OneTruth

Dez 13, 12 OneTruth

 

Inhaltsverzeichnis

1. We trust in colors 4

2. Vorstellung von Pase und Dr. Drax

3. Anerkennung und Schutz der Werke

4. Pases Werke

5. Dr. Draxs Werke

6. Selbstportraits?

7. Die Hängung

 

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We trust in colors 4

 

Diesmal nehme ich Sie mit an die Ausstellung „We trust in colors 4“ von OneTruth, die vom 30.11. – 02.12.2012 stattgefunden hat.


Als wir das Atelier an der Allmendstr. 125 in Zürich betreten, posieren gerade zwei hübsche junge Damen für eine Fotografin vor den ausgestellten Bildern, während DJ Stigmann stimmige Musik auflegt. Dr. Drax nickt uns kurz grüssend zu und widmet sich wieder seinem Gespräch mit dem Galeristen Andreas Rieder, der die beiden Brüder Pase und Dr. Drax in den nächsten fünf Jahren begleiten und sowohl national, als auch international aufbauen wird.

Lassen Sie uns die Arbeit folgendermassen aufteilen: Ich übernehme das Interview, Sie übernehmen das Betrachten der ausgestellten Kunst.

„Soll ich nicht eure richtigen Namen aufschreiben?“, frage ich Pase.

„Nein, benutz‘ lieber unsere Künstlernamen. Die sind wichtiger. Unsere Geburtsnamen teilen noch mehrere Künstler, aber unsere Künstlernamen sind einmalig und unverwechselbar.“

Dann eben eine kleine Information zu den Künstlernamen Pase und Dr. Drax: Man spricht sie nicht englisch, sondern deutsch aus. Alle Namen der Graffiti-Crew OneTruth spricht man deutsch aus. Da wären: Pase, Dr. Drax, Werk, Senor, Reason, Pixel und Dosey.

Pase: „Früher waren wir mal 15 Leute. Aber inzwischen hat sich das auf sieben eingependelt. Es sind auch nicht mehr alle gleich aktiv. Wir arbeiten zwar immer mal wieder zusammen an Projekten (das Letzte war der Tausendfüssler an der Bederstrasse Werkhof Zürich), doch nicht mehr so häufig wie früher. Das liegt unter anderem daran, dass ein paar im Ausland wohnen und wir nicht mehr so viele Gelegenheiten haben, miteinander zu arbeiten.“

An der Ausstellung sind Werke von Pase, Dr. Drax, Dosey und Safu zu sehen. Safu gehört nicht zu OneTruth, teilt aber das Atelier mit den Brüdern.

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Das Bild einer Frau. Künstlerin: Safu.

Unos

Was sehen Sie in der Bemalung dieses Autos? Eine Möglichkeit ist folgende: Sie sehen ein weisses Auto, auf das eine Mauer rote Ziegelsteine geblutet hat. Durch die Anordnung der roten Farbe wird eine ganze Geschichte erzählt: Das Auto ist mit übersetzter Geschwindigkeit gefahren, hat die Bodenhaftung verloren und ist seitwärts an einer Mauer entlang geschlittert. Dadurch hat es die Mauer aufgerissen, die wiederum auf diese Verletzung reagiert hat, indem sie Ziegelsteine auf das Auto geblutet hat. Da die Seite des Autos nicht kaputt ist, kann davon ausgegangen werden, dass es ohne anzuhalten weitergerast ist und die Mauer bereits weit hinter sich gelassen hat.

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Vorstellung von Pase und Dr. Drax

 

Links: Pase. Rechts: Dr.Drax

Das sind die beiden Brüder Pase (links) und Dr. Drax (rechts). Sie sind halb Schweizer, halb Tibeter, Ende Zwanzig, aufgewachsen bei ihrem Onkel, da ihr Vater gestorben ist, als sie noch sehr jung waren.

Pase: „Mein Bruder hat schon immer gezeichnet. Er war eigentlich der Künstler in der Familie, und hat zum Beispiel auch ununterbrochen Comics gelesen. Ich habe mich mehr für Musik interessiert.“

Dr. Drax: „Zu Graffiti bin ich aber über meinen Bruder gekommen. Der hat irgendwann mal damit angefangen mit seinem Kollegen loszuziehen. Ich habe das am Anfang gar nicht kapiert, wieso er, immer wenn es dunkel geworden ist, weggegangen ist. Erst als immer mehr Graffiti im Dorf aufgetaucht sind, habe ich gemerkt, dass es da eine Verbindung zu meinem Bruder gibt. Und dann irgendwann mal hat er mich mitgenommen.“

Pase: „Ich bin erst durch Graffiti kreativ geworden. Ohne Graffiti hätte ich ganz was anderes gemacht. Ich habe ja auch Koch gelernt.“

Ich: „Aber du arbeitest nicht als Koch?“

Pase: „Nein. Wir haben uns entschieden Künstler zu sein. Koch gäbe zwar finanzielle Sicherheit, doch wäre ich da in meiner Freiheit eingeschränkt. Ich hätte immer Jemanden, der mir sagt, was ich machen soll… das ist nicht so mein Ding. Ich mag es lieber, dass ich  machen kann, was ich will.

