Aufgaben eines Kunstkritikers

Nov 26, 12 Aufgaben eines Kunstkritikers

 

 

 

 

 

United Kingdom

 

Ich bin Kunsthistorikerin und werde immer wieder gefragt, was genau ein Kunsthistoriker macht.

Früher habe ich versucht, lang und breit zu erklären, was der Begriff Kunsthistoriker alles beinhalten kann. Da ich das aber selbst nicht erschöpfend weiss, bin ich jeweils so weit abgeschweift, bis die Frager mich verwirrt angeschaut und gefragt haben: „Ihr macht also auch Kunst?“

Unsicher habe ich darauf gestottert: „Öhm, nein, wir machen keine Kunst. Wir schauen sie bloss an.“

Das hat die Frager aber umso mehr verwirrt. Wie kann „Kunst anschauen“ ein Beruf sein? Auch mich hat diese Antwort nicht befriedigt, denn sie stimmt nicht. Kunsthistoriker schauen Kunst nicht bloss an. Sie machen viel mehr als das.

Aber was genau?

Um es einfach zu halten, gebe ich ein Beispiel eines kunsthistorischen Werdegangs – meines eigenen – und erkläre anhand dessen einenWeitere kunsthistorische Berufe sind: Galerist, Museumsmitarbeiter, Kurator, Lehrer, Touristenführer, Kunstberater (für Privatpersonen, Firmen, Banken, etc.), Restaurator, Kunstforscher, und viele mehr. Beruf, den Kunsthistoriker ausüben können.

Ich habe Kunstgeschichte am kunsthistorischen Institut der Universität Zürich studiert. Der Studiengang „Kunstgeschichte“ umfasst Seminare, Vorlesungen und Übungen betreffend westliche Kunst. Ostasiatische Kunstgeschichte gehört zum selben Institut, ist aber ein anderer Studiengang. Auch Mittelalterarchäologie gehört zu unserem Institut. Natürlich kann man die Studiengänge kombinieren und schlussendlich in allen Gebieten Wissen ansammeln. Ich persönlich habe anders kombiniert und hatte nur westliche Kunstgeschichte (mit vereinzelten Abstechern in die anderen Gebiete).

Momentan benutze ich mein mir im Studium angeeignetes Wissen unter anderem dazu, um diesen Blog zu nähren. Hier bin ich also Kunstjournalistin oder Kunstkritikerin.

Was macht ein Kunstkritiker?

Ein Kunstkritiker ist, meiner Meinung nach, ein Dolmetscher. Er spricht zwei Sprachen: Umgangssprache und Kunst. Da Kunst aus sehr vielen Sprachen besteht, muss ich, um genau zu sein, wahrscheinlich sagen: Er spricht Kunstrichtung. Auf jeden Fall spricht jeder nur einen Teil Kunst und nicht die gesamte Kunst, die existiert.

Kunstkritiker kann man nicht lernen. Was man sich während einer Ausbildung aneignet, sind die Werkzeuge, mit Hilfe derer man sich im Anschluss selber beibringt, Kunstkritiker zu sein. Während der Ausbildung sollte man so viele Fehler wie nur möglich machen. Nur indem man darauf aufmerksam gemacht wird, wo man irrt, kann man ein Gefühl dafür entwickeln, was richtig sein könnte. Ich sage hier bewusst könnte und nicht ist, denn eine Garantie gibt es nie. Es ist sehr wohl möglich, dass Jemand mit viel Wissen über Kunst und vielen „Treffern“ sich bei einem neuen Problem total verrennt. Das ist erlaubt und gehört dazu. Oft wird eine mögliche richtige Antwort nur durch Versuch und Irrtum gefunden. Was jedoch eine kunstsophische Ausbildung – welcher Art auch immer – trainiert, ist ein Auge für Antworten, die sicher falsch sind. Ich würde sagen, das ist die Hauptsache: Man lernt zu erkennen, was falsch ist. Was richtig ist, muss man dann selber herausfinden. Ausser, es wurde bei einem Thema bereits von jemand anderem herausgefunden, natürlich. Dann darf man sich zurücklehnen und die Arbeit der anderen geniessen und bewundern. Das hat dann aber nichts mehr mit Arbeit zu tun, sondern mit Vergnügen.

