, die zu allegorischen Überlegungen verleiten könnten. Modiglianis Akte konzentrieren sich ausschliesslich auf den menschlichen Körper.

David Rodgers hat von der unterstützenden Wirkung der Fotografie gesprochen beim Erlernen von Bewegung und Posen. Auch Modigliani nutzt die invasive, befreiende Ehrlichkeit der Kamera.

Manon Bijkerk, deren Akte gerade vorgestellt wurden, hat ihren Akten etwas rote Farbe beigefügt. Sie hat das jedoch instinktiv gemacht und ohne dadurch eine bestimmte Aussage anzustreben. Auch Modigliani benutzt Rottöne. Er macht das, um bei seinen Akten Sinnlichkeit darzustellen. Ein roter Schein liegt auf den Frauenkörpern, der den Eindruck körperlicher Erregung erzeugt.

Die Haut spielt in Modiglianis Akten eine Hauptrolle. Sie lebt, atmet, ist fühlbar dargestellt.“

Ich: „Michelangelo war fasziniert von Muskeln, Rubens von Fleisch und Modigliani von Haut. Yolanda Bohler, deren Aktfotografien wir gleich im Anschluss besprechen, interessiert sich ebenfalls sehr stark für Haut. Ob sich all diese Künstler wohl einem Thema widmen, das sogar losgelöst vom Menschen betrachtet werden könnte?“

Braun: „Vielleicht. Modigliani jedoch verbindet den Akt sehr wohl mit dem Menschen. Er sah im Akt, das heisst im Idealbild weiblicher Schönheit sämtliche Sinnesfreuden einschliesslich der Fleischeslust.“

Ich: „Ich kann daran nicht viel schmuddeliges erkennen. Woher kommt also der Vorwurf der Pornografie wenn es um Akt-Kunst geht?“

Braun: „Die Fotografie hat grossen Schaden angerichtet. Ab Ende des 19. Jahrhunderts hatten Pornobilder grossen Aufschwung. Auf ihnen wurde viel Haut gezeigt. Die Kamera befand sich aber meist in grossem Abstand zum Modell, das von hinten und mit verdecktem Gesicht gezeigt wurde. Durch die Reproduzierbarkeit der Fotografien hatten nun Alle Zugang zu diesen Bildern, wodurch sie vulgarisiert wurden. Früher, als diese Fotografien nur ein paar wenigen Auserwählten im stillen Kämmerchen zugänglich waren, waren sie noch etwas Besonderes. Dieses Besondere ging durch die einfache Reproduzierbarkeit verloren.

Um der Vulgarisierung Gegensteuer zu bieten, imitierten die Pornobildchen Posen der hohen Kunst und benutzten „klassische“ Accessoires, um sich selbst einen honorigen Anstrich zu verleihen.

Aktfotografie, die sich parallel entwickelte, benutzte ebenfalls ähnliche Posen, fand schnell Faszination an Formen, Verdrehungen, Verwinkelungen, etc. Der Körper blieb aber immer als Akt erkennbar. Stilisierungen, Verfremdungen und Rhythmik wurden gezeigt. Durch diese scheinbare Verwandtschaft von Aktfotos und Pornobildchen geriet die Aktfotografie in ständigen Verdacht, doch der Pornografie anzugehören.“

Ich: „Vielleicht wird ja Pornografie Unrecht getan?“

Braun: „Das ist möglich. Kunst und Pornografie werden traditionell als ästhetische und moralische Gegensätze angesehen. Es gibt jedoch Künstler, die dieses Verhältnis hinterfragen. Jeff Koons und Lisa Yuskavage zum Beispiel.

Überhaupt herrschen grosse Verwirrung und viele Vorurteile, wenn es um Akte geht. Zum Beispiel kommt es für die Bewertung eines Aktes durch die Gesellschaft stark darauf an, wer ihn erstellt. Ist die Künstlerin eine Frau, wird ein Akt gerne als Kritik angesehen. Ist es ein Mann, wird dem Akt Schmuddeligkeit vorgeworfen.

Alle Akt-Kritik macht einen fundamentalen Fehler: Der Künstler, das Modell und der Betrachter werden von vorneherein festgelegt: Der Künstler ist ein Mann, das Modell ist eine Frau und der Betrachter ist ein Mann. Aber es könnte alles sein. Vor allem der Betrachter kann jeden Geschlechts, jeder Bildung und Orientierung entspringen und jedwede Vorlieben haben.“

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Interview mit Yolanda Bohler, Fotografin

 

Ich: „Yolanda Bohler bricht mit dieser erwarteten Zuordnung: Sie ist eine Frau und ihre Modelle sind beiden Geschlechts. Die Betrachter der Bilder sind meist die Partner der Modelle, da die Akte Privataufträge sind.

Frau Bohler, Sie zeigen oft die Gesichter der Modelle nicht. Woran liegt das?“

Bohler: „Auf stilistischer Ebene gibt es dafür zwei Hauptgründe: Erstens finde ich persönlich Aktbilder ohne Gesicht viel interessanter, weil das Gesicht so vom Bild nicht ablenken kann. Zweitens ist der passende Blick für Akt oder Erotikbilder sehr schwer darzustellen. Sogar professionelle Models haben oft Schwierigkeiten, den Akt mit einem erotischen Blick zu bereichern. Für Laien, wie meine Kunden welche sind, ist das dann noch viel schwieriger.“

Ich: „Einige Ihrer Akte sind beinahe nicht mehr als menschliche Körper identifizierbar, sondern fokussieren auf das Spiel der Linien, Hügel und Täler. Was ist der Gedanke dahinter?“

Bohler: „Ich finde den Körper sehr interessant. Zuhause vor dem Spiegel im Schlafzimmer sieht man die nackte Wahrheit. Ich will den Kunden mit den Bildern die andere Seite des Körpers zeigen. Die Fantasie anregen. Sie sollen Details ihres eigenen Körpers sehen, aber nicht genau wissen, wo das ist. So können sie ihren Körper neu entdecken.“

Ich: „Vorhin haben wir bereits angedeutet, dass Sie von Haut stark fasziniert sind. Einige Ihrer Akte sind nass und scheinen zu frieren. Bei anderen sieht man jede Pore. Ein Akt ist tätowiert. Die Haut als Oberfläche ist Hauptdarsteller in vielen Ihrer Akte.“

Bohler: „Die letzte Serie eines Shootings mache ich oft mit Wasser. Zuerst wird die Serie ohne Wasser gemacht und dann mit. Mit Wasser lebt der Körper, er wirkt prickelnder und ist viel attraktiver. Das Wasser ist warm, da ich aber mit kleinen Wassersprühern arbeite, „kitzelt“ dies. Die Kombination zusammen ergibt ein kleines Frösteln. Über Jahre hinweg suchte ich das geeignete „Werkzeug“ um schöne Perlen auf den Körper zu zaubern. Baby-Öl, Honig, Wasserspritzer, …

Die Haut finde ich sehr interessant. Jeder Körper wirkt anders. Tattoos sind auch sehr faszinierend. Da muss sich aber der Kunde oft entscheiden, ob das Tattoo gut sichtbar und ausgeleuchtet ist oder ob das Gesamtbild wirken soll. Ich bin sehr angetan von Tattoos, habe selber aber den Mut nicht, eines stechen zu lassen. Wegen den Nadeln und der Angst, dass mir das Gestochene einmal nicht mehr gefällt.“

Ich: „Ihre Akte befinden sich im luftleeren, schwarzen Raum, der die Aufmerksamkeit vollständig auf die Körper lenkt.“

Bohler: „Ich benutze den schwarzen Hintergrund sehr oft, damit ich noch bewusster mit Licht und Schatten arbeiten kann. Alles was nicht im Fokus sein soll, verschwindet. Der Körper, die Form und das Gefühl sollen leben.“

Ich: „Können Sie sich vorstellen, die Akte mit der Umgebung in Kontakt treten zu lassen?“

Bohler: „Wie ist diese Frage genau gemeint?“

Ich: „Wenn ein Akt in erkennbarer Umgebung (Schlafzimmer, Wald, Parkplatz einer Grossstadt, etc.) ist, tritt er manchmal mit der Umgebung in Kontakt insofern, als dass er sich zum Beispiel in die Umgebung einpasst, oder genau das Gegenteil macht und aus der Umgebung heraussticht. Manchmal nimmt er Teile der Umgebung auf (Blumen, Bettdecke, etc.) und spielt damit. Eine karge Steinlandschaft wird durch einen Akt auf einmal interessant gemacht. Bei Ihren ausgestellten Fotografien gibt es keine Umgebung. Wenn doch, dann ist der Körper die Umgebung und z.B. das Entli scheint der Hauptdarsteller zu sein.

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Es entsteht ein Zwiegespräch zwischen dem nackten Körper und dem Entli.

Bei Ihren Akten im schwarzen Raum konzentriert sich die gesamte Energie des Bildes auf den Körper, da nichts anderes sichtbar ist. Auf diesen Bildern liegt eine Art Zauber.

