Ana Judith Haugwitz, Bildhauerin

Aug 30, 12 Ana Judith Haugwitz, Bildhauerin


 

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Reprise

3. Interview mit Ana und Jessye

 

 

 

 

 

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Einleitung

 

Als eines schönen Sommerabends Markus Lüthi, der Sohn von Ueli Lüthi mir erzählt, wie sehr seinem Vater mein Text über seine Gemälde gefallen hat, steht auf einmal Ana neben mir und fragt:

Ana: Du schreibst Texte über Kunst?

Ich: Ja. Für meinen Blog.

Ana: Oh, wie schön. Weisst du, ich bin Bildhauerin und habe nächste Woche eine Ausstellung.

Interessiert horche ich auf: Eine Ausstellung?

Ana: Es ist eine Reprise meiner Werke der letzten zehn Jahre.

Wieder daheim besuche ich Anas Webseite und informiere mich über sie und ihre Kunst. Als erstes fällt mir auf, dass sie nicht mit schweren Materialien, wie Stein oder Metall, arbeitet, was ich beim Wort „Bildhauerin“ erwartet hatte. Ich sehe filigrane Konstruktionen, die Mischehen eingehen mit Menschenhaar, und bunte Schneckenwesen aus Gips, die in Fenster lugen.

Mit freundlicher Genehmigung von Ana Haugwitz (http://anahaugwitz.com/under-the-leaves-since-2009)

Mit freundlicher Genehmigung von Ana Haugwitz (http://anahaugwitz.com/tierra-de-reyes-reinas-principes-princesas-y-sapos-2010)

Mit freundlicher Genehmigung von Ana Haugwitz (http://anahaugwitz.com/tierra-de-reyes-reinas-principes-princesas-y-sapos-2010)

Von den Schnecken bin ich sofort angetan. Sie gefallen mir. Etwas weniger wohl fühle ich mich mit den Aluminiumwesen der Plage, die ebenfalls an Schnecken erinnern, gleichzeitig aber bereits Menschenform annehmen durch ihre Körper, die wie eine Meerjungfrau in der Verwandlung vom Fisch zum Menschen aus ihrem Fischschwanz Beine ausformt.

Mit freundlicher Genehmigung von Ana Haugwitz (http://anahaugwitz.com/plage-2009)

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Die Reprise

 

Wenige Tage später befinde ich mich bei Anas Reprise und wandere durch die Ausstellung.

Die bunt lackierten Gipsschnecken (Simon, David, Gloria, Gips, Lack, 2010) befinden sich nun nicht mehr vor einem Fenster, in das sie hineinspähen, sondern treffen auf die Rückwand eines Warenliftes, die ihnen den Weg versperrt. Die mittlere Schnecke richtet sich auf, als wolle sie das Hindernis abschätzen. Eine gänzlich neue Stimmung wird durch diese Konstellation hervorgerufen. Während ich beim Foto der Schnecken vor der Glasscheibe das Gefühl hatte, sie blickten neugierig in den Raum hinter der Scheibe, in dem sie sich gerne befinden würden, scheinen sie mir im Lift verwirrt und verloren zu sein. Sie haben einiges an Intelligenz und Lebensdrang verloren. Nicht mehr sind sie mit einem Ziel unterwegs, wie sie es bei ihrem Marsch zur Fensterscheibe waren, sondern sind in einem engen, auswegslosen Raum gelandet, ohne zu wissen, wie sie hier herkamen, noch wohin sie überhaupt wollen. Ich versuche mich neben ihnen niederzukniehen und sie zur Umkehr zu bewegen. Aber dafür ist nicht genug Platz.

Viel Platz hat es hingegen bei ihren Verwandten, die über umgekippte Lampen und gepolsterte Sitzbänke kriechen und mit Pistolen spielen. Die Konstellation trägt den Namen Omas Republik II (mixed media, 2011/2012).

Ein Element aus Omas Republik II

Lachend erzählt Ana, wie sie die Pistole selbst geschnitzt hat, in Erinnerung an eine Pistole, die sie in ihrer Kindheit im Hause ihrer Oma gefunden hatte. Stundenlang war sie davor gesessen und hatte die Form der Pistole bewundert, ohne jedoch jemals daran zu denken, sie als Waffe zu benutzen.

Ana: Während ich die Pistole in der Werkstatt schnitzte, dachten all die anderen Studenten – vor allem die Männer – es würde etwas Weibliches daraus werden, da sie so viele Rundungen hat. Als sie dann merkten, dass es eine Pistole werden würde, waren sie erstaunt und entsetzt.

An einer Wand desselben Raumes hängen Tiefdrucke, in die Seidenpapier eingearbeitet wurde. (o.T., Serie von 16 Tiefdruck „Chine Collé“, 2012).

Ana: Die sind nicht angemalt. Das ist Seidenpapier.

Ein Element von o.T., 2012

Neu eintreffende Gäste nehmen Ana in Beschlag. Ich setze meine Wanderung durch die Ausstellung fort.

Im Raum auf der anderen Seite des Flures teilen sich das Puppenhaus (mdf, Kunststoff, Lack, 2007) und Liebesgeschichte (Stoff, Kunststoff, 2009) dieselben vier Wände.

Zuerst denke ich, Liebesgeschichte bestünde ebenfalls aus einem Schneckenwesen, das über einen Felsbrocken kriecht. Dann lese ich das aufliegende Interview zwischen Ana und der Kunsthistorikerin Maya Minder, die ihr bei der Planung und Ausführung der Reprise geholfen hat.

Interview zwischen Ana und Maya

Im Interview erfahre ich, dass Liebesgeschichte weder aus einer Schnecke, noch aus einem Felsbrocken, sondern aus einer Pommes Frittes und einer Rosine besteht. Die zugehörige Geschichte ist hier nachzulesen.

Das letzte ausgestellte Objekt ist Der Hügel, Polymer-Gips, Eisen, elektrische Installation, 2006.

Der Hügel, 2006

Ein paar andere Werke treibe ich in ihrer Werkstatt auf. Im Ausstellungsraum selbst befindet sich nur eine Auswahl ihrer Werke der letzten neun Jahre. Denn, wie ich ebenfalls aus dem Interview mit Maya Minder erfahre, hier sind eigentlich nicht zehn Jahre ausgestellt, sondern neun. Aber die Zahl zehn macht sich besser als Aufhänger.

Während Ana den Kuchen anschneidet, den ich ursprünglich auch für ein Kunstwerk gehalten habe, bitte ich sie um ein Interview. Sie lädt mich zum Mittagessen am folgenden Tag ein, damit wir genug Zeit und Musse haben, um zu plaudern.

Bevor ich gehe, nehme ich mir einen Moment, um ein Gesamtgefühl der Ausstellung in mir reifen zu lassen. Was für einen Eindruck haben die ausgestellten Objekte auf mich gemacht?

Meinem Empfinden nach muss man Anas Objekten nahe sein, damit sie richtig wirken. Je weiter entfernt man von ihnen steht, umso weniger fühlt man ihren Puls. Man darf sie nicht von oben oder mit ehrfurchtsvollem Abstand betrachten. Man muss sich neben ihnen hinkauern und in ihren Lebensraum treten. Sobald man ihnen nahe ist, fühlt man sich wohl und entspannt. Ganz selbstverständlich teilt man seinen eigenen Wohlfühlbereich mit ihnen und empfindet sie weder als Eindringlinge, noch als Fremdkörper. Genausowenig ist man dermassen von ihnen überrumpelt, dass man ruhelos versucht, sie zu erkunden und verstehen. Sie sind ganz einfach. Man mag sie. Man fühlt sich nicht von ihnen abgestossen, auch wenn sie Schnecken oder rückwandlose Puppenhäuser sind. Man will sie nicht mit den höchsten Worten loben, da man sie nicht versteht und von ihnen überwältigt ist. Nein, man möchte sie beschützen und ganz einfach in Gedanken versunken bei ihnen sitzen, während sie selbst neugierig ihre Umgebung erforschen, ohne zu wissen, dass man da ist.

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Interview mit Ana und Jessye

 

Ana Judith Haugwitz, geboren 1981 in Bogotá, Kolumbien. Tochter eines Deutschen und einer Kolumbianerin. Aufgewachsen bei der kolumbianischen Grossmutter.  Mehr biografische Daten sind hier zu finden.

Ana: Ich habe an der Kunstakademie München studiert. Dort funktioniert noch alles wie vor 200 Jahren. Du bewirbst dich im Grunde genommen nicht für die Schule, sondern für einen bestimmten Professor. Der entscheidet dann auch, ob er dich nimmt, oder nicht.

Ich habe bei Hermann Pitz Bildhauerei studiert. 2008 wurde ich Meisterschülerin. Auch hier entscheidet der Professor, wer MeisterschülerIn wird. Früher hast du in der Werkstatt von deinem Professor gearbeitet, heute bekommst du etwas Geld. Nicht sehr viel, aber immerhin 200 Euro pro Semester.

Ich war in einer Bildhauereiklasse. Unter Bildhauereiklasse muss man sich aber nicht vorstellen, dass die Studenten nur Skulpturen schaffen. Dort haben alle gemacht, was sie wollten: Fotografieren, Performances, was auch immer sie ausprobieren wollten.

Ich: Dann würdest du dich also als Konzeptkünstlerin bezeichnen?

Ana: Nein, ich bezeichne mich als Bildhauerin.

Ich: Naja, aber du arbeitest ja auch sehr viel mit und in anderen Medien. Performances hast du auch schon gemacht… Ich würde das nicht unbedingt Bildhauerei nennen.

Ana: Lass mich überlegen… Dann eben Ideenhauerin. Ich haue Ideen.

Ich: Wolltest du schon immer Künstlerin werden?

Ana: Als Kind wollte ich Schriftstellerin oder Künstlerin werden. Dann bin ich ins Ausland gegangen und als ich zurück nach Kolumbien gekommen bin, war ich an der Kunsthochschule angemeldet. (Sie lacht.) So einfach war das. Aber ich fühle mich sehr wohl als Künstlerin, und werde es wahrscheinlich auch immer bleiben. (Sie überlegt einen Moment.) Ich glaube, ich war schon immer eine Künstlerin.

Als Kind habe ich stundenlang die Sachen im Haus meiner Oma beobachtet. Die Möbel, die Pistole,… Ich fand die Form, die Oberfläche, das Objekt interessant. (Sie lacht.) Das ist mein Fetisch seit Kindertagen.

Ich: Hast du ein Lieblingsmaterial?

Ana muss einen Moment nachdenken, bevor sie antwortet: Gips mag ich.

Ich: Weil es alles macht, was du willst?

Ana: Es macht überhaupt nicht alles, was ich will! Aber mir gefällt, dass es ein Mineral ist, ein natürliches Material. Ich finde die Veränderungen, die während der Arbeit mit Gips am Material stattfinden faszinierend. Es gibt viele Wege, Gips zu nutzen: Ich mische ihn zum Beispiel mit Pigmenten oder Alkohol. Was ich auch sehr toll finde, ist, dass man keine Hilfe oder Infrastruktur braucht, wenn man mit Gips arbeitet. Man kann sehr viel selber forschen.

Ich meine, Kunststoff, zum Beispiel, ist das genaue Gegenteil. Erstens einmal ist es giftig. Das ist ein sehr wichtiger Punkt. Als Künstler brauchst du deinen Körper, um arbeiten zu können. Du musst gut auf dich Acht geben. Mit ungesundem Material zu arbeiten ist also eine schlechte Voraussetzung.

Ausserdem hat Kunststoff eine definierte Oberfläche, vorgegebene Strukturen. Bei Gips ist das nicht so. Da hast du viel mehr Spielraum, bevor du zum Endresultat gelangst.

Ich: Wie gehst du vor bei einem neuen Projekt? Du hast einmal erzählt, dass deine Kindheitserinnerungen sehr wichtig sind für dich. Nimmst du einfach eine Erinnerung und machst ein Kunstwerk daraus?

Ana: Nein. Erinnerungen sind wie ein Rucksack, den jeder mit sich mitträgt. Natürlich schwingen sie immer etwas in deiner Gegenwart mit. (Beinahe vorwurfsvoll.) Aber ich nehme keine Erinnerung und mache ein Kunstwerk daraus.

Ana schweigt und lässt sich Zeit damit zu überlegen, wie sie überhaupt vorgeht bei einem neuen Projekt. Zwischendurch wirft sie Chingsum Jessye Luk, einer von sieben weiteren Künstlern, die momentan die sich ständig in der Konstellation verändernde Ateliergemeinschaft O puter formen, einen fragenden Blick zu. Wie ist das bei ihr? Jessye blickt aus dem Fenster der Küche, in der wir uns befinden und zu dritt Mittag essen, während ich immer mal wieder Fragen in die Runde werfe. Dann antwortet sie zögerlich.

Jessye: Ich denke, zuerst habe ich eine Idee. Dann mache ich Experimente und Versuche. Ich sehe, was funktioniert und was nicht. Wenn etwas funktioniert, gehe ich von dort weiter.

Ana: Das ist bei mir auch so. Mir ist von Anfang an auch nicht klar, was genau rauskommen wird. Ich habe einen Gedanken im Kopf, und das Resultat ist dann so etwas wie ein 3D-Foto dieses Gedankens, eingefroren zum Beispiel in Gips.

Jessye: Das ist bei mir nicht so. Ich habe selten Images im Kopf. Früher, als ich noch fotografiert habe, war das viel stärker so, dass ich das Endresultat im Kopf vorvisualisiert habe.

Ich wende mich an Jessye: Was bist denn du für eine Art Künstlerin?

Ana und Jessye sehen sich einen Moment nachdenklich an, bevor Ana für Jessye antwortet: Ich würde sagen, du bist Konzeptkünstlerin?

Aber zurück zur Frage nach der Entstehung eines Kunstwerks.

Ana: Die Kette sieht bei mir also in etwa so aus: Gedanke > Form > Arbeit > Schlussendliche Form. Ich habe eine Vorstellung, wie ich den Gedanken darstellen will. Ich sehe, dass es nicht so funktioniert, wie ich mir das vorgestellt habe und probiere so lange herum, bis ich mit dem Endresultat zufrieden bin.

Der Entstehungsprozess ist interessant für mich. Es ist nicht so, dass ich eine Idee habe und eine Maschine dann daraus ein Kunstwerk macht. Sondern ich habe eine Idee, die ich während der Arbeit mit dem Material durch meine Muskeln laufen lasse, bis ein Endprodukt entstanden ist.

Ich arbeite viel mit Modellen. Bei den Modellen geht es mir nicht um die finale Oberflächenqualität, sondern um die Formqualität. Die Oberfläche wird während des Arbeitsprozesses definiert. Die Modelle müssen also nicht aus demselben Material bestehen, wie das Endprodukt. Sobald ich mit Hilfe der Modelle weiss, welche Form ich meinem Werk geben will, kümmere ich mich um das passende Material, das dann die Oberfläche definieren wird.

Es gibt auch Ideen, die manuell nicht umsetzbar sind. Viele Künstler arbeiten gar nicht mehr körperlich selbst an ihren Werken, sondern haben eine Idee und lassen Maschinen ihre Idee umsetzen. Aber ich liebe den Prozess mit dem Material, die Veränderung. Das kann ich nur alleine machen, mit meinen eigenen Händen. Mit Hilfe einer Maschine ginge das nicht mehr.

Schweigend sitzen wir einen Moment da und überlegen, wie viele Künstler wohl noch nie wirklich mit dem Material ihrer Objekte in Berührung gekommen sind.

Ana: Es gibt ja auch Skulpteure, die aus Büschen Hunde und solche Dinge machen. Aber ob die jemals selber einen Busch geschnitten haben?

Ich auf jeden Fall muss einfach Körperkontakt mit meinen Materialien haben. Im Moment faszinieren mich Vorhänge. Ihr Stoff, ihre Falten, ihre Symbolik. Was ist ein Vorhang? Wie wird er benutzt? Will man etwas verstecken? Das ist ja eigentlich seine Aufgabe. Er versteckt das Innere eines Hauses vor Blicken. Oder auch Personen selbst. Wer hat sich nicht als Kind hinter Vorhängen versteckt?

So gehe ich vor. Ich bin immer aufmerksam und beobachte die Details der Dinge. Wenn ich eine Form sehe, die mich fasziniert, löst das bei mir Gedanken aus, die wiederum zu einer Form führen, die ich mit meinen Werken darstelle.

Auch Menschen faszinieren mich sehr. Sie sind mein Thema. Aber ich arbeite in Metaphern. Die Schnecken zum Beispiel sind Metaphern für Menschen. Und dass ich Schnecken wähle, liegt wiederum daran, dass sie Etwas sind, was ich im Garten meiner Grossmutter ausgiebig beobachten konnte.

Ich: Kannst du etwas sagen über die Unterschiede zwischen Künstlern in Kolumbien, Deutschland und der Schweiz?

Ana: Unterschiede? Nicht wirklich. In Kolumbien war ich noch zu klein. In Deutschland war ich an der Kunstschule. Da gab es alles. Und hier in der Schweiz kämpfe ich darum, zu überleben. Ich kriege also nicht so richtig was mit.

Ich lasse nicht locker: Also meiner Meinung nach sind schweizer Künstler etwas schüchtern, wenn es um ihre Kunst geht?

Ana und Jessye sind beide erstaunt: Schüchtern?

Ich: Naja, sie posaunen nicht so laut…

Ana und Jessye: Ach so, das. Ja, das stimmt, sie sagen es nicht so laut. Aber sie wissen sehr wohl…

Jessye: Obwohl, viele bekannte schweizer Künstler leben auch nicht in der Schweiz, sondern im Ausland.

Ana: Also ich denke, Lateinamerika hat momentan eine Tendenz, partizipatorische Kunst zu machen, und die Exklusivität von Kunst abzuschaffen. Aber das ist nicht nur in Lateinamerika so, sondern weltweit.

Es ist schwer eine „landweise“ Definition zu liefern. Man müsste das „kunstweltweise“ machen. Unter „Kunstwelt“ verstehe ich die unterschiedlichen „Welten“, die es in der Kunst gibt, wie die Galerien, die Kunstvermittlung, die politische Kunst, und alles, was es sonst noch gibt. Diese „Kunstwelten“ sind überall auf der Welt sehr ähnlich. Und jede verfolgt ihre eigenen Ziele. Eine „Welt“ möchte Geld mit Kunst machen. Eine andere möchte dem Publikum Kunst näher bringen. Eine dritte möchte Kunst herstellen. Eine vierte benutzt Kunst für ihre politischen Zwecke. Und so weiter.

Kunstwelten sind saisonal. Manchmal ist die eine gerade Mode, manchmal eine andere.

Jessye: Momentan ist Politik wieder in.

Ana: Genau. Seit etwa 4 Jahren. Im Allgemeinen ist es so, dass Kunst, genau wie Kommunikation, ihre Strategien hat. Einige funktionieren besser, andere schlechter. Und natürlich liegt es immer etwas am Zeitgeist, ob eine Strategie gerade besser zieht, oder eben schlechter.

Ich: Was ist denn Kunst überhaupt?

Ana und Jessye lachen und werfen augenzwinkernd mit ein paar Allgemeinplätzen um sich.

Kunst existiert gar nicht, oder es ist alles.

Es gibt nur schlechte, oder gute Kunst.

Viele Leute nennen sich Künstler, damit sie unperfekt sein können.

Dann werden sie wieder ernst.

Ana: Ich denke, Kunst ist Dialog.

Jessye: Genau. Ich, der Künstler, sage durch mein Kunstwerk etwas, und du, der Rezipient, sagst irgend etwas irgendwohin weiter.

Ana: Zum Beispiel warst du bei einer Ausstellung und erzählst am Abend bei einer Grillparty davon. So entsteht ein Gespräch.

Ich: Aber der Künstler selbst würde dann einen Monolog liefern und nicht einen Dialog beginnen. Immerhin redet der Rezipient nicht mit ihm, sondern mit jemand anderem.

Ana: Dann muss man das vielleicht etwas eingrenzen: Kunst ist da, um einen Dialog zu öffnen.

Ich zum Beispiel gebe nicht gerne vor, wie meine Werke verstanden werden sollen. Ich lasse offen, wie sie gelesen werden. Jeder darf selber in ihnen sehen, was er will.

Ich mache Kunst, weil mir das gefällt. Jemand schaut sich meine Kunst an und kommentiert. In welche Richtung der Kommunikationsprozess geht, ist mir nicht wichtig.

Auf einmal hat Ana ein Feuer gepackt und sie liefert eine leidenschaftliche Tassenmetapher.

Ana: Ein Künstler macht zum Beispiel diese Tasse. Er hat sie gemacht, damit man Tee daraus trinkt.

Sie trinkt den letzten Schluck Tee aus ihrer Tasse und dreht sie um.

Ana: Aber die Tasse kann auch für etwas anderes genutzt werden. Wenn ich zum Beispiel viel zu gross bin und der Tisch für mich zu niedrig…

Sie steht auf, stellt ihren Teller auf die umgekehrte Tasse und tut so, als würde sie daraus essen.

Ana: … dann kann ich die Tasse als Tellerunterlage nehmen. Das ist doch fantastisch. Der Künstler hätte zwar nie im Traum daran gedacht, dass jemand seine Tasse dafür gebrauchen wird, aber ich, der Rezipient, habe sie genau für das genutzt, für was ich sie brauche.

ana_haugwitz_tasse_teller
Strahlend blickt sie mich an.

Ich: Ich verstehe, was du sagst, aber…

Ana schaut mich erwartungsvoll an. Es gibt ein Aber?

Ich: … aber viele Menschen würden so etwas niemals machen. Viele Menschen würden niemals eine Tasse umdrehen und als Tellerunterlage benutzen, auch wenn sie es eigentlich bräuchten, ganz einfach aus dem Grund, dass die Tasse ursprünglich nicht zu diesem Zweck gemacht wurde.

Verblüfft verharrt Ana einen Moment, bevor sie laut lacht, ihre Tasse wieder umdreht und sich hinsetzt.

Ich: Vielleicht hast du es ja mit solch einer Selbstverständlichkeit gemacht, weil du Künstlerin bist und keine Berührungsängste mit Kunst hast?

Ana grinst und bietet mir Melone an. Dann müssen Ana und Jessye wieder an die Arbeit.

Vielen Dank ihr Zwei für das interessante Gespräch!

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