Inzwischen haben wir viele gut bezahlte Projekte, unter anderem für Google, Mercedes, Stadt Zürich, Eda Schweiz, usw. Das hier verdiente Geld gibt uns die benötigte Zeit und Freiheit für eigene Projekte, für die wir nicht bezahlt werden.

Am Anfang aber war es sehr schwierig für uns als Künstler beruflich überleben zu können. Damals war es oft so, dass ein Kolleg dich angefragt hat, ob du bei einem Projekt mitarbeiten willst. Er hat dir die Dosen bezahlt und manchmal hast du auch noch ein klein wenig Geld zusätzlich bekommen.

Zum Beispiel gibt es einige Leute, die ein Bild an der Schlafzimmerwand ihres Kindes haben möchten. Die bezahlen dann auch etwas dafür. Aber die Meinung, dass Graffiti billige Kunst ist, ist leider immer noch sehr verbreitet. Darum denken viele, sie können uns sehr wenig bezahlen für unsere Arbeit.

Aber wir haben ja auch einen Arbeitsaufwand, genauso wie alle Anderen. Wir stecken Zeit, Leidenschaft und Können sowohl in das Konzipieren, als auch in das Anfertigen des Bildes und schluddern da nicht einfach schnell etwas hin. Unsere Arbeiten sind qualitativ sehr hochwertig, und das was wir machen, kann auch nicht Jeder. Wir haben viele Jahre in unsere Ausbildung gesteckt.“

Ich: „Was für eine Ausbildung habt ihr denn?“

Pase: „Wir sind Autodidakten. Das macht es in der Arbeitswelt etwas schwieriger, weil alle ein Diplom gezeigt bekommen möchten.“

„Weil viele Leute keine eigene Meinung zu Kunst haben und die Bestätigung einer Institution benötigen, um sicher sein zu können, dass sie da gute Kunst vor sich haben.“, denke ich.

Ich: „Was ist denn der Unterschied zwischen einem Graffitikünstler und einem klassischen Künstler?“

Pase: „Ein klassischer Künstler geht an eine Kunstschule, malt auf Leinwand und stellt in einer Galerie aus, weil das seine einzige Möglichkeit ist, seine Kunst zu zeigen. Ein Graffitikünstler hat die Strasse, auf der er seine Kunst ausstellen kann. Dafür hat er es schwerer, in eine Galerie zu kommen, weil die Hürde für Künstler, die vom Graffiti kommen, höher ist, von der Gesellschaft als Künstler akzeptiert zu werden. Einige klassische Künstler versuchen sich auch auf der Strasse, scheitern aber oft, da sie Streetart nicht machen, sondern sie benutzen.“

Ein paar neue Besucher kommen an. Pase geht ihnen entgegen, um sie zu begrüssen und herumzuführen. Ich vertiefe mich in der ausgestellten Kunst. Die Brüder haben keine Hilfe bei der Hängung in Anspruch genommen. Hatten sie ein Konzept?

Dr. Drax: „Nein, wir hatten nicht wirklich ein Konzept. Aber es gibt doch eine Art Gruppierung. Hier stehen Pases Sachen, dort meine, dort in der Ecke ist die KunstalkerDie Bagheadfamily ist eine Familie von gemalten Papiertütenköpfen mit riesigen Augen und Zacken am unteren Rand. Sie wurde von einer Gruppe von Künstlern unter anderem als Promoaktion eingesetzt. Im Zeitraum von 2009 bis 2011 tauchten diese Bagheads in der gesamten Stadt Zürich auf, stülpten sich über die Köpfe von Statuen, und überklebten die Gesichter von Unterwäschemodels auf Werbungen. Da die Bagheads leicht zu entfernen waren, wurde die Aktion nicht als Vandalismus angesehen und bekam viel Aufmerksamkeit sowohl von Passanten, als auch von der Presse.
Obwohl OneTruth im Rahmen der Aktion sogar ein anonymes Mail mit dem Inhalt: „Wir sind jetzt in der Stadt. Bagheadfamily.“, geschrieben hat, ist die Bagheadfamily ein eigenständiges Produkt mehrerer Künstler und deshalb nicht untrennbar an den Namen OneTruth knüpfbar.
Oben ist ein Beispiel eines Baghead zu sehen, der der gemalten Figur übergestülpt wurde.
Auf dem rechten Arm der Figur ist zu lesen: I see dead people.
Klicken Sie auf das Bild um es grösser zu sehen.
Bagheadfamily
, dort drüben meine Schlaraffenlandwelt, und da Schriftzüge.“

Ich deute auf folgende beiden Werke:

Dr.Drax_rosa_Männchen_kunstalker

Dr.Drax

Dr.Drax_Wasserfarbeballons_kunstalker

Dr.Drax_Wasserfarbeballons_kunstalker

Ich: „Gibt es einen Grund dafür, dass das rosa Männchen über dem Wasserhahn hängt, und das Männchen mit den Wasserfarbeballons eine eigene Lichtquelle hat?“

Dr. Drax: „Nein.“

Ich nicke, und notiere mir: „Nein.“ Dass die beiden es nicht bewusst gemacht haben, macht die ganze Sache gleich um einen Grad interessanter. Durch diese spezifischen Hängungen bieten die beiden Werke nämlich noch eine Interpretationsebene mehr an. Ich gehe weiter unten genauer darauf ein.

Das rosa Männchen ist ein Werk von Dr. Drax. Seine Freundin, Ginger Zalaba, Inhaberin von Zalaba Expodesign AG, erzählt mir, sie sehe das Thema des Narziss darin.

Zalaba: „So wie er in das Wasser schaut und in seinem Spiegelbild etwas sieht, was gar nicht da ist. Genauso wie Magersüchtige zum Beispiel. Die sehen im Spiegel ja auch irgendetwas, das gar nicht da ist.“

Dr. Drax: „Ich habe in diesem Bild die Themen Tod und Verfall verarbeitet. Das Wasser ist zum Beispiel vergiftet.“

Er deutet auf die grünen Stellen des Wassers und ich trete einen Schritt näher. Erst jetzt sehe ich, dass da Bläschen aus dem Wasser aufsteigen, die das Gift andeuten. Vorher hatte ich gedacht, das Grüne im Wasser sei die Spiegelung der Wiese im Hintergrund.

Den Totenkopf in der Spiegelung hatte ich allerdings gesehen. Was mir aber vor allem aufgefallen war, ist das Fehlen der rot-weissen Sockennase in der Spiegelung.

Diese rot-weissen Socken sind ein ausgeprägtes Merkmal von Dr. Draxs Bildern. Man findet sie als Nasen und Armstulpen. In seinen Schlaraffenlandbildern findet man rot-weisse Zuckerstangen neben grossen Cupcakes.

Dr. Drax: „Das sind Dinge, die ich mit meiner Kindheit in Verbindung bringe. Diese rot-weissen Streifen kenne ich aus Comics – Wo ist Walter? zum Beispiel – , von Zuckerstangen… Kindheit eben. Auch die Karotten, die ich sehr oft male, und die Cupcakes sind für mich Kindheit.“

Ich: „Und Rosa scheinst du auch zu mögen. Du benutzt die Farbe sehr oft.“

Dr. Drax: „Rosa ist auch eine coole Farbe.“

Ich: „Was ist denn deine Lieblingsfarbe?“

Dr. Drax überlegt.

Ich: „Dein Bruder hat mir vorhin gesagt, für ihn sei Weiss die Königin der Farben. So wie die Zwiebel die Königin beim Kochen sei.“

Dr. Drax: „Da hat er absolut Recht. Weiss ist wirklich die Königin der Farben.“

Ich: „Wieso?“

Dr. Drax: „Weil das so ist.“

Ich lächle. Es ist schön zu sehen, wie diese beiden Brüder absolute Loyalität zueinander haben. Wenn Pase sagt, Weiss sei die Königin, dann ist das so. Ich möchte dennoch gerne wissen, woher diese Meinung kommt.

Ich: „Pase, wieso ist Weiss die Königin der Farben?“

Pase: „Weil Weiss überall dazu passt. Es macht die Bilder leichter, luftiger. Mit Weiss setzt du Highlights. Ein weisser Bildhintergrund verbindet sich mit der Wand, an der das Bild hängt, und öffnet dem Bild dadurch mehr Raum.“

Ich: „Wie gehst du vor beim Malen eines Bildes?“

Pase: „Ich beginne mit einer schnellen Skizze auf einem Blatt Papier. Dann schaue ich nach, was ich für Farben an Lager habe und beginne zu Arbeiten. Ich weiss zu Beginn also noch nicht, welche Farben ich benutzen werde und entscheide das nach und nach während ich male. Ich mische alle möglichen Techniken: Acryl, Aquarell, Airbrush, Spraydosen.

Ursprünglich habe ich nur mit Spraydosen gearbeitet. Wenn du mit Spraydosen arbeitest bleibt dein Bild aber immer etwas unscharf. Egal wie gut du es machst, du kriegst nie eine saubere Grenze hin. Deshalb habe ich begonnen, andere Techniken dazu zu nehmen, um mehr Möglichkeiten zu haben.

Schwierig ist es bei einem Bild zu wissen, wie lange du daran weiterarbeiten und wann du aufhören sollst. Ich frage während des Arbeitsprozesses immer wieder meinen Bruder und andere, was sie von dem Bild halten. Dann arbeite ich weiter daran, bis es mir gefällt. Das Gute ist ja auch, dass man problemlos über Teile darüber arbeiten kann, bis alles stimmt.“

Ich: „Wie kommst du zum Motiv deiner Bilder? Hast du irgendwelche Ideen oder Aussagen, die du in deinen Bildern ausdrückst?“

Pase: „Nein. Ich arbeite instinktiv, nach Gefühl. Ich drücke in meinen Bildern Gefühle aus.“

Pase_kunstalker

Pase

Ich: „Und wie gehst du vor beim Malen, Dr. Drax?“

Dr. Drax: „Ich habe eine Aussage, die ich mit meinen Bildern zeige. Oft ist es etwas gesellschafts- oder sozialkritisches. Völlerei zum Beispiel. Oder mit diesem Bild hier habe ich die Wohnsituation in Zürich angesprochen. Dort ist dieses grosse Haus, das die anderen Häuser alle frisst.

Dr.Drax_Wohnsituation_Zürich_kunstalker

Früher habe ich in meinem Blackbook die Bilder vorskizziert. Aber inzwischen empfinde ich das als Zeitverschwendung. Ich arbeite nun hauptsächlich freehand, ohne Vorlagen und ohne Schablonen. Ich tätowiere ja auch und mache Freehandtattoos. Das geht aber natürlich nur, weil ich schon seit so vielen Jahren an mir arbeite. Mein Stil und meine Bilder fliessen mir durchs Blut und stecken in meiner Hand. Ich könnte überhaupt keine Fehler mehr machen. Es fliesst alles von selbst. Wenn ich ein Bild vorskizziere, dann ist das wirklich nur eine zwei Minuten Skizze, auf der ich beim Malen dann aufbaue. Aber ich habe das Bild eigentlich immer im Kopf. Mehr brauche ich nicht.

Ich muss aber auch ganz klar sagen, dass alles, was ich mache, sehr spezifisch mein Stil ist. Kommt einer zu mir und möchte, dass ich ihm einen Stern tätowiere, soll er zu Jemand anderem gehen. Ich mache so etwas nicht.

Themen, die ich besonders mag, sind Himmel und Hölle, der Tod… barock finde ich cool, Bilder der Pest und so. Ich mag Latino-Kunst. Ihren Stil. Die Madonnen und so, weil die etwas Dunkles haben.

Comicvorbilder sind zum Beispiel Ren und Stimpy. Aber ich habe wirklich alles gelesen. Superhelden mag ich aber lieber als Donald Duck. Und wenn es um Anime geht: die haben manchmal gute, düstere Geschichten, aber ich mag diese Figuren mit den grossen Augen nicht. Die kann ich nicht ernst nehmen. Wenn schon eine gute Geschichte da ist, sollen die Figuren auch dazu passen.

Ich habe als Kind übrigens Probleme bekommen, weil ich in der Schule Kriegsbilder und Schlachten gemalt habe. Einmal habe ich den Lehrer als bösen Clown mit einem blutigen Lumpen und einem Messer in der Hand gemalt.

Die haben meinen Onkel kommen lassen und der hat mir meine Comics und Playstation und den Fernseher weggenommen, weil die Angst hatten, dass das schlechte Einflüsse sind.“

Er lacht.

Ich: „Und wieso hast du den Lehrer als bösen Clown gemalt?“

Dr. Drax: „Keine Ahnung. Der sah halt so aus wie ein Clown, mit roten Haaren links und rechts. Eine seiner typischen Haltungen war, vor der Wandtafel zu stehen mit einem Lumpen und einer Kreide in der Hand. Daraus habe ich eben dieses Bild gemacht.“

Ich: „Du hast vorhin gesagt, du findest barocke Bilder gut. Was ist mit surrealen Bildern?“

Dr. Drax: „Dali? Brücken, Uhren und so?“

Ich: „Ja.“

Dr. Drax: „Die sind gut. Nur kann man auf diesem Gebiet irgendwie nichts Neues machen. Es wird repetitiv und von daher langweilig. Auch Pop Art ist repetitiv.“

Ich: „Wie möchtest du, dass Betrachter auf deine Bilder zugehen?“

Dr. Drax: „Sie sollen sie anschauen. Das ist das Wichtigste. Viele gehen schnell hin, werfen einen Blick darauf und laufen weiter. So sehen sie natürlich nichts. Sie sollen länger vor dem Bild stehen bleiben und schauen, was da wirklich ist.

Ich hatte mal bei einer Ausstellung eine Frau, die ist in mein Bild reingelaufen.“

Ich: „Wie reingelaufen?“

Dr. Drax: „Na mit ihrer Handtasche. Der war das alles so egal. Die fand, dort wo sie läuft, dort ist ihr Weg und dass sie mein Bild dadurch fast kaputt gemacht hat, hat sie nicht interessiert. Sowas mag ich gar nicht.

Kritik dagegen finde ich gut. Das heisst nämlich, dass sich die Leute wirklich mit meinen Bildern auseinandersetzen.

Ausserdem finde ich es wichtig, dass die Leute auch sehen und verstehen, dass hinter den Bildern Arbeit steckt.“

Ich: „Du möchtest, dass die Leute dem Bild den Arbeitsaufwand ablesen können?“

Dr. Drax: „Ja. Ich finde es sehr wichtig, dass die Leute wissen, dass da viel Arbeit hinter meinen Bildern steckt. Es gibt ja zum Beispiel viele die Banksy nachmachen und mit Schablonen arbeiten. Aber das ist nicht schwierig. Klar, du musst ein wenig darüber Bescheid wissen, wie du mit der Farbe umgehst und wie viel du nimmst. Aber eine Schablone herstellen ist an sich nicht sehr arbeitsaufwändig. Ich finde es wichtig, die verschiedenen Werke auch anhand der Arbeit, die in ihnen steckt, zu bewerten.

Das Bild mit dem Haus, das die anderen frisst, zum Beispiel: Hieran habe ich eine Woche lang zwölf Stunden am Tag gearbeitet.“

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3

Anerkennung und Schutz der Werke

 

Pase: „Das ist eben genau das, was ich vorhin angesprochen habe: Die Leute nehmen Graffitikunst nicht ernst genug. Das merkt man unter anderem am Schutz unserer Bilder. Wir hatten bereits zwei Fälle, in denen Leute mit unseren Bildern Geld gemacht haben, uns aber nichts davon abgeben wollten. Der eine war ein Kunstprofessor, der ein Buch geschrieben und unsere Bilder darin verwendet hat. Dieses Buch hat er für 50 Euro pro Stück verkauft. Als wir ihn darauf angesprochen haben, hat er gemeint, wir könnten eh nichts machen und wollte nicht kooperativ sein. Der zweite Fall war die Firma Emmi, die einen Kaffeerahmdeckel mit einem unserer Bilder bedruckt hat. Leider können wir dort jetzt nichts mehr machen, weil der Fall verjährt ist.

Weisst du, wenn Jemand kein Geld hat, dann verstehen wir ja, dass er uns nicht wirklich etwas bezahlen kann. Aber wenn es Jemand ist, der Geld hat, wie eine Firma oder so, dann ist das weder fair noch anständig.

Darum haben wir uns jetzt auch bei der ProLitteris angemeldet, um unsere Werke zu schützen.“

Er macht eine Pause und lässt mich hastig meine Notizen vervollständigen. Mitteilsame Gesprächspartner zu haben ist zwar eine tolle Sache und ich bin jedes Mal dankbar dafür, wenn die Leute überhaupt etwas sagen. Aber vielleicht sollte ich mir doch mal überlegen in einen Stenografiekurs zu gehen, um nicht regelmässig von meinen Interviewpartnern abgehängt und in einer Staubwolke hustend zurückgelassen zu werden. Pase lächelt und fährt fort.

Pase: „Wir bekommen allerdings auch immer mehr Anerkennung von der Öffentlichkeit. Der Tausendfüssler, den wir gemacht haben, zum Beispiel, war eine Auftragsarbeit der Stadt Zürich. Für dieses Projekt haben sie zwar nicht sehr viel gezahlt, aber wir haben das als eine Art Bewährungsprobe gesehen. Wenn wir uns durch dieses Projekt beweisen können, dann werden wir bei den nächsten Aufträgen richtig verhandeln und gebührende Entlohnung fordern. Immerhin profitiert die Stadt doppelt von unseren Bildern: Einerseits verschönern wir die Mauern mit Kunst, andererseits wirkt diese Kunst als eine Art Mauerschutz.“

Ich: „Mauerschutz?“

Pase: „Na weil wir einen Ruf in der Graffitiszene haben und die Leute uns respektieren – auch wenn nicht alle das, was wir machen, toll finden – , werden sie es sich zwei Mal überlegen, ob sie über unser Bild drüber gehen wollen oder nicht. So werden die Wände geschützt vor diesen wilden übereinander geschmissenen Graffiti, die viele Leute so irritieren.“

Wand… Graffiti… irritieren. Ich kann meine eigene Schrift nicht mehr lesen. Um mich etwas zu erholen, drehe ich mal wieder selber eine Runde durch die Ausstellung und halte Ausschau nach Ihnen. Vor den Bildern von Dosey finde ich Sie wieder.

Dosey_kunstalker

Dosey

 

Erst als Pase uns darauf aufmerksam macht, bemerken wir, dass das Bild in dem goldenen Rahmen ein Geheimnis verbirgt.

Pase: „Seht ihr die Buchstaben? Jeder einzelne wurde auf Papier gemalt, ausgeschnitten, und dann wurde das Bild komponiert. Die liegen aber nicht auf dem Hintergrund, sondern haben einen Abstand dazu.“

Tatsächlich! Hatten Sie das gesehen? Natürlich hatten Sie das nicht gesehen. Das sieht man nämlich nur, wenn man mit der Nase das Glas vor dem Bild beinahe berührt. Was für ein äusserst typisches Merkmal von Graffiti, dieses Um-jeden-Preis-verstecken. Ein klassisches Treffen zwischen einem Graffiti und einem Fremden sieht in etwa so aus:

Graffiti: „Hey du! Schau mich an!“

Fremder: „Okay. Wer bist denn du?“

Graffiti: „Das sage ich dir doch nicht! Das musst du selber herausfinden!“

Fremder, irritiert: „Wieso sollte ich mir die Mühe machen, dich kennenzulernen?“

Graffiti kreuzt die Arme vor der Brust und wendet sich schmollend ab: „Dein Verlust. Mach doch, was du willst.“

Fremder läuft, in seinen Bart murmelnd, weg: „Was war denn das für einer?“

Um solche Situationen zu vermeiden braucht es Vermittler, die dem Fremden den Zugang zum Graffiti verschaffen. Danke, Pase, für deine Vermittlung zwischen uns und diesem Bild.

Gut, ich glaube, ich habe meinen Teil der Aufgabe erledigt und die Brüder lange genug ausgefragt. Nun sind Sie dran. Stellen Sie uns die Kunst der Brüder vor.

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4

Pases Werke

 

Pases Bilder sehen auf den ersten Blick sehr brav aus. Sie zeigen handwerkliches Können, sind sauber und sorgfältig gemacht. Der Hintergrund aber, der auf seinen Bildern wie im Nebel zu verschwinden scheint, kündet die versteckte Kraft der Bilder an.

Manchmal spricht der Hintergrund lauter zu den Betrachtern, wie hier

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Manchmal leiser, wie hier

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Sobald wir den Hintergrund gesehen, das heisst bemerkt haben, hat sich uns das Bild geöffnet. Nun sehen wir, dass die Farben der Bilder von ausserhalb in das Bild hinein schwappen. Nein, das ist das falsche Wort. Es ist mehr so, als zögen die Farben durch das Bild, so wie die Wolken über den Himmel ziehen. Die Leinwand scheint ein kleines Fenster zu sein, durch das wir in die Welt der Farben blicken dürfen. Wir schauen den Farben zu und wissen nie, wann sie verschwinden und wie viele noch nachfolgen werden.

Pases Bildsprache ist sehr still, ja versteckt geradezu. Diejenigen Bilder, die einen deutlicheren Hintergrund haben, geben etwas mehr Hilfestellung beim Eintritt in ihre Welt. Der Hintergrund fungiert wie eine ausgestreckte Hand, die uns hilft über den kleinen Graben zu springen zwischen unserer Realität, in der wir stehen und der Welt der Farben, die wie Wolken über den Himmel ziehen.

Die anderen Bilder, diejenigen, deren Hintergrund nicht spricht, sehen uns zwar, strecken uns aber keine helfende Hand hin. Wenn wir sie verstehen möchten, müssen wir selber über den Graben springen. Im Gegenzug halten sie uns auch keine Hindernisse entgegen. Wir sind herzlich willkommen hinüber zu treten und den Wolken beim Dahinziehen zuzusehen.

Wenn wir sie verstehen wollen, müssen wir uns ihnen gegenüber öffnen. Sobald wir uns ihnen gegenüber aber geöffnet haben, haben wir uns auch unserer eigenen Welt gegenüber geöffnet.

Auf einmal spüren wir den Raum um uns herum deutlicher. Wir bemerken, wie es draussen schneit. Wir sehen durch das Fenster die Strasse und spüren die Vibrationen der vorbeifahrenden Autos auf ihr. Wir schweben noch ein Stück weiter in das Bild unserer eigenen Welt hinein und sehen die verschneiten Hügel, die weiss gesprenkelten Bäume und sehen dem Schnee dabei zu, wie er von den Ästen rieselt, als wir an ihm vorbei, immer weiter und weiter…

Das ist die Kraft von Pases Bildern. Sie öffnet die Seele des Betrachters und lässt ihn seine eigene Welt mit wacheren Sinnen sehen.

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5

Dr. Draxs Werke

 

Dr. Draxs Art, uns anzusprechen ist das genaue Gegenteil von Pase. Er geht schnurstracks auf uns zu und spricht uns laut und deutlich an. So laut und deutlich, dass wir erschrocken zurückweichen. Dr. Draxs Bilder wirken auf den ersten Blick aggressiv und bedrohlich.

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Ehrlich gesagt nicht nur auf den ersten Blick, sondern gleich auf die ersten paar Blicke. Auch wenn wir uns ein Herz gefasst haben und den Bildern trotzig unsere Stirn bieten, um sie richtig anschauen zu können, werden wir doch immer wieder von den Attributen der Hässlichkeit, wie Haare, Speichel und Grimassen schneidende Fratzen aus der Bahn geworfen.

Den Zugang zu seinen Bildern erschwert Dr. Drax zusätzlich durch klassische Graffititechniken der Bildkomposition: Auf seinen Bildern ist sehr viel, sehr verschachtelt und oft auch sehr detailreich zu sehen. Das Auge braucht eine gewisse Zeit, um all die Informationen zu sortieren und sich auf dem Bild zurecht zu finden.

Sobald wir aber diese erste Hürde überwunden haben, kommt uns unweigerlich der Gedanke: Da steckt eine Aussage dahinter. Irgendeine Kritik wird hier böse, fies und dunkel dargestellt. Wir machen uns auf die Suche nach der Kritik und mögen sie in Schlagworten wie Völlerei, Gier, Geiz, Verfall, Gewalt, etc. finden. Wenn wir aber gut aufpassen, werden wir merken, dass all diese grossen, schwer zu tragenden und noch schwerer zu fassenden Themen nur Fassade sind. Das, was im Herzen der Bilder steckt, ist dieses Wort: lieb.

Dr. Drax, so bedrohlich er und seine Bilder auch wirken mögen, ist lieb. Er ist verspielt, neugierig, hat einen riesigen Anteil Kind in sich.

Schauen wir uns dieses Bild an:

Was sehen wir? Einen Angst einflössenden Hund? Dr. Drax meint dazu, er male gerne Hündchen. Die Wortwahl fällt uns auf: Hündchen. Wird dieses Wort dem Bild gerecht? Wir ignorieren alles vom Bild, ausser den Augen des Hundes und konzentrieren uns auf seinen Blick. Der ist nicht bedrohlich. Der ist lieb.

Um unsere Beobachtung zu bestätigen sehen wir uns sämtliche Augen auf den ausgestellten Bildern von Dr. Drax an. Nirgends finden wir etwas Bedrohliches in ihnen. Alle Augen sind lieb, unschuldig und haben einen Hauch von Traurigkeit.

Schauen wir uns die Totenköpfe an:

Links ist der liebe Totenkopf, rechts der tote Totenkopf, in der Mitte der Chef mit den Flügeln und einem Diamanten als Auge, das alles sieht.

Sie wenden sich mir zu und sagen herausfordernd: „Ich wette mit dir, dass du – sobald du die oben vorgestellten Barrieren überwunden hast – noch nie in deinem Leben einen Totenkopf gesehen hast, in dessen Gesellschaft du dich wohler fühlen würdest, als in der Gesellschaft dieser drei hier gezeigten.“

Ich gehe auf die angebotene Wette nicht ein, da Sie sie bereits gewonnen haben.

Ein paar wenige Hilfestellungen zum Eintritt in seine Bilder gibt Dr. Drax aber doch. Zum einen wären da die leuchtenden Farben. Zum anderen finden sich ab und zu bekannte Symboliken und Gesten, die als Vermittler fungieren, wie die betenden Hände der Figur in folgendem Bild.

Dr.Drax_betende_Figur_kunstalker

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6

Selbstportraits?

 

Lassen Sie mich eine Behauptung aufstellen: Die Bilder der Brüder sind Selbstportraits.

Und nun lassen Sie mich meine Behauptung begründen:

Ich habe den Text nicht in der Reihenfolge geschrieben, in der ich die Ausstellung besucht habe. Um genau zu sein, ist alles wild durcheinander geworfen. Aber das Einzige, was wichtig ist, und weshalb ich diese Tatsache überhaupt erwähne, ist, dass ich mir meine Meinung über die Werke der Künstler gebildet habe, bevor ich auch nur ein Sterbenswörtchen mit ihnen gewechselt habe. All meine Eindrücke der Werke, die ich Ihnen oben mitgeteilt habe, was die Kraft von Pases Bildern ist, und dass Dr. Draxs Bilder Liebenswürdigkeit hinter bedrohlichem Aussehen verbergen, haben sich in mir gebildet, bevor ich die Brüder durch das Gespräch näher kennengelernt habe. Ich habe also nicht die Charaktere der Brüder auf ihre Werke übertragen, da ich diese ja zu dem Zeitpunkt noch gar nicht kannte. Nein, es war umgekehrt. Ich habe all die betrachteten Bilder in den Brüdern wiedererkannt, als ich mit ihnen geredet habe.

Deswegen behaupte ich: Die Bilder der Brüder sind Selbstportraits. Und zwar von den reinsten, die ich bisher gesehen habe.

Klassische Selbstportraits, bei denen der Künstler sich selbst malt, sind meist ein Kommentar des Künstlers über sich selbst. Wie er sich sieht, was er von sich hält, manchmal auch wie er sich wünscht zu sein.

Die Brüder Pase und Dr. Drax aber präsentieren keinen Kommentar. Sie posieren nicht. Sie beleuchten nicht einen Charakterzug und verdunkeln den anderen. Und sie sind sich wahrscheinlich gar nicht bewusst, dass sie Selbstportraits malen. Nur so können diese Bilder entstehen, die absolut offen einen Blick in ihr Innerstes erlauben. Was der Betrachter auf diesen Bildern sieht, sind die Brüder selbst.

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7

Die Hängung

 

Während Sie darüber nachdenken, ob Sie einverstanden sind mit meiner Interpretation der Kunst der Brüder, oder nicht, erzähle ich Ihnen zum Abschluss noch, wie versprochen, weshalb ich die Hängung der beiden zu Beginn erwähnten Bilder so interessant fand.

Das Bild mit den Wasserfarben: Über das grössere Bild laufen von rechts nach links Farben. Das kleinere Bild zeigt eine Figur, die Wasserballons wirft. Das Licht, das beide Bilder von rechts nach links bescheint, schafft eine direkte Verbindung zwischen den beiden Bildern. Ohne das Licht gäbe es eine Lücke zwischen den Bildern, die der Betrachter gedanklich füllen müsste. Durch das Licht aber wird die Wurfbewegung der Ballons angedeutet. Zusätzlich unterstützt es die Fliessrichtung der Farben auf dem grossen Bild. Ausserdem erweitert es den Handlungsraum des Bildes. Es könnte gar scheinen, dass die Farben durch das Licht entstanden sind: Das Licht ist auf die Leinwand geprallt und hat sich in Farbe verwandelt.

Sie sehen also, ohne diese Lichtgebung wären all diese Interpretationsebenen nicht vorhanden gewesen.

Dr.Drax_rosa_Männchen_kunstalker

Nun zum rosa Männchen am Wasser: Der Wasserhahn an seinem linken unteren Rand ist einfach wunderbar. Es ist, als könne man ihn aufdrehen, und das vergiftete Wasser des Teiches würde herausfliessen. Eine Kameraattrappe befindet sich gegenüber im Raum und deutet genau auf dieses Bild.

OneTruth_Kameraattrappe_kunstalker

Dadurch wird das Thema des Blicks ungemein verstärkt. Das rosa Männchen blickt sich im Wasser an. Sein Spiegelbild blickt es aus dem Wasser an. Die Kamera blickt das Männchen an, das sich anblickt. Der Betrachter, dem diese Konstellation aufgefallen ist, blickt die Kamera an, die das Männchen anblickt, das sich selbst anblickt. Der Blick wird also, ausgehend vom Betrachter, drei Mal gebrochen und umgelenkt.

Dem Bild wurden durch seine Hängung zwei weitere Interaktionsebenen mit dem Betrachter gegeben.

Dass die Brüder diese Dinge nicht absichtlich gemacht haben, hält mich nicht davon ab,  zu behaupten, dass es dennoch kein Zufall war. Ob bewusst, oder unbewusst… gemacht haben sie es. Was zeigt, dass sie ein feines Gespür für ihre Bilder und deren Präsentation haben.

Wie hat Ihnen unser Besuch der Ausstellung von OneTruth gefallen? Ein paar wenigen Geheimnissen der Brüder und ihrer Kunst sind wir auf die Schliche gekommen und haben sie ans Tageslicht gebracht. Es verbirgt sich aber mindestens nochmal so viel an Orten, die wir diesmal nicht entdeckt haben. Nehmen Sie also auch die nächste Gelegenheit wahr, die Brüder und ihre Kunst zu treffen und erzählen Sie mir dann von Ihren Entdeckungen.

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