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Jul 23, 12 YouTuber


 

Inhaltsverzeichnis

1. Die Anfänge des Films vs. YouTube

2. Der Jahrmarkt vs. YouTube

3. Originalität und YouTuber

4. Merkmale von YouTuber-Videos

5. Übermerkmale von YouTuber-Videos

6. Die neuen Wege von YouTubern

 
United Kingdom
 

Der folgende Dialog hat in dieser Form nie stattgefunden. Friedrich v. Zglinicki ist der Autor des Buches Der Weg des Films – Die Geschichte der Kinematographie und ihrer Vorläufer. Alle seine Aussagen des folgenden Dialogs wurden erwähntem Buch entweder wörtlich entnommen oder derart umgewandelt, dass sie in den Dialog passten. Der sinngemässe Inhalt Friedrich v. Zglinickis‘ Aussagen wurde nicht verändert. Jan Dem und Andrea Djemsen sind fiktive Personen.


 

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Die Anfänge des Films vs. YouTube

 

Ich: Hört euch das an: Die ersten Schritte, die Filme machten, waren in Wandervorstellungen um 1900. Emma hatte sich schon immer gewünscht diese rohen Ursprünge miterleben zu können. YouTube erfüllte ihr diesen Wunsch.

Andrea Djemsen: Was ist das?

Ich: Diese Aussage habe ich auf Emmas Blog gefunden. Was haltet ihr davon?

Andrea: Mal sehen. Was sagt sie da genau? Sie sagt, die ersten Filme fand man in Wandervorstellungen. Sie sagt, dass sie gerne zu der Zeit um 1900 gelebt hätte. Und sie sagt, dass sie dennoch einen Blick auf diese Zeit und die Filme der Wandervorstellungen werfen kann, indem sie YouTube schaut. Richtig? Meint sie damit, dass auf YouTube auch die ganz alten Filme zu finden sind?

Jan Dem: Ich denke, sie meint damit, dass die Filmindustrie einen Lebenszyklus beendet hat und dass sie nun sozusagen von vorne beginnt. Dieser Beginn ist scheinbar auf YouTube zu finden.

Ich: Dann passiert also heute genau das, was vor mehr als hundert Jahren in Wandervorstellungen passiert ist, auf YouTube?

Andrea: Was ist denn in Wandervorstellungen passiert?

Friedrich v. Zglinicki: Die Vorgeschichte des Films reicht zurück bis zu den Höhlenmalereien und geht über Schattenspiele, Puppentheater, Guckkästen und Moritätensängern bis zu dem Zeitpunkt, an dem die entsprechende Technik so weit ausgebildet war, dass erste Filmapparate gebaut und erste Filmchen gedreht wurden. Das war im Jahre 1896. Anfangs war das Besondere am Film jedoch nicht der Inhalt, sondern die Technik. Das Tolle war, dass man Fotografien zum Leben erwecken konnte. Was für Szenen aber gezeigt wurden, war trivial. So zeigte man blosse Strassenszenen, fahrende Eisenbahnzüge, Skatspieler oder verfilmte Witze.

Diese ersten inhaltlich belanglosen Filmchen wurden in Varietés gezeigt, als Teil des Programms. Erst als die Zuschauer sich nicht mehr mit einfachen Alltagsszenen abspeisen liessen, wurde mehr auf den Inhalt der Filmchen geachtet.

Die Ersten, die das Potenzial dieser Filme erkannten, waren die Jahrmärkte und Schaubuden. Anstatt teure und anspruchsvolle Artisten, Steinbeisser, Feuerschlucker, Boxer und Missgebildete zu engagieren, boten die Besitzer der Markt- und Messebuden Filme als Attraktion an.

Da diese Filme aber einzig und allein dafür bestimmt waren, Jahrmarktbesucher anzulocken und Geld zu verdienen, hatten diese ursprünglichen Filme keinerlei Ehrgeiz künstlerisch wertvoll zu sein. Das, was das Pulikum sehen wollte, wurde ihm geboten. Am beliebtesten waren Komödien und Geschichten von blutigen Verbrechen.

Ich: Genau das findet sich also heute auf YouTube wieder?

Jan: Mal sehen. Auf Jahrmärkten wurden aussergewöhnliche Dinge präsentiert, die nicht so ohne weiteres im normalen Leben zu finden waren. Zum Beispiel gab es da, wie bereits erwähnt, Artisten, Feuerschlucker und Missgebildete. Genau das findet man heute auch auf YouTube. Kann einer einen Salto machen, stellt er das aufs Netz. Leidet einer an der Elefantenkrankheit, stellt er ein Video von sich aufs Netz.

Andrea: Es muss nicht einmal so etwas Extremes wie eine Krankheit oder Deformation sein. Nur schon von grossen, eiternden Pickeln gibt es massenweise Videos.

Jan: Genau. Scheinbar stillen die schon die Schaulust der Leute.

Weiter gibt es auf YouTube Kanäle, die Nachrichten mehr oder weniger seriös vermitteln. Ein Beispiel wäre die Philip DeFranco Show.

Ich: Das gab’s beim frühen Film auch schon. Ziemlich bald wurden öffentliche Anlässe wie Umzüge, Einweihungen und dergleichen gefilmt und gezeigt. Später entwickelten sich daraus die Wochenschauen, die Kurznachrichten präsentierten, den Zeitungen gleich.

Von Zglinicki: Die ersten „Kinobesitzer“ waren Personen, die Vorführapparate (meist auch Aufnahmeapparate) und Filme besassen und damit von Ort zu Ort wanderten, um ihre Filmstreifen zu zeigen. Zwei der unzähligen umherwandernden Kinobesitzer in Deutschland waren Vater und Sohn Marzen. Das Besondere an ihren Vorstellungen war, dass sie aktuelle örtliche Szenen in ihr Programm einfügten, sozusagen als heimatliche Wochenschau. Diese Szenen nahmen sie eigenhändig auf, sobald sie sich in einem neuen Ort befanden.

Andrea: Wie weit darf man diese Wochenschauen denn mit unseren heutigen Nachrichten vergleichen?

Ich: Überhaupt nicht. Damals hielt man ganz einfach den Aufnahmeapparat auf den Platz vor einem Restaurant und filmte die Gäste, oder zeigte, wie einer ritt, und ähnliches. Das würden wir heutzutage eher Dokumentare nennen, als Nachrichten. Nur wenn Erzähler live die gezeigten Filme kommentierten, wurden sie zu einer Art Nachrichten, wie wir das heute kennen.

Andrea: Was meinst du mit „live kommentieren“?

Ich: Zu dieser Zeit waren die Filme noch stumm. Wollte man die Filme also kommentieren, musste sich eine Person neben den Bildschirm stellen und während der Film lief erzählen, was zu sehen war, oder weiterführende Informationen geben.

Jan: Auf YouTube gibt es auch lauter How-To-Kanäle. Dort bekommt man alles beigebracht, was man selbst noch nicht kann.

Wie repariere ich mein Auto, wie koche ich, wie halte ich mich fit, wie überlebe ich in der Wildnis, wie lerne ich Fremdsprachen, wie schminke ich mich, etc.

Die bekanntesten dieser How-To-Kanäle sind Schmink-Kanäle. Die Anbieter werden Beauty-Gurus genannt. Eine kleine Auswahl: MichellePhan (USA), juicystar07 (USA), AllThatGlitters21 (USA), Sasakiasahi (Japan), und unzählige mehrDie oben angeführten Länder und Namen sind nur ein kleiner Abriss von dem, was es im Moment alles auf YouTube (www.youtube.com) und ähnlichen Kanälen, wie zum Beispiel Youku (www.youku.com), im Internet gibt.
An dieser Stelle eine kurze Erklärung für all diejenigen, die mit YouTube nicht vertraut sind. Die Namen sind die Kanalnamen. Jeder YouTuber hat einen eigenen Kanal, den er nennen kann, wie er will. Einige nehmen ihre richtigen Namen, oder Teile davon, wie Michelle Phan (= Michelle Phan), Shane Dawson (= Shane Dawson), Kevjumba (= Kevin Wu), Charlieissocoollike (= Charlie McDonnell), Normanfaitdesvidéos (= Norman Thavaud), etc. Fred ist, entgegen naheliegender Annahme, nicht der Name des Künstlers, sondern der Name, den Lucas Cruikshank seiner Kunstfigur, die Hauptperson seines Kanales ist, gegeben hat.
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Dann gibt es noch Kanäle, die sich auf Computerhilfe spezialisiert haben, andere, die Kochhilfe anbieten, und dergleichen. Die meisten How-To-Videos allerdings werden von Privatpersonen hochgeladen, die ansonsten auf ihren Kanälen Videos zeigen, die nicht ins How-To-Segment gehören.

Ich weiss nicht, ob diese Sorte Videos Verwandtschaft zu den Jahrmärkten haben.

Ich: Naja, nicht wenn es darum geht, sie als Äquivalent der Marktstände anzusehen. Aber all die Leute, die den Jahrmarkt besuchen, gehen da ja nicht nur hin, um unterhalten zu werden, sondern auch, um sich untereinander auszutauschen, Neuigkeiten, Tipps und Tratsch zu erfahren. In eine ähnliche Richtung, wenn auch etwas professioneller gehen die Videos, die du gerade angesprochen hast. Auch weil, wenn du es ganz genau nimmst, die meisten dieser Videos nicht wirklich als Lehrer herhalten können. Sie sind mehr so etwas wie ein Fingerzeig, in welcher Richtung nach der Lösung für ein Problem gesucht werden muss. Wer kann schon sein Auto wirklich von Anfang bis Ende zusammenbauen einzig und alleine anhand von YouTube Videos? Oder wer lernt eine Fremdsprache einzig und allein durch YouTube? Dafür sind die Videos vorläufig doch noch etwas zu laienhaft. Zwar gut gemeint, aber mit klassischen Ausbildungsstätten nicht konkurrenzfähig.

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Der Jahrmarkt vs. YouTube

 

Andrea: Wo könnte man sonst noch auf YouTube den Jahrmarkt wiederfinden?

Jan: Vielleicht bei der Lokalität? Jahrmarktbetreiber reisen umher und stellen in den jeweiligen Orten für eine gewisse Zeit ihre Buden auf. YouTube kommt genau wie der Jahrmarkt zu dir – in diesem Fall nicht nur in deinen Ort, sondern über den Computer bis in dein Haus – befindet sich aber dennoch an einem festen Platz, nämlich auf der YouTube Seite, die du aktiv anklicken, das heisst besuchen, musst. Der Unterschied zum Kino ist zum einen, dass du nicht mehr aus dem Haus gehen musst, zum anderen, dass du das, was du sehen willst, so oft und wann auch immer du willst, sehen kannst…

Ich: Das stimmt nicht ganz. YouTube sperrt immer mal wieder Videos, da sie Urheberrecht verletzen. Was nicht immer die Sperrung des gesamten Videos rechtfertigt, meiner Meinung nach.

Andrea: Wieso nicht?

Ich: Weil oft das Bildmaterial zum Beispiel dem Kanalbesitzer gehört, er es aber mit urheberrechtlich geschütztem Ton unterlegt hat. In diesem Fall sollte nur der Ton gesperrt werden, nicht auch das Bild. Das verletzt nämlich wiederum das Urheberrecht des Kanalbesitzers.

Aber es gibt auch Kanalbesitzer, die freiwillig Videos oder ihren ganzen Kanal löschen. In dem Fall hat der Zuschauer auch keinen Zugang mehr zu den Videos.

Du bist also schlussendlich doch nicht ganz so frei bei der Wahl, was du wann wie sehen willst, wie es scheint.

Andrea: Aber immerhin freier, als wenn du zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort einen bestimmten Film sehen musst, wie das beim Kino oder Fernsehen der Fall ist. Sofern du hier die Sendung nicht aufnimmst, versteht sich.

Jan: Die YouTube Sehgewohnheit zeigt Parallelen zu den frühen Filmvorführungen. Beides Mal werden am Stück mehrere nur minutenlange Filme gezeigt.

Von Zglinicki: Es stimmt, dass, sobald die Filme mit der Zeit nicht mehr herumreisten, sondern sesshaft wurden und in Vorläufern von Filmtheatern gezeigt wurden, immer mehrere Filme hintereinander folgten. Hier herrschte ein wildes Programmdurcheinander. Alle Streifen, die man vorrätig hatte, wurden wahllos hintereinander vorgeführt; Kulturfilm und Lustspiel, Aktualität und Drama – alle Filmsorten mussten in einem einzigen Programm vorkommen, weil man an eine Spielfolge von 10 – 20 Filmen gewohnt war.

Jan: Genau. Und dasselbe passiert heute auf YouTube. Hat man ein Video gesehen, klickt man auf ein weiteres und landet schlussendlich von einem Film über das Anbauen von Gemüse bei einer animierten Gutenachtgeschichte für kleine Kinder. Oder ähnliches. Das war nur ein Beispiel.

Andrea: Darum gibt es auch öfter Kommentare von verdutzten Benutzern, die in die Kommentarleiste unter die jeweiligen Filme schreiben, dass sie nicht wissen, wie sie bei diesem Video oder „in diesem Teil von YouTube“ gelandet sind.

Ich: Der frühe Film hat sich mit der Zeit dahin weiterentwickelt, dass vermehrt auf den Inhalt geachtet wurde.

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Originalität und YouTuber

 

Von Zglinicki: Bald gab es kein Thema mehr, das nicht schon im ersten Jahrzehnt des Kinos verfilmt worden wäre. Man bediente sich auch schon frühzeitig der literarischen Vorbilder. Diese wurden aber normalerweise dermassen zusammengekürzt, vereinfacht und mit einem Happy End versehen, dass von der literarischen Vorlage nicht mehr viel übrig war. Auch gab es Fälle, in denen Rechte zu einer literarischen Vorlage erworben wurden, das Werk dann aber gar nicht gelesen wurde, sondern bloss unter demselben Namen eine Geschichte geschrieben wurde, die den Schreibern als passend zum Namen schien.

Ich: Das zum Beispiel findet man von YouTubern noch nicht. Literaturverfilmungen.

Jan: Nein. Literatur wird von YouTubern noch nicht verfilmt. Aber andere Vorlagen gibt es zu Hauf. Es ist sogar so, dass hauptsächlich schon vorhandene Werke interpretiert werden und Originelles schwer zu finden ist.

Ich: Also ich finde einige YouTube Videos ziemlich originell.

Jan: Kannst du ein paar Beispiele geben?

Ich: Ich gebe dir am besten die Kanalnamen und nicht die Namen der einzelnen Filme. Da wären unter anderem in alphabetischer Reihenfolge Charlieissocoollike, HappySlip, Kevjumba, MonsieurDream, Nigahiga, Normanfaitdesvideos, Shane Dawson, Smosh, Werevertumorro,…

Jan: Und die findest du originell?

Ich: Nicht ganz immer, aber im Grossen und Ganzen, ja.

Jan: Bist du sicher, dass du den Inhalt ihrer Videos originell findest und nicht die Präsentation desselben? Denn wenn du nicht vom Inhalt sprichst, dann stimme ich mit dir überein. Was ich vorhin gesagt habe, ist, dass selten origineller Inhalt gefunden wird.

Ich: Das musst du mir erklären.

Jan: Diese Kanäle, die du gerade eben aufgezählt hast, gehören zu einer ganz bestimmten Sorte YouTube Kanal. Die Besitzer der Kanäle produzieren Videos zu Unterhaltungszwecken. Sämtliche der oben Aufgezählten machen das beruflich. Ihre Einnahmen generieren sich durch Verträge mit Kunden, die Werbung auf den Kanälen der YouTuber hochschalten. Das Publikum der Kanäle sind die YouTube Zuschauer, die die Videos entweder finden, indem sie durch YouTube surfen, oder indem sie die Kanäle, die ihnen besonders zusagen, abonnieren. Für die Zuschauer ist alles kostenlos. Alles, was von ihnen erwartet wird, ist, dass sie die Videos kommentieren und „liken“, und die Kanäle abonnieren.

Der Inhalt der Videos basiert in Allgemeinen auf bereits vorhandenem Inhalt anderer Medien. So werden zum Beispiel sehr gerne Werbesendungen und ihre Verkaufstricks durch den Kakao gezogen. Volksweisheit wird überspitzt dargestellt. Populärkultur wird parodiert. Etc. Die Vorlagen sind also jeweils sehr leicht identifizierbar. Das, was einige Videos aus dem Meer der YouTube Videos heraustreten lässt, ist die Art, wie der Inhalt präsentiert wird. Das ist auch der Grund, weshalb die Kanäle derart stark mit ihren Machern in Verbindung gebracht werden.

Ich: Wie meinst du das, die Kanäle werden stark mit ihren Machern in Verbindung gebracht?

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4

Merkmale von YouTuber-Videos

 

Jan: Ich meine, dass all die bekannten und erfolgreichen YouTuber„YouTuber“ ist im Moment noch ein heiss diskutierter Name. Wer ist ein YouTuber?
– Derjenige, der Vlogs herstellt? (Ein Vlog ist eine Art Tagebuch: Man nimmt mit der Kamera seinen Alltag auf, kommentiert ihn und teilt ihn mit der Welt.)
– Derjenige, der ausschliesslich seine Meinung zu was auch immer aufnimmt und mit der Welt teilt? („Die Meinung mitteilen“ muss mit Vorsicht genossen werden: Sagt man wirklich bloss seine Meinung, ober konstruiert man sie, um Aufmerksamkeit zu erlangen?)
– Derjenige, der extra für YouTube Kunstvideos herstellt? Ich werde den Begriff für letzteres verwenden.
aus sich selbst eine Kunstfigur gemacht haben. So wie das die ersten Filmstars auch gemacht haben. Charlie Chaplin zum Beispiel kennt man als den Tramp. Buster Keaton kennt man als den Mann, der nie lacht. Stan Laurel und Oliver Hardy kennt man als den dünnen Doofen und den dicken Tollpatsch.

Genauso hat jeder YouTuber seine Markenzeichen, wie den Beginn und Schluss seines Videos, Personen, die er erfindet oder für ihn typische Bewegungen, Filmtechniken, usw. Ein paar Beispiele:

Nigahiga (USA) beendet jedes seiner Videos mit dem geschriebenen und gesprochenen Wort Teehee. Er führte die How to be – Serie (How to be ninja. How to be gangster. How to be…) und aufs äusserste überspitzte Verkaufssendungsparodien ein. Einer seiner Running Gags für eine Weile war ein grüner aufblasbarer Ball (big bouncing green ball). Er spielt sehr gerne mit Worten, ihrem Sinn und ihrer Phonetik.

Shane Dawson (USA) interagiert in seinen Videos mit einer grossen Zahl von Charakteren, die er hauptsächlich selber verkörpert. Unter anderem sind da Shanaynay, die Weisse aus dem Ghetto, die sich einbildet schwarz zu sein; Ned, der Nerd; S-Deezy, der Gangster, der Probleme mit seiner Sexualität hat; Aunt Hilda; Mom; Fruit Lupe, die stereotype Latina aus Seifenopern und weitere. Sich selbst stellt er als verklemmten Teenager dar, der zu Selbsthass neigt.
Er beginnt seine Videos (solange es nicht seine Vlogvideos sind) damit, dass er zur Seite schaut, seinen Kopf wendet und sofort in das Thema einsteigt. Das Ende seiner Videos wird bezeichnet dadurch, dass er seine Handflächen küsst, woraufhin er mit ihnen die Kamera abdeckt.
Bluescreen, Kostüme und Requisiten sind häufig gesehene Zutaten seiner Sketche.

Werevertumorro (Mexiko) ist eine Gruppe von mehreren Personen, deren Hauptgesicht Gabriel Montiel ist. Der Kanal hat eine animierte Einleitung von einem Zug, der über die Welt rast, begleitet von dem Satz „Proxima estación Werevertumorro“ (Übersetzung: „Nächste Haltestelle Werevertumorro“). Aber das, was seine Videoanfänge lange Zeit ausgemacht hat, ist dass Gabriel einen unsinnigen Titel gewählt hat, den er ganz ernsthaft begonnen hat zu besprechen, um in Lachen auszubrechen und das richtige Thema zu beginnen. Das Ende seiner Videos wird ebenfalls oft bezeichnet durch „Y si tienes Internet, ay nos vemos.“  (Übersetzung: „Und wenn du Internet hast, werden wir uns wiedersehen.“)
Ein Merkmal, das Werevertumorro stark von anderen YouTubern unterscheidet, ist sein politisches Interesse. Immer wieder verkündet er seine Meinung zu Mexikos Politik und fordert seine Abonnenten dazu auf, wählen zu gehen.

Normanfaitdesvidéos (Frankreich) benutzt ein Fischauge, um seine Videos zu drehen und schreit jeweils einmal pro Video das Wort faux! Da er Schlagzeuger in einer Band ist, ist die Musik, die seine Videos untermalt oft selbstgemacht.

Auch Cyprien (Frankreich) benutzt ein Fischauge und hat die Buchstaben FAKE irgendwo im Bildmittelgrund platziert.

Charlieissocoollikes (GB) Videos enden mit folgendem, von Stephen Fry gesprochenen Satz: „You’ve just had the imponderable joy of watching Charlieissocoollike, which makes you like cool.“ (Übersetzung: „Sie kamen gerade in den unwahrscheinlichen Genuss Charlieissocoollike zu sehen, was sie like cool macht.”)

Smosh (USA) bestehen aus Anthony Padilla und Ian Hecox. Ihr Markenzeichen ist eine äusserst übertriebene Spielart. Ihre Themen entstammen häufig der Welt der Computerspiele, Comics, Kinderspielzeug, etc. Die Buntheit und Poliertheit ihrer Videobilder unterstützen diese Themen perfekt. Ihre Parodien sind dermassen auf die Spitze getrieben, dass sie beinahe schon Parodien von Parodien genannt werden können. Einerseits da sie bereits existierende Parodien parodieren, andererseits das Parodieren selbst parodieren.

HappySlips (USA) bekanntesten Sketche beinhalten sie selbst, die sich als Mitglieder ihrer Familie kleidet. Jedes Mitglied hat seine eigenen schrulligen Charakterzüge. Der einzige, der zusätzlich auch eine eigene Kameraeinstellung hat, ist der Vater, der ebenfalls von Christine Gambito (= HappySlip) gespielt wird. Seine Einstellung ist eine Nahe, bei der seine Augen nicht zu sehen sind.
HappySlip ist auf YouTube nicht mehