Athener Schaufensterpuppen

Apr 27, 13 Athener Schaufensterpuppen


 

Inhaltsverzeichnis

1. Die Rezeption der Abbildungen

2. Die Reihe der Aussortierten

3. Schaufensterpuppen als Symbolträger

 

 

 
 
 

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Die Rezeption der Abbildungen

 

 „Schaufensterpuppen sind keineswegs nur „Kleiderträger“, sondern sie spiegeln auch sich wandelnde Schönheitsideale wieder und sind somit stumm-starre, aber gleichzeitig beredte Zeitzeugen.“

Mit diesem Satz empfängt uns die Informationstafel über die Ausstellung Vitrina – Athener Schaufensterpuppen 1999 – 2012 von der Fotografin Ingrid Keller, die noch bis Mitte Juni 2013 in der Archäologischen Sammlung der Universität Zürich zu besuchen ist.

„Die Fotografien, die heutige Frauenbilder reflektieren, treten in einen losen Dialog mit den Abgüssen antiker Frauenstatuen.“, fährt die Informationstafel fort.

Ein Dialog also. Wer redet mit wem und worüber? Erwartungsvoll schaue ich Sie an, damit Sie mir die Ausstellung erklären. Sie heben abwehrend die Hände hoch. Sie sind auch gerade erst angekommen. Die kurzen paar Blicke, die Sie auf die Fotografien und Statuen geworfen haben, haben noch keine tiefe Einsicht bei Ihnen hervorgerufen.

Um meinem fordernden Blick zu entkommen wandern Sie nach rechts ab und treffen auf Athena Lemnia. Sie winken mich und die anderen zu sich.

Sie: „Da, sehen Sie mal. Hier haben wir eine Art Dialog.“

Athena Lemnia und rothaarige Schaufensterpuppe

Athena Lemnia und rothaarige Schaufensterpuppe

Andächtig nickend betrachten wir die rothaarige Schaufensterpuppe, die laut ihre Meinung herausschreit, und das stumme Gipsabbild von Athena Lemnia, das ihren Ausführungen Gehör verleiht.

Sie: „Es ist schon lustig wie das Nebeneinanderstellen von Statue und Fotografie beim Betrachter das Gefühl hervorruft, dass die beiden eine Verbindung zueinander hätten. Dabei steht die Statue immer gleich da, egal, was vor ihr platziert wird. Und die Puppe auf der Fotografie wird auch niemals ihren Mund schliessen. Egal, wo sie steht und ob überhaupt jemand oder etwas bei ihr ist.“

Ihr Begleiter fügt an: „Ausserdem ist das, was wir da sehen, überhaupt nicht die Schaufensterpuppe, sondern bloss ein Abbild der Schaufensterpuppe.“

Sie: „Das ist richtig. Und die Statue ist auch nicht die echte Statue, sondern bloss ein Gipsabguss der richtigen Statue, die in Dresden in der Skulpturensammlung der staatlichen Kunstsammlungen steht.“

Ihr Begleiter lächelt: „Wir haben hier also einen Dialog nicht zwischen einer Schaufensterpuppe und einer Marmorstatue, sondern zwischen Licht und Gips?“

Sie lächeln zurück. Der Rest der Gruppe steht etwas abseits und hört Ihrem Gespräch zu. An unseren unsicheren Blicken ist abzulesen, dass Sie die Hälfte von uns bereits verloren haben. Offensichtlich aber nicht alle, denn eine dritte Person mischt sich in Ihr Gespräch ein.

Dritte Person: „Spielt das überhaupt eine Rolle? Ist das Wichtige nicht der Gedanke, der übermittelt wird?“

Sie: „Gedanke?“

Dritte Person: „Na, ob es jetzt eine wirkliche Schaufensterpuppe oder eine Fotografie davon ist, spielt eigentlich keine Rolle, da wir wissen, dass es eine Schaufensterpuppe sein soll und unsere Reaktionen das als Grundlage nehmen.“

Sie: „Das kommt auf die von Ihnen angestrebte Reaktion darauf an. Wenn Sie einen Dialog suchen, werden Sie wohl eher dazu tendieren die beiden hier ausgestellten Objekte als Schaufensterpuppe und Statue zu sehen, anstatt als Fotografie und Skulptur, das heisst als Ansammlung von Farben und Aufhäufung von Gips. Streben Sie aber auf ein anderes Ziel zu, kann es sehr wohl passieren, dass die Gedanken „Schaufensterpuppe“ und „Statue“ schlussendlich ganz aus Ihren Überlegungen verschwinden.“

Ihr Begleiter: „Da wir aber von Anfang an in die Richtung gelenkt wurden, einen Dialog zu sehen, ist es verständlich, dass wir, um unser Ziel zu erreichen, menschenähnliche Strukturen zu erkennen versuchen. Das Wort Dialog ist in unseren Köpfen nämlich sehr stark mit dem Sprechakt verbunden; und dieser wiederum ist mit dem Menschen verbunden. Wenn wir also einen Dialog suchen, suchen wir einen Menschen, der spricht.“

Dritte Person: „Zwei Menschen. Sonst wäre es ein Monolog. Es braucht mindestens einen, der spricht und einen, der zuhört.“

Eine vierte Person bringt sich ein: „Eigentlich braucht es Zwei, die sprechen. Ansonsten geschieht so etwas wie dort drüben, wo jeder sich um sich selber kümmert und keiner auf den anderen eingeht.“

Die Gruppe dreht sich um und betrachtet die Situation, auf die die vierte Person aufmerksam gemacht hat.

Amazone Typus Mattei und Schaufensterpuppen

Die dritte Person murmelt: „Das ist richtig. Hinter den Stellwänden findet ein Kampf statt. Vor den Stellwänden kümmert sich die Amazone Typus Mattei nur um sich selbst. Auf den Stellwänden posieren die Schaufensterpuppen und interessieren sich nicht dafür, ob und wie sie rezipiert werden.“

Eine fünfte Person: „Immerhin sieht man diesen Schaufensterpuppen an, dass es wirklich Puppen sind. Als wir angekommen sind und Sie sich alle auf die Informationstafel gestürzt haben und dadurch meinen Blick darauf versperrt haben, habe ich mir die ersten paar Fotografien angesehen, und dachte, das Thema wären Frauenportraits.“

Wir folgen der fünften Person zu einer Stellwand, um zu sehen, was sie meint.

IMG_4664

Sie: „Sie dachten, die rechte Fotografie zeige eine echte Frau? Bei der linken verstehe ich es ja, aber rechts?“

Fünfte Person: „Ich dachte, ihre Haut wäre durch Photoshop verändert worden.“

Ihr Begleiter: „Aber, aber, wussten Sie denn nicht, dass es bei der Ausstellung um Schaufensterpuppen geht?“

Fünfte Person: „Nein. Ich bin einfach mal mitgekommen und habe mich überraschen lassen.“

Sie betrachten die rechte Fotografie eingehend: „Nun gut, heutzutage ist mit Photoshop ja praktisch alles machbar. Die Haare hätten Ihnen verraten können, dass es sich um eine Puppe und keine echte Frau handelt. Aber da die Augen hinter dunklen Brillengläsern versteckt sind, wird das Erkennen von Leben oder eben dessen Abwesenheit erschwert.“

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Die Reihe der Aussortierten

 

Fünfte Person: „Einige dieser Puppen sind so lebensecht, dass einem richtig mulmig zumute wird. Sehen Sie sich mal die Augen von dieser hier an. Sieht es nicht aus, als würde sie weinen?“

Weinende Schaufensterpuppe_kunstalker

Dritte Person: „Sie steht ja auch in der Reihe der Aussortierten. Da passen Tränen wunderbar.“

Ihr Begleiter: „Ich frage mich bloss, ob sie wirklich aussortiert war. Sie sieht nämlich nicht kaputt aus, im Gegensatz zu den anderen.“

Das ist das Bild der „weinenden“ Schaufensterpuppe:

IMG_4678

Hier folgen die restlichen Puppen der Reihe der Aussortierten
Reihe der Aussortierten ist ein Name, der nur innerhalb dieses Textes verwendet wird. Die Ausstellung selbst betitelt ihre Fotografien auf keinste Weise und fügt sie auch nicht offiziell in Gruppen zusammen.
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Sie: „Wahrscheinlich wurde sie in diesen Themenblock mit hineingenommen, genau weil sie Tränen in den Augen hat, was gut zum Thema Verfall, Verrat, oder was auch immer der zugrundeliegende Gedanke war, passt. Es ist auf jeden Fall etwas Negatives, das Mitleid beim Betrachter hervorrufen soll.“

Ich: „Sind Sie sicher, dass der Betrachter Mitleid empfinden soll?“

Sie: „Die gewählten Bildausschnitte, Blickwinkel, Bildkompositionen und Posen der Puppen lassen diese Vermutung nahe treten. Kommt das Ausstellungskonzept denn von der Fotografin selbst, oder vom Kunsthistorischen Institut oder von jemand ganz anderem?“

Ich: „Das weiss ich nicht. Es steht nirgends.“

Ihr Begleiter: „Das spielt aber nur eine Rolle, wenn wir wissen wollen, ob diese kaputten Puppen als Gruppe gedacht waren oder nicht. Die Bilder selbst sprechen für sich. Die Fotografien dieser kaputten Puppen sind diejenigen, die von allen der Ausstellung den stärksten Subtext haben. Sie sind ganz eindeutig emotional aufgeladen. Diese Puppen können nicht von einem neutralen Standpunkt her betrachtet werden. Die im Bild enthaltenen Emotionen sind zu mächtig dafür.

Aber auch die anderen Puppen, das heisst die Art, wie die Puppen fotografiert wurden, bieten dem Betrachter viel Spielraum für Fantasien. Ganze Lebenswelten können um die Puppen herum gesponnen werden.“

Vierte Person: „Ich finde, die heilen Puppen geben mehr Freiraum, um über Themen wie Das Frauenbild im Wandel der Zeit, oder Schönheitsideale, oder Die Macht der Medien, oder Manipulation, oder dergleichen nachzudenken. Da sie im Gegensatz zu den kaputten Puppen nicht emotional aufgeladen sind, kann man etwas Abstand zwischen sich und sie bringen und sie als Grundlage für abstrakte Diskussionen verwenden.“

Dritte Person: „Interessanterweise wird ein Thema bei diesen Fotos beinahe vollständig ausgeklammert: Mode. Ist das nicht paradox? Mode ist doch ein sehr starkes und interessantes Thema mit zahllosen Übergängen in alle möglichen anderen Themen. Schaufensterpuppen stehen im Dienste der Mode. Dennoch wird dieser Aspekt hier komplett unterdrückt.“

Vierte Person: „Ja, das ist wirklich merkwürdig. Mode ist der Lebensgrund für Schaufensterpuppen. Gäbe es keine Mode, gäbe es sie auch nicht. Doch hier werden sie so dargestellt, als hätten sie ein davon unabhängiges Eigenleben.“

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3

Schaufensterpuppen als Symbolträger

 

Fünfte Person: „Sie werden hier gar nicht als Schaufensterpuppen präsentiert, sondern als Menschen. Sogar diejenigen, die eindeutig Puppen sind, werden durch den Kontext, in dem sie hier ausgestellt werden, zu Menschen gemacht. Was wir auf diesen Fotografien sehen, sind gutaussehende Menschen.“

Ich: „Fühlen wir uns ihnen dadurch nahe?“

Ihr Begleiter: „Nein. Durch ihr Styling und ihre Posen rücken sie auf eine Ebene, die sie zu Symbolträgern macht. Sie sind „die Gutaussehenden, die jederzeit wissen, wie man sich richtig kleidet“. Da wir aber ganz genau wissen, dass sie Puppen sind, wissen wir auch, dass sie sich nicht selber gekleidet haben, sondern gekleidet wurden. Dadurch werden sie unmündig gemacht. Leblose, unmündige Schönheiten sind Puppen. Wir sehen sie also wieder als Puppen und nicht als Menschen.“

Fünfte Person: „Und wenn wir nicht wüssten, dass es Puppen sind? Ein paar wenigen von ihnen sieht man wirklich nicht an, dass sie keine echten Frauen sind.“

Ihr Begleiter: „Dann würden wir sie dennoch als Puppen klassifizieren, da ihre Ausstrahlung auf den Fotos diejenige einer Statue ist. Natürlich könnte auch ein lebendiges Model dieselbe Pose für ein Foto einnehmen und den Blick starr in die Ferne schweifen lassen. Derselbe Effekt würde erzielt werden. Aber das Model wäre auf diesem Foto kein lebender Mensch, sondern ein Symbolträger. Genau wie die Schaufensterpuppen.“

Sie: „Ist nicht sowieso jede Fotografie Symbolträger?“

Dritte Person: „Darüber lässt sich streiten.“

Alle sind für einen Moment still. Diejenigen der Gruppe, die schweigend zugehört haben, beginnen sich zu verstreuen und den Rest der Ausstellung anzuschauen.

Als wir uns die Ausstellung zu Ende angeschaut haben, treffen wir uns vor der linken Treppe.

Offensichtlich hat Ihnen die Ausstellung gefallen, denn Sie hatten ja einiges zu sagen. Darum wünsche ich Ihnen nun einen schönen restlichen Tag und freue mich darauf, bald wieder gemeinsam mit Ihnen Kunst zu betrachten.

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Links zu weiteren Texten über die Ausstellung:

Universität Zürich, Medienmitteilung vom 13.03.2013

Archäologische Sammlung, 14.03.2013

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