Yang Fudong (杨福东)

Jun 13, 13 Yang Fudong (杨福东)


 

Inhaltsverzeichnis

1. Yangs Themen

2. Yangs Installationen

3. Die Rezeption von Yangs Schaffen

4. Gigon/Guyer und Atelier WW

 

 

 

1

Yangs Themen

 

Ich weiss nichts über Yang Fudong (杨福东).

Deshalb nehme ich das Angebot einer Yang-Liebhaberin dankbar an, gemeinsam mit ihr die Einzelausstellung „Estranged Paradise. Works 1993–2013“ von Yang Fudong in der Kunsthalle Zürich (hier) zu besuchen.

Hier sind ein paar Eindrücke:

Der junge Mann, der uns Besucher durch die Ausstellung führt, stellt Ai Weiwei (艾未未) und Yang Fudong einander gegenüber und weist darauf hin, dass Ai Weiwei ein Künstler sei, der in seinem Heimatland China wenig bekannt sei, im Westen jedoch grosse Popularität geniesse, wohingegen Yang Fudongs Kunst sowohl im Westen, als auch in China funktioniere.

Meine Begleiterin nickt und flüstert mir zu: „Das stimmt. Ai Weiwei kennt man in China hauptsächlich als politischen Aktivisten und weniger als Künstler.“

Ich denke an die Sonnenblumenkerne Ai Weiweis, die ich in der Tate Modern in London gesehen habe und werde vom jungen Mann mit diesem Wort zurück in die Kunsthalle nach Zürich geholt: „… Film noir.“

Film noir? Wo Film noir? Wie Film noir? Wieso Film noir?

Meine Begleiterin bemerkt meine Verwirrung und erklärt, dass oft gesagt würde, Yang Fudong beziehe sich mit seinen Filmen auf den Film noir.

Meiner Meinung nach stimmt das nicht. Yang Fudongs Filme, die ich in der Ausstellung sehe, haben mit Film noir nicht viel gemein. Mit der klassischen Verwendung des Begriffs „Film noir“ wohlgemerkt. Falls der Begriff aber meint, dass Yang Fudongs Filme oft schwarz/weiss sind, dann ist er richtig gewählt. Bloss: „Film noir“ und „s/w-Film“ ist nicht dasselbe.

„Yang Fudong fächert die Möglichkeiten von Video auf und benutzt den Raum wie eine Bühne.“, fährt unser Führer fort, „Das sind natürlich alles nur Assoziationen von mir. Falls Sie eine andere Meinung haben, teilen Sie sie gern mit.“, wendet er sich an uns Besucher.

Ich mache mir fleissig Notizen, um nichts sagen zu müssen. Vorläufig möchte ich wissen, was unser Führer zu sagen hat.

Die anderen Besucher schweigen ebenfalls und fixieren den jungen Mann eisern, bis dieser fortfährt: „In seinen Filmen bearbeitet Yang Fudong gerne das Thema Stadt – Land. In Tonight Moon Tonight Moon ist eine Videoinstallation. Mehrere kleine Bildschirme zeigen Szenen aus demselben öffentlichen Park einer Stadt in China. Die Parkbesucher wurden ohne ihr Wissen gefilmt. Links und rechts Reihen sich grössere Bildschirme auf. Hier werden von Darstellern gespielte Szenen gezeigt. Das alles vermischt sich zu einem einzigen Werk. zum Beispiel fungiert der Park als Landersatz. Yangs Werke sind ein Portrait seiner Generation. Sein berühmtester Film An estranged paradise bezieht sich auf A bout de souffle von Jean-Luc Godard und Stranger than paradise von Jim Jarmusch. In seinen Werken betont Yang die Kleidung sehr stark. Sie ist sehr wichtig für ihn, denn durch die Kleidung kann er einerseits die Ästhetik des Kapitalismus zelebrieren und andererseits auf Spannungen zwischen der Tradition und der Moderne hinweisen.“

Um seine Theorie der Spannung zwischen Tradition und Moderne zu untermauern deutet unser Führer auf eine Fotografie, die zwei Männerpaare abbildet. Ein Männerpaar trägt Businessanzüge, das andere trägt Pyjamas.

Diese beiden Männerpaare symbolisierten den jungen Menschen im aufstrebenden, kommunistischen China von heutzutage, erklärt unser Führer.

Die Besuchergruppe wandert weiter und stellt sich vor einer Fotoreihe auf, die junge Menschen in westlichen Businessanzügen zeigt. Die Betonung unseres Führers, dass die Businessanzüge westlich seien, lässt mich meine Begleiterin zur Seite winken und sie flüsternd fragen:

„Ist es heutzutage überhaupt noch sinnvoll von westlicher Kleidung zu sprechen? Hat sich dieser Business-Kleidungsstil nicht inzwischen auch in Asien durchgesetzt als genau das: Businesskleidung, unabhängig von Geographie oder Kultur?“

Meine Begleiterin nickt bestätigend: „Doch, ich würde auch sagen, dass heutzutage keiner in Asien mehr als nach dem Westen ausgerichtet betrachtet wird, wenn er im Anzug zur Arbeit geht. Der Businessanzug ist jetzt ein genauso selbstverständlicher Teil der asiatischen Arbeitswelt, wie der europäischen, amerikanischen und was sonst noch unter „der Westen“ verstanden wird.“

Die eben angesprochenen Fotografien seien in die Appropriation Art der 80er einzuordnen, erklärt unser Führer. Oder besser: Sie seien Appropriation-Art-like. „Werbung“ wirft er als Stichwort in die Runde und deutet mit ausufernder Bewegung die weisse Wand des Ausstellungsraumes entlang.

 

Im Stockwerk weiter oben, wo die Ausstellung weitergeht, treffen wir auf eine andere Fotoreihe, die den Glamour von 70er Celebrity-Fotos nachempfindet.

Der Kapitalismus werde hier gefeiert. Diese Fotografien seien eine Zelebration der Ästhetik des Kapitalismus.

 

Ms. Huang at M. Last Night, 2006

Ms. Huang at M. Last Night, 2006

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2

Yangs Installationen

 

In den abgedunkelten Räumen, in denen Yang Fudongs Filminstallationen untergebracht wurden, faszinieren mich als erstes die unzähligen Beamer an der Decke, die wie Drohnen über unseren Köpfen schwirren, während wir von Filmbildern eingekreist werden.

Ein sehr interessantes Konzept und eine äusserst angenehme Art, Kunst zu erleben. Als Zuschauer befindet man sich mitten im Film, ohne emotional an ihn gebunden zu werden, wie das bei herkömmlichen Filmen der Fall ist. Die bewegten Bilder, mit denen man konfrontiert wird, erzählen von einer weit entfernten Welt, deren Echtheit man bezweifelt. Zu stark sind sich die gefilmten Menschen der Kamera bewusst. Zu offensichtlich tun sie so, als seien sie sich ihrer nicht bewusst.

Die Aufmerksamkeit der Protagonisten in Yang Fudongs Filmen ist dermassen stark auf die Kamera gerichtet, ohne ihr jemals direkt in die Augen zu schauen, dass beim Zuschauer der Eindruck entsteht, sie fühlten sich nicht wohl. Hinter der Kamera, vor den Augen der Zuschauer verborgen, steht eine eiserne Macht, die den Protagonisten Anweisungen gibt, die diese ausführen, da das ihre Aufgabe ist. Sie wissen nicht, was sie machen. Sie wissen nicht, wieso sie es machen. Sie wissen nur, dass das, was sie da machen, wichtig ist. Deshalb machen sie es. Sie können die Situation, in der sie sich befinden, aber nicht richtig einschätzen. Sie haben keine Kontrolle über die Situation und liefern sich der von hinter der Kamera ausgehenden Macht vollständig aus, in der Hoffnung, dass sie nicht verletzt werden.

Als die Führung zu Ende ist, stellen sich meine Begleiterin und ich vor ihr Lieblingsbild The first Intellectual.

 

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Die Rezeption von Yangs Schaffen

 

Ich: „Erzähl mal. Was gefällt dir so gut an diesem Bild?“

Sie: „Ich weiss nicht. Es gefällt mir ganz einfach.“

Ich: „Kannst du nicht ein bisschen mehr sagen?“

Sie: „Yuko Hasegawa, die Chefkuratorin des Museums für Gegenwartskunst des 21. Jahrhunderts in Kanazawa, Japan sagt, es sei sehr schwierig das Werk Yang Fudongs mit Worten zu analysieren. Sie zieht Verbindungen zu den Lehren des Zen, die den Schwerpunkt auf Intuition und Übung legen und Intellekt und Rationalismus in den Hintergrund drängen. Ihrer Aussage zufolge soll Yang Fudong in dieser Zen-Tradition stehen und auch Aspekte des Taoismus in seine Werke übertragen haben. Seine Werke können also nur wirklich auf intuitiver Ebene als eine Art innere Erfahrung erlebt werden. (Link zum Text: http://www.parkettart.com/downloadable/download/sample/sample_id/91)

Ich kann dir also beim besten Willen nicht sagen, was genau mir an The first Intellectual  gefällt. Es gefällt mir einfach.

Es hat mir gefallen, als ich es zum ersten Mal gesehen habe. Dann habe ich es ein zweites Mal gesehen und es hat mir immer noch gefallen. Auch beim dritten Mal hat es mir gefallen. Und nun, beim vierten Mal, gefällt es mir immer noch.“

Ich lache: „Das ist doch schon was. Es gibt sehr viele Kunstwerke, derer man schnell überdrüssig wird. Beim ersten Mal findet man sie vielleicht noch ganz toll, aber bereits beim zweiten Mal schwindet die Leidenschaft dafür und wenn man sie sich ein drittes Mal anschauen gehen soll, hat man auf einmal andere wichtige Sachen zu tun. Dass das Bild dich also vier Mal von sich überzeugen konnte, zeugt von seiner Kraft.“

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Gigon/Guyer und Atelier WW

 

Im oberen Stock, dem seit 2012 fertiggestellten Aufbau, stellen wir uns vor das grosse Fenster, das auf die Limmatstrasse zeigt und betrachten das verschlafen in der warmen Abendsonne liegende Zürich. Ein idyllisches, beruhigendes Bild zeigt sich uns.

 

„Die Architekten haben das mit diesem Fenster hier wirklich gut gemacht.“, murmelt meine Begleiterin.

Ich nicke: „Wer sind die Architekten überhaupt?“

Sie: „Gigon/Guyer und Atelier WW.“

Wir nicken andächtig und versinken erneut im Bild des ruhig dahinzockelnden Verkehrs.

Als die Ausstellung schliesst, rennen wir einem Sicherheitsmann in die Arme. Ob noch Jemand in der Ausstellung sei.

„Nein.“, antworten wir und hoffen, als er hinter uns die Türe verriegelt, dass das auch stimmt.

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Texte über Yang Fudong:

http://leapleapleap.com/?s=+yang+fudong&submit=&lang=en

McKenzie, Lucy /Mehretu, Julie /Yang, Fudong: Insert: Steven Shearer (Parkett)

 

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