Wird Umgebung in das Bild miteinbezogen, weitet sich diese Energie aus. Dadurch geht meinem Empfinden nach meistens etwas der Zauber verloren. Dafür wächst die Möglichkeit einer Geschichte (was macht der Akt in dieser Umgebung? Wieso ist er da? Wer ist er überhaupt, etc.). In folgendem Akt z.B. werden durch das Netz sofort Möglichkeiten zu einer Geschichte angeboten.

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Ich zum Beispiel sah darin ein Fischernetz und fragte mich: Sehen wir hier eine Frau, die im Wasser wohnt? Oder ist sie die Frau eines Fischers? Die Magie des Aktes wird ergänzt durch die Möglichkeit zu einer Geschichte.

Hat der Akt keinerlei Umgebungskontakt, sondern spielt nur mit Licht und Schatten, tritt das Verlangen nach einer Geschichte in den Hintergrund und man versinkt einzig und alleine im Betrachten der Formen.“

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Bohler: „Das ist richtig. In meinem Fall ist es so: Ich bin darauf spezialisiert, Aufnahmen im Studio zu machen. Ab und zu fotografiere ich einen Akt auch draussen. Im Wasser, Schrotthaufen, Natur… Hierbei ist auch meistens der ganze Körper zu sehen, mit Gesicht. Doch diese Bilder durfte ich bis jetzt noch nicht ausstellen, da die Kunden zu erkennbar sind. Ich kann also leider keine Beispielbilder anbieten.

Bei Aufnahmen draussen ist ein Mensch ein Teil von der Umgebung. Dies hat auch seinen Reiz, jedoch finde ich, dass das Auge des Betrachters zu fest abgelenkt wird und sich nicht mehr nur auf den Körper konzentriert. Im Gegenzug lässt ein Bild draussen, ganz richtig, mehr Freiheit für passende Geschichten im Kopf.

Mir ist bei meinen Akten der menschliche Körper am Wichtigsten. Ich konzentriere mich voll und ganz auf ihn, zeige seine – manchmal auch versteckten – Formen und weise durch diese Formen auf das Leben hin, das in dem fotografierten Körper steckt. Eine Arbeit in eindeutiger Umgebung würde die bedingungslose Konzentration auf den Körper brechen.“

Ich: „Manchmal agieren Ihre Akte als „Umgebung“, z.B. wenn Enten auf ihnen schwimmen. Was ist der Gedanke dahinter?“

Bohler: „Das Enteli Bild kann man dann auf verschiedene Arten betrachten. Als Aktbild und als Landschaft: Ein Enteli badet im See (Bauchnabel). Die Kombination finde ich abwechslungsreich und das Enteli kann dann beim Endbild zum Beispiel koloriert werden. So sticht ein kleiner Farbtupfer aus dem s/w-Bild hervor. Oder kleine Bergsteiger, die den Gipfel erklimmen. Die Brust ist der Gipfel, die Bergsteiger sind die Finger.“

Ich: „Was ist die Aufgabe eines Aktes?“

Bohler: „Ein Akt soll die Schönheit des Körpers zeigen ohne billig zu wirken. Der Betrachter soll viel Haut sehen, aber doch nicht alles. Der Intimbereich ist bei meinen Aufnahmen nie auf den Bildern. Die Fantasie des Betrachters soll das Bild ergänzen. Akte, die sich in Richtung Pornografie bewegen finde ich anstössig und plump.“

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Gehört Nacktheit zum Akt dazu?

 

Ich: „Was ist jetzt also ein Akt genau? Spontan würden wohl die meisten sagen, ein Akt ist ein nackter menschlicher Körper. Nach einem Moment des Überlegens würden wohl viele ergänzen, dass ein Unterschied zwischen Akten und Nacktbildern besteht. Akte kommen in vielen Formen vor: Als Gemälde, Statue, Fotografie,… Ob es Sprach-, Musik-, und Schriftakte gibt, ist mir momentan noch unklar. Ein erster Impuls von mir ist es, zu behaupten, Akte sind nur auf visueller Ebene möglich. Da aber im Zusammenhang mit Akten sehr schnell das Wort Symbolik verwendet wird, schleicht sich der Verdacht ein, dass ein Akt zumindest eine zweite Ebene hat. Eine intellektuelle Ebene. Auch Aussagen, wie: „Die Phantasie muss den Rest ergänzen.“ deuten darauf hin, dass Akte ohne diese intellektuelle Ebene nicht bestehen können.

