Live oder Reproduktion?

Mai 30, 13 Live oder Reproduktion?

 

 

 

 

 

 

 

Braucht es heutzutage überhaupt noch live-Ausstellungen von Kunstwerken? Reichen nicht die unzähligen Fotografien und beschreibenden und erklärenden Zusatzangaben, die mit Leichtigkeit in Büchern und im Internet gefunden werden können?

Meiner Meinung nach variiert das von Kunstwerk zu Kunstwerk.

Als Grundregel gilt: Jedes Kunstwerk sollte im Original betrachtet werden, um sicher zu stellen, dass das richtige Kunstwerk gesehen wird. Denn je nach Reproduktion variieren die Farben, die Grösse, das Material und die Existenzebene. Ausserdem geht bei einer Reproduktion die Hand des Künstlers verloren.

Möchte man also die Mona Lisa von Leonardo Da Vinci sehen, muss man in den Louvre nach Paris gehen. Möchte man aber nur eine Vorstellung davon haben, was die Mona Lisa ist, genügt auch das Betrachten mehrerer Abbildungen.

Nun gibt es Werke, deren Spannung über die Jahre hindurch gewachsen ist durch das Leben, das sich um sie herum entwickelt. Es wird von ihnen gesprochen, es wird über sie geschrieben, Hommagen an sie entstehen, manchmal ranken sich Skandale und Verbrechen um sie. Das Werk ist nun viel mehr als das, was es ursprünglich einmal war. Eine Begegnung mit dem Original birgt die Gefahr, dass die Zusatzebenen vom Werk abfallen und der Betrachter sich gegen Enttäuschung wehren muss, die mit Verlust jedweder Art unweigerlich einhergeht.

Mir ist das mit dem Schrei von Edward Munch so ergangen. Eigentlich müsste man sagen mit den Schreien. Ich sah sie an einer Ausstellung und war enttäuscht darüber, dass die Werke selbst nichts von dem in sich tragen, was ich mit dem Schrei assoziiere. Nachdem ich mich aber vom ersten Verblüfftsein erholt hatte, stellte ich mich dem Kunstwerk vor und bekam ein ebenso ehrliches Vorstellen als Antwort zurück. Seither mag ich den Schrei, so wie ich ihn kennengelernt habe. Den Schrei, mit dem ich bis zu meinem Ausstellungsbesuch gelebt hatte jedoch, habe ich verloren. Ich erinnere mich an ihn, aber er wurde abgelöst vom Schrei, den ich Angesicht zu Angesicht getroffen hatte.

Das genaue Gegenteil ist mir mit den Werken von Joan Miró passiert. Abbildungen und Texte haben in mir keine besondere Leidenschaft für diese Kunstwerke ausgelöst. Als ich aber an einem verregneten Nachmittag nichts Besseres zu tun hatte, als in eine Miró Ausstellung zu gehen, hat sich meine Meinung über Miró schlagartig verändert. Miró muss man live sehen. Ich wiederhole: Miró muss man live sehen. Ich könnte jetzt lang und breit erzählen, wieso, aber das würde die Situation, in der Sie sich befinden, falls Sie ihn noch nicht live gesehen haben, nicht ändern. Darum: Wenn Sie die Möglichkeit haben Miró live zu sehen, nehmen Sie sie wahr.

Das waren zwei Beispiele von vielen, die ich aufzählen könnte.

Es gibt also Kunstwerke, die durch ein Ausstellen verlieren, andere, die durch einen Dialog von Angesicht zu Angesicht gewinnen, wiederum andere, die vom Ausstellungsraum und –konzept erdrückt werden, falls der Kurator zu begeistert ans Werk geht, und schlussendlich welche, die in jedweder Form und Umgebung ihren Mann stehen.

Als Betrachter muss man sich all dieser Möglichkeiten bewusst sein und jedes Mal aufs Neue entscheiden, ob man das Original sehen möchte, oder nicht.

Falls Sie nun verunsichert sind, welche Entscheidung in dem spezifischen Fall, mit dem Sie konfrontiert sind, am besten ist, gebe ich Ihnen diesen Rat: Besuchen Sie das Original. Sie werden bereichert nach Hause zurückkehren. Ob die Bereicherung vom Werk ausgeht oder von den Seidenfäden, die zwischen Ihnen, dem Kunstwerk und Allem, was sich dazwischen befindet, gesponnen werden, wird sich herausstellen.

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