Armenische Kunst

Sep 24, 12 Armenische Kunst


 

Inhaltsverzeichnis

1. Der erste Besuchertyp

2. Der zweite Besuchertyp

2.1. Ararat Sarkissian

2.2. Gagik Ghazanchyan

2.3. Albert Hakobyan

3. Der dritte Besuchertyp

 

 

Lassen Sie uns gemeinsam nach Baden in die Galerie anixis gehen und armenische… Hoppla, die Bilder der armenischen Künstler Ararat Sarkissian, Albert Hakobyan und Gagik Ghazanchyan sind bereits nicht mehr da. Das liegt nicht daran, dass sie auf einen Schlag alle aufgekauft worden wären, sondern dass ihre Ausstellung nur vom 24.08.2012 bis 02.09.2012 gedauert hat. Machen wir es also anders. Lassen Sie mich drei verschiedene Besuchertypen inkorporieren und als solche die Ausstellung kommentieren.

 

Galerie anixis, Oberstadtstrasse 10, 5400 Baden, Schweiz. (Koordinaten: 47.469863,8.304375)

Galerie anixis, Oberstadtstrasse 10, 5400 Baden, Schweiz. (Koordinaten: 47.469863,8.304375)


 

1

Der erste Besuchertyp

 

Sobald die Galerie in Sichtweite kommt, beginnt mein Herz schneller zu schlagen. Nicht aus Vorfreude auf die Kunst, die mich in Kürze umgeben wird, sondern aus Angst, mich zu blamieren. Hoffentlich mache ich alles so, wie es ein erfahrener Galeriebesucher zu machen hat.

Festen Schrittes betrete ich die Galerieräume, sehe mich mit finsterer Miene um und nehme den angebotenen Orangensaft nicht an, da ich nicht sicher bin, ob ich dafür bezahlen muss.

Galerie_anixis_innen_kunstalker

Das Klavier in der Mitte des Raumes verunsichert mich. Gehört das zur Ausstellung dazu? Noch mehr verunsichert mich aber der Raum hinter dem Türbogen, in den ich von hier nicht hineinsehen kann. Dient er als Abstellkammer? Befindet sich dort das Büro des Galeristen? Ist das ein weiterer Ausstellungsraum? Darf ich also dort hineingehen? Soll ich das sogar? Oder werde ich dann entsetzte Blicke auf mich ziehen?

Ich stelle mich vor das erstbeste Bild und lese den Namen des Künstlers auf der Plakette daneben und den Preis des Bildes. Dasselbe mache ich mit dem Nachbarbild. So arbeite ich mich die Wand entlang, bis mir auffällt, dass hier drei verschiedene Künstler hängen, nicht nur einer.

Zum ersten Mal hebe ich den Blick und schaue mir die Bilder an.

Ein paar sind bunt, andere weniger bunt. Vier sind schwarz/weiss. Im Nebenraum hängen ein paar Drucke.

Ararat_Sarkissian_Bronzedruck

Das Bild dort in der Ecke gefällt mir. Das auf der anderen Seite des Raumes aber nicht. Oder vielleicht doch. Ich weiss nicht.

Und schon bin ich wieder verschwunden, laufe festen Schrittes von der Galerie weg und bleibe nur einmal kurz stehen, um erleichtert die frische Luft einzuatmen.

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2

Der zweite Besuchertyp

 

Ich betrete die Galerie und schaue mich um. Ausser mir ist keine Menschenseele dort. Da ich noch nie in dieser Galerie war, stelle ich erst einmal fest, wie sie aufgebaut ist, damit ich mich darauf einstellen kann, wieviel ich ungefähr sehen werde. Links und rechts sehe ich zwei Torbögen. Aus dem rechten tritt gerade eine ältere Dame – die Kuratorin dieser Ausstellung Frau Alvart Siegrist-Tounian – und bietet mir freundlich lächelnd einen Orangensaft an. Dankend nehme ich an und beginne durch die Räume zu wandern. Meine erste gemütliche Runde formt einen oberflächlichen Eindruck von den ausgestellten Bildern in mir. Die Stichworte sind:

Ghazanchyan: Bunt, diagonal, Kreis.

Sarkissian: Das ganze Bild voll milchigen Farben. Darübergestreuselt ein paar grelle Farbpunkte. Aber nicht nur. Dort sind auch noch ein paar Bilder in schwarz/weiss.

Hakobyan: Quiltmässige Hintergründe, auf denen Fädengewirr wuselt.

Ich sippe an meinem Orangensaft und steuere auf das Klavier zu, auf dem Informationsblätter aufliegen. Jetzt, nachdem ich einen ersten Eindruck von den Kunstwerken habe, möchte ich wissen, was andere darüber gesagt haben. Ich blättere durch die Bildbände der einzelnen Künstler, lese hier eine Aussage, dort eine ganze Passage, bis die Flut an Information mich ermüdet. Ich wende mich wieder den Bildern zu. Was sehe ich?

 

2.1

Ararat Sarkissian

 

Ararat Sarkissian hat zwei verschiedene Farbpaletten ausgestellt: Zum einen sind da vier schwarz/weisse Gemälde, die Details wogenden und niedergedrückten Grases zeigen.

Ararat_Sarkissian_Gras_kunstalker

Die restlichen seiner Leinwände präsentieren sich in milden, milchigen Farben.

Diese Bilder scheinen in Vierecke aufgeteilt zu sein. Die Hintergründe bestehen aus unterschiedlich dunklen Vierecken derselben Farbe. Das Bildsubjekt selbst befindet sich meist in der unteren Hälfte des Bildes. Dennoch scheint nicht die obere Hälfte dem Hintergrund und die untere dem Subjekt zu gehören. Das Subjekt ist ebenfalls einem gefühlten Viereck übergeben, das auf den Bildhintergund gelegt wurde. Hintergrund und Subjekt sind deutlich voneinander getrennt.

Überhaupt steigt in mir der Verdacht hoch, dass nicht das Subjekt, wie das klassischerweise der Fall ist, die Hauptrolle spielt, sondern der Hintergrund. Sobald nämlich ein Subjekt mehr als nur das Viereck in der unteren Hälfte für sich in Anspruch nimmt, drängt der Hintergrund nach vorne und überdeckt es zumindest teilweise.

Auch nimmt der Hintergund die Hilfe von Farbtupfern und –strichen in Anspruch, um seine dominante Position zu behaupten.

Nehmen wir als Beispiel das Bild der schön gekleideten Damen, die um einen Tisch herum sitzen, das Sie hier unten links sehen.

Ararat_Sarkissian_kunstalker

Auf den ersten Blick könnte man meinen, sie befänden sich auf einer Party, bei der – der Fasnacht ähnlich – Konfetti von der Decke regnet und ein Regenbogen als Deckenzier aufgehängt wurde. Dieser Überlegung widerspricht jedoch der restliche Hintergrund, der aus linierten Vierecken besteht, die in der oberen linken Ecke durch an Kinderzeichnungen erinnernde… nun ja, Kinderzeichnungen ergänzt wurden.

Der Regenbogen, die Farbtupfer und –striche passen weitaus besser zu diesem Hintergrund als zum Subjekt – den sitzenden Damen, die durch diese Revolte des Hintergrundes, der sie zu verdrängen sucht, degradiert werden. Der Titel „Subjekt“ wird ihnen aberkannt. Eigentlich haben sie in dem Bild gar nichts zu suchen und sind bloss da, weil die Tradition des Betrachtens nach einem Subjekt innerhalb eines Bildes verlangt.

Was für eine furchtbar komplizierte Satzkomposition! Alles, was ich versuche zu sagen, ist, dass auf den ausgestellten Gemälden von Sarkissian meinem Empfinden nach der Hintergrund die Hauptrolle spielt.

Dasselbe Empfinden habe ich beim Bild neben den sitzenden Damen, das Sie oben rechts sehen. Das Bildsubjekt besteht aus übereinanderstürzenden Pferden und Reitern. Ich erkenne das sofort. Sehen kann ich es aber nur mit Mühe. Meinen Augen präsentiert sich ein Gewusel und Geknäuel.

Wieder ist es der Hintergrund, der meinen Augen Halt und Sicherheit bietet. Ich betrachte lieber ihn, als die untere Hälfte des Bildes, und gehe auch nicht wieder zurück, sobald ich einmal mit ihm in Berührung gekommen bin, denn er besteht nicht aus einer einzigen Fläche, wie ich das von Hintergründen gewohnt bin, sondern aus vielen Vierecken.

„Wieso Vierecke?“, denke ich, und merke nicht, dass ich dadurch bei ihm bleibe. Er hat mich, den Betrachter, für sich gewonnen. Das Subjekt – das traditionsmässig stärkere Element eines Bildes – hat verloren.

Schauen wir uns noch ein Bild von Sarkissian an. Das mit den Wellen des Meeres.

Auch hier nimmt das Subjekt nur die untere Hälfte des Bildes ein. Die obere ist nicht Himmel, sondern Hintergrund. Diesmal ist er aber alleine nicht stark genug, um den Blick vom Meer wegzustehlen. Ruhig, selbstsicher wogt das Meer auf den Betrachter zu.

Um den Kampf um die Aufmerksamkeit nicht zu verlieren, geht der Hintergrund nun wie folgt vor: Er macht sich sichtbar durch leuchtende Farbstreifen, die auf ihm herunterregnen. Da das Meer die Horizontale für sich beansprucht, baut der Hintergrund seine Farbstreifen in der Vertikalen auf. Er möchte auf keinen Fall mit dem Subjekt in Verbindung gebracht werden. Was er will, ist die ungeteilte Aufmerksamkeit des Betrachters.

Was mich betrifft, schafft er es bei diesem Bild nicht. Ich mag die Präsentation des Meeres hier viel zu sehr, als dass ich meine Gunst dem Hintergrund geben könnte. Durch seine Farbstreifen irritiert er mich. Ich schenke ihm nur kurze Aufmerksamkeit, wie einem quengelnden Kind. Den Machtkampf in diesem Gemälde hat für mich das Subjekt, das Meer, gewonnen.

Zurück zu den schwarz/weissen Gemälden. Bevor ich mich mit den farbigen Bildern auseinandergesetzt habe, hatte ich nicht viel zu diesen vier Detaildarstellungen von Gras zu sagen. Nun finde ich es aber interessant, dass ausgerechnet die Bilder, die Dinge aus der realen Welt, wie Gras, zeigen, nicht in realitätstreuen Farben, sondern in schwarz/weiss gehalten sind, während diejenigen Bilder, die reine Darstellung von verschiedenen Denkkonzepten und Traditionen sind – die Bild gewordenes Kräftemessen sind – sich in Farben präsentieren.

Auch wenn die Farben selbst keinen Hehl um das Thema machen, das sie darstellen. Sie sind milchig. Sie legen eine Schicht von Unerreichbarkeit auf sich. Sie lassen den Betrachter die verschiedenen Kräfte, die normalerweise nur zu fühlen sind, sehen. Doch machen sie das wie durch ein dickes Glas hindurch. Deswegen scheinen die Farben trüb, milchig, so als befänden sie sich weit weg, unerreichbar, hinter einem dicken Milchglas.

Und die schwarz/weissen Gemälde? Vielleicht musste ihnen die Farbe genommen werden, um ihnen eine ähnliche Unerreichbarkeit zu geben, wie den Farbgemälden. Sie gehören schliesslich zu demselben Werkkörper und sollen sich nicht ausgeschlossen fühlen.

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2.2

Gagik Ghazanchyan

 

Gagik Ghazanchyan mag die Diagonale. Linke untere Ecke verbunden mit rechter oberer Ecke. So entstehen zwei Dreiecke. Das untere erhält mehr Gewicht, als das obere, indem ihm ein Kreis einbeschrieben wird.

Der Hintergrund ist nicht flach. Durch ein Stadtrelief oder geometrische Anordnungen wird die Illusion von Tiefe erzeugt.

Nachdem ich die Diagonale erkannt habe, versuche ich sie besser zu verstehen. Was ist sie? Was stellt sie dar? Wieso ist sie da?

Es dauert nicht lange, bis die Diagonale explodiert. Das heisst, auf einmal sehe ich eine Explosion in ihr. Aus der Mitte des Bildes scheint Farbe herauszuspritzen und sich auf geradestem Weg so weit wie möglich im Bild ausbreiten zu wollen. Das geht natürlich am Besten in der Diagonalen.

Wieso die Explosion aber nicht beide Diagonalen, oder gar die gesamte Fläche des Bildes für ihren Ausbruch benutzt, bleibt dadurch unerklärt und legt mir den Verdacht auf, dass meine Interpretation vom Verlangen nach schnellstmöglicher, linearer Ausbreitung etwas voreilig ist.

Da Sarkissians gerade betrachtete Bilder noch lebhaft in mir nachschwingen, muss ich lächeln, als ich bemerke, dass Ghazanchyans Explosionsbilder auf Kompositionsebene als Gegenteil von Sarkissians Milchbildern betrachtet werden können.

Ghazanchyans Explosionsbilder sind wie folgt aufgebaut: Wir sehen einen definierten Hintergrund. Er ist teilweise eindeutig identifizierbar als Stadt oder dergleichen. Darüber liegt ein Ausbruch von Farben und Pinselduktus. Diese sind im Gegensatz zum Hintergrund weder definiert noch identifizierbar. Klassischerweise ist das Subjekt leicht zu identifizieren: Ein Mensch, ein Baum, ein Gebäude. Hier ist der Hintergrund leicht zu identifizieren: Eine Stadt, geometrische Formen. Der Hintergrund ist aber nicht das Subjekt, da dieses – wiederum klassischerweise – im Vordergrund steht. Im Vordergrund steht hier die Farbexplosion… die nur als Farbexplosion, nicht jedoch als etwas mehr identifizierbar ist. Automatisch beginnt der Betrachter Bekanntes in diese Farbfülle hineinzuinterpretieren.

Gagik_Ghazanchyan_kunstalker

Hmmm… könnte das da unten in der Mitte ein Rad sein? Stellen diese Farbkleckse also… ein Segway dar… der durch eine Stadt fährt… oder über das Land, etwas entfernt von der Stadt, die im Hintergrund zu sehen ist…?

Ich lache laut auf, als mir diese Gedanken durch den Kopf schiessen. Es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass Ghazanchyan Segways auf seinen Bildern verewigt hat.

Dann ertappe ich mich bei dem Gedanken, dass es äusserst cool wäre, wenn er das wirklich gemacht hätte.

Ich blicke mich verstohlen um. Es ist immer noch kein anderer Galeriebesucher da, der meine emotionalen Ausbrüche mitbekommen und gut- oder schlechtheissen könnte. Was für ein Glück.

Aber zurück zum Vergleich Sarkissian – Ghazanchyan, den ich begonnen habe.

Bei Sarkissian habe ich gesagt: Kampf zwischen Hintergund und Subjekt um die Aufmerksamkeit des Betrachters. Der Hintergrund rebelliert gegen die klassische Kräfteverteilung. Das Subjekt verliert den Kampf meist.

Bei Ghazanchyan sage ich nun: Der Hintergrund bekommt Merkmale des Subjekts zugeteilt – wie zum Beispiel einfache Identifizierbarkeit – ohne darum gebeten zu haben. Der Vordergrund, das Subjekt, schert sich nicht um Erkennbarkeit. Er tritt seine dominante Position aber nicht ab. Er springt dem Betrachter richtiggehend ins Gesicht.

Sobald der Betrachter jedoch mehr als nur ein Bild Ghazanchyans gesehen hat, merkt er, dass der Vordergrund sich seines dominanten Gehabes dennoch nicht ganz sicher ist. Er wiederholt sich nämlich auf praktisch jedem Bild, was ihm wieder eine Art von Erkennbarkeit verleiht. Die Erkennbarkeit, die Gewohnheit herbeiführt. Gewohnheit, die durch Wiederholung geschaffen wird.

Ghazanchyan nimmt also die klassische Bildaufteilung, schüttelt sie kräftig durch und verteilt ihre Attribute neu. Ganz von ihr zu lassen, wagt er aber noch nicht. Sämtliche Teile sind nämlich wiederzufinden. Wenn auch an anderen Orten. Keines wurde weggelassen, oder unterdrückt.

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2.3

Albert Hakobyan

 

Wo Sarkissian und Ghazanchyan wilde Kämpfe in ihren Bildern ausfechten und Kräfte ungebremst aufeinanderprallen lassen, bleibt Hakobyan ganz bei sich und versinkt in seiner eigenen Welt. Seine ausgestellten Bilder sind nicht eingerahmt, denn die Farben erstrecken sich über die gesamte Leinwand, fliessen über die Ecken und verschwinden hinter den Rahmen.

Albert_Hakobyan_kunstalker

Kräftige, satte Farben, in die ich eintauchen möchte, leuchten mir entgegen. Wenn ich nahe vor den Bildern stehe, sehe ich die Dicke der Farbe, die Pinselführung, die den Farben fein säuberlich zugeteilten Flächen. Möchte ich nichts anderes, als die Farben geniessen, muss ich etwas Abstand nehmen, denn sonst lenken mich ebendiese technischen Details ab.

Das Angebot der Farben ist immens. Auf jedem Bild kann so gut wie jede Farbe gefunden werden, was erstaunlich ist, denn nie bekommt man das Gefühl, irgendwo im Werk würde sich irgend etwas beissen.

Hakobyans Bilder sind Harmonie. Harmonie, die sich versteckt hinter scheinbarem Fädengewirr. Fädengewirr, das manchmal „Stacheldraht“ wispert.

Albert_Hakobyan_grün_kunstalker

Stacheldraht? Erstaunt schliesse ich die Augen, schüttle den Kopf. Das kann doch nicht sein, dass da Stacheldraht ist. Was hätte der denn dort verloren? Ich öffne die Augen und schaue die Bilder erneut an. Nein, nun sehe ich den Stacheldraht nicht mehr.

Wieder versinke ich in den warmen, tiefen Farben, lasse mich sanft von der einen Ecke des Bildes in die andere spülen, und rolle glücklich über die häufig wechselnden Flächen des Quiltbildes, bis ich mit dem Pullover irgendwo hängen bleibe. Grossäugig und absolut unschuldig zupfe ich an dem Draht, der mich gefangen hält und bemerke, dass da schon wieder Stacheldraht aufgetaucht ist. Wo kommt nur immer dieser Stacheldraht her? Der hat hier doch gar nichts zu suchen. Ich mache mich los, vergesse den Draht und setze mein glückliches Hin- und Herwogen fort… bis der nächste Draht… nein, diese Drähte sind doch eine Plage.

Verstehen Sie? Wenn Sie also kindliches Glück, Unschuld und Geborgenheit erleben möchten, müssen Sie sich in dieser Ausstellung vor ein Bild Hakobyans stellen. Achten Sie bloss darauf, dass Sie die Drähte umschiffen. Nur… sobald Sie darauf achten, haben Sie Ihre kindliche Unschuld verloren. Was für ein Dilemma.

Albert_Hakobyan_blau_kunstalker

Versuchen wir nun eine Gemeinsamkeit der ausgestellten Bilder und Künstler zu finden, würde ich sagen, ist das der Kampf innerhalb des Bildes. Die Kräfte der Gemälde bekämpfen hauptsächlich sich selbst. Selbstverständlich beziehen sie den Betrachter mit ein und breiten ihren Wirkungskreis so weit aus, bis der Betrachter in ihre Welt einbezogen ist. Sie sind aber eindeutig an das Bild und seine Grenzen gebunden. Würden sie von der Leinwand treten, würden sie sich auflösen.

Ghazanchyans Bilder machen das auf trotzige Art, die den Betrachter anschreit.

Sarkissian Bilder sind da etwas gesetzter, erfahrener und demzufolge dämonischer.

Hakobyans Bilder verstecken ihre Intentionen, lullen den Betrachter ein, und zeigen ihr dämonisches Grinsen erst, wenn er ihnen nicht mehr entkommen kann.

Das sind die Bilder. Verwechseln Sie diese aber bitte nicht mit den Künstlern. Diese sind weder dämonisch, noch hinterhältig. Alles, was diese Herren haben, ist die Hand an der Kette – und damit die Kontrolle – über aus rivalisierenden Kräften entstandenen Bestien. Diese Kontrolle benutzen sie, um Bilder zu malen und die Welt über diese Kräfte zu informieren. Meinen Respekt.

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3

Der dritte Besuchertyp

 

Schlussendlich kommen wir nun zum dritten Galeriebesucher, der – ich warne Sie vor – mehr eine Karikatur, denn etwas anderes ist.

Nehmen Sie den Zweiten und ergänzen Sie ihn um folgendes:

Anstatt mir eigene Gedanken zu den Bildern zu machen, durchstöbere ich mein Gedächtnis nach Aussagen, die ich auf die ausgestellten Bilder anwenden könnte.

Zuerst einmal zur Stilrichtung: Ich bin mir sicher, dass Hakobyan zum Drip Painting dazuzuzählen ist. Man sehe nur die getropften Farben, die dort vereinzelt über das Bild laufen. Oder vielleicht Kubismus. Wenn ich so an Mondrian denke und an die vielen verschiedenfarbigen Vierecke seiner Bilder, dann könnte das hier, mit seinen verschiedenen Vierecken… expressionistischen Vierecken (das klingt doch schon viel besser) auch zum Kubismus gehören. Schlussendlich sehen wir also hier von Hakobyan eine entzückende Auswahl an expressionistischen, kubistischen Drip Paintings. Fantastisch!

Die ephemere Symbolik der sich ständig wandelnden Intensität der Bilder Hakobyans erschöpft sich in virtuoser Selbsterkenntnis, die Weltschmerz durch Sehnen nach Erlösung in erschütternder Einfachheit ihre wahre Form finden lässt.

Was? Keine Ahnung, was ich gerade gesagt habe, aber da es auch sonst keiner versteht, muss es tiefgründig und von daher wahr sein.

Nun zu Sarkissian: Eindeutig barock. Darüber muss überhaupt nicht gestritten werden. Caravaggiesce Impulsivität mischt sich mit der Zartheit der Radierungen Caraccis, was einen Strudel profaner Intensität hervorruft. Nur das Licht stimmt so also gar nicht. Weder bei Caravaggio, noch bei Caracci ist diese Art von Licht zu finden. Ich denke, da schwingt etwas Impressionismus mit.

Zu guter Letzt Ghazanchyan: In Farbklecksen freigesetzte futuristische Energie mischt sich mit dem Gedankengut dadaistischer Gedichte, wodurch emulgatorische… emul… e… wie ein Emulgator… nun ja… die Reize werden bei Ghazanchyans Bildern auf neofraternistische Weise in konkave Schwingungen gebracht, mit dem Streben nach… nach… Erkenntnis. Ja, Erkenntnis.

Nach diesem formidablen Exempel analytischer Bildbetrachtung ringe ich erschöpft nach Atem, während meine Begleitung andächtig nickt und nichts sagt.

Als ich mich wieder gefasst habe, richte ich mich auf, gestärkt und durchdrungen von und mit all den neuen Impulsen, die die ausgestellte Kunst mir gegeben hat.

Wir lassen uns Zeit unseren Galeriebesuch angemessen ausklingen zu lassen, plaudern mit der Galeristin und bedauern die Abwesenheit der Künstler.

Auf dem Heimweg diskutieren wir über all die Künstler, die wir bereits kennen und loben unseren Schwager, der alles genau so gut kann. Er möchte nur nicht Künstler werden, da er es aus Leidenschaft macht und befürchtet, dass es ihm verleiden könnte, wenn er es denn zu seinem Beruf machen würde. Was für ein Verlust für die Welt. Beklagenswert.

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Anmerkung:

Ich benutze das Wort klassisch in diesem Text nicht im Sinne von der kunsthistorischen Epoche der Klassik zugehörig, sondern im umgangssprachlichen Sinne.

1 Kommentar

  1. „Gratulation für den ausgezeichneten Artikel, er hat mir viel Freude gemacht.
    Ich erlaube mir den Link an die Galeristin von anixis und den Verleger von arensuite Hr. Lukas Vogelsang weiterzugeben.“

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