Manon Bijkerk hat durch das Zeichnen ihrer Akte nicht nur ihre Gefühle verarbeitet, sondern sich auch zeichnerisch weiterentwickelt. Yolanda Bohler verwendet ihre Akte unter anderem dazu, um ein Gefühl von Leben darzustellen. Antike Künstler haben durch Akte abstrakte Vorstellungen wie Schönheit und Kraft versucht darzustellen. Spätere Generationen haben religiöse und moralische Ansichten durch Akte sichtbar gemacht. Im letzten Jahrhundert hat der Akt dazu beigetragen, sexuelle Themen zu verarbeiten. Ob der dargestellte Mensch all dieser Akte komplett nackt, teilweise angezogen, oder durch geschicktes Drapieren von Ästen und Tüchern bedeckt ist, scheint für die Rezeption des Aktes nie von ausschlaggebender Wichtigkeit gewesen zu sein. Die Qualität, die dem Akt von der Gesellschaft zugesprochen wurde und wird, hing und hängt weiterhin wesentlich von der mit ihm verbundenen Aussage ab.

Auf der Suche nach Interviewpartnern bin ich unter anderem auf MissMeow aus Kanada aufmerksam geworden. Sie ist ein alternatives Model. Leider war sie für ein Gespräch nicht erreichbar. Die Analyse ihrer Akte und weiterer Akte derselben Art brachte mich jedoch zu dem Schluss, dass Nacktheit und Akt nicht zwingend zusammengehören.

Heutzutage werden Brüste, Hinterteil und Intimbereich nicht mehr wie früher nur durch Äste und Tücher abgedeckt, sondern unter anderem auch durch schwarze Balken oder Sterne. Abbildungen, die diese Abdecktechnik benutzen, werden gerne dem schmuddeligen Bereich zugeordnet. Wenn man genau aufpasst, sind die Abbildungen aber nicht schmuddelig, weil ein nackter Körper darauf abgebildet ist, sondern wegen der Aussage, die die Abbildungen übermitteln.

Nehmen wir wieder MissMeow als Beispiel, so verstärkt sich ihr Nicht-Ausgezogen-Sein dadurch, dass sie reichlich tätowiert ist. Ab einem gewissen Grad an Tätowiertheit ist der Mensch auf einer Abbildung de facto nicht mehr nackt. Er mag nackt sein, wenn man ihn leiblich vor sich hat, doch auf einer Abbildung fungieren Tattoos, wie auch Body Painting als Kleidung. Dennoch strahlt MissMeow viel Nacktheit aus. Woran liegt das? Es ist ihr Blick. Es ist der Blick, den Yolanda Bohler erwähnt hat. Es ist der Blick, den Akte, die erst genommen werden möchten, tunlichst vermeiden. Sobald dem Blick eines Aktes eine Aussage zugeordnet werden kann, dominiert diese Aussage das gesamte Bild.“

Bohler: „Das stimmt. Die Mimik ist SEHR wichtig, wenn nicht sogar das Wichtigste an einem Akt. Wenn bei einem erotischen Bild, das anreizend wirken soll, auf einmal frech gelacht wird, passt das nicht.“

Ich: „Oder wenn auf einem an sich unschuldig komponierten Bild einer nackten Person der Blick anreizend ist, wird das Bild sofort erotisch konnotiert. Auch Blicke, die verraten, dass die nackte Person sich ihrer Nacktheit und – das ist der Hauptpunkt – ihres Betrachtet-werdens bewusst ist, werden erotisch, oder gar pornografisch konnotiert. Und Blicke, die sich dieses Betrachtet-werdens nicht nur heimlich, sondern ganz offensichtlich bewusst sind, diejenigen nämlich, die dem Betrachter direkt in die Augen schauen, haben gar keine Chance mehr und werden als anstössig abgetan.

Vielleicht hat Manon Bijkerk unbewusst ihre Akte vor Verurteilung bewahrt, indem sie sie mit schützenden Emotionen wie Scham, Verklemmtheit oder Schüchternheit belegt hat.

Yolanda Bohler schützt ihre Akte vor dem Richtspruch der Gesellschaft, indem sie ihren Blick verbirgt.

Und MissMeow weicht der Ablehnung des Betrachters dadurch aus, dass sie von allen hier besprochenen Akten diejenige ist, die am wenigsten nackt ist.

Was ist also ein Akt? Vielleicht kann man ihn wie folgt umschreiben: Ein Akt ist ein Seiltanz auf dem dünnen Faden der Kunst über einem Abgrund von Vorurteilen, ausgeführt von Protagonisten mit Selbstbewusstsein, jugendlicher Frechheit und einem lebenshungrigen Lachen auf den Lippen.“

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Links

The Dictionary of Art

Modigliani und seine Modelle.