Was ist also die Aufgabe eines Kunstkritikers? Ein Kunstkritiker sollte Kunst so weit erklären, wie das möglich ist. Er muss das nicht unbedingt durch Worte machen. Und schon gar nicht durch Worte, die genau das meinen, was die Buchstaben, aus denen sie geformt sind, an Sinn enthalten. Oft sind Andeutungen besser. Sanfte Heranführung des Betrachters an das Werk ist viel sinnvoller, als die Präsentation einer in sich geschlossenen, erstarrten Behauptung, die durch ihr Wesen den Blick des Betrachters nicht öffnet, sondern schliesst. Ein Kunstkritiker sollte den Betrachter vor dem Werk platzieren und ihm helfen, das Werk zu sehen und infolgedessen zu verstehen. Sehen kann man ein Werk durch alle Sinne, nicht nur die Augen. Schlussendlich muss man ein Werk aber durch das Herz sehen, um einen richtigen Zugang zu ihm zu finden. Die Kette ist also folgende: Werk – Sinne – Herz – Verständnis. Verständnis ist nicht zu verwechseln mit Verstand. Man muss ein Werk nicht mit Gedanken verstehen. Oft ist das gar nicht möglich. Man muss bloss ein Verständnis dafür entwickeln. Ein Verständnis, nicht das Verständnis. Das Verständnis gibt es nicht.

Die Aufgabe des Kunstkritikers ist es, dem Betrachter zu helfen, dieses Verständnis zu erreichen, indem er ihm den Zugang erleichtert, den Beginn des Wegs vorgeht, den Betrachter dann aber selbst nach dem Weg tasten lässt, während er an seiner Seite bleibt, um ihn bei Unsicherheiten zu unterstützen. Die Aufgabe des Betrachters ist es, diesen Weg gehen zu wollen. Der Kritiker ist weder allwissend, noch unfehlbar. Jeder Kritiker war früher auch selber Betrachter und wird es für ihm unbekannte Werke auch in Zukunft sein. Hat der Betrachter kein Interesse daran, den Weg bis zum Verständnis des Werks zu gehen, braucht er auch nicht die Dienste eines Kritikers in Anspruch zu nehmen.

Ich habe vorhin gesagt, dass dem Betrachter keine in sich geschlossene, starre Meinung vorgesetzt werden sollte. Viele Kritiker versuchen das zu vermeiden und benutzen schwebende Worte, damit diese die Werke auf keinen Fall durch ihre Berührung belasten. Der Grundgedanke ist gut. Nur geschieht es so gern, dass der Kritiker einen Text schreibt, der mit dem Werk selbst nichts mehr zu tun hat. Sein Text wird selbst zu einem Werk. Viele kunstkritische Texte sind schön geschrieben, ja gar poetisch. Solche Texte bergen auch gerne die Gefahr einer Überinterpretation. An das Werk werden funkelnde, atemberaubende Attribute gehängt, die nicht sein sind. Seine eigenen Teilstücke, oder Attribute, werden übersehen. Meist weil sie weniger interessant scheinen, als die imposanten Fremdattribute, die man gerne in dem Werk wiederfinden möchte. Aber nur weil man etwas möchte, ist es noch lange nicht da. Ausserdem ist es schade um die echten Attribute, die so nicht ans Licht geholt werden. Sie selbst wären nämlich wenigstens genau so strahlend, wie die Fremdattribute, gäbe man ihnen nur die Möglichkeit in Erscheinung zu treten.

Das ist also die Aufgabe eines Kunstkritikers: Das Interesse der anderen an Kunst zu wecken und sie dabei zu unterstützen, die einzelnen Kunstwerke zu verstehen. Da der erste Teil – das Interesse wecken – ein fundamentaler Punkt sämtlicher kunstbezogener Berufe ist, würde ich sagen, das Wichtigste, was ein Kunstkritiker zu tun hat, ist also, Jedermann zu begleiten auf seinem Weg, ein Kunstwerk zu verstehen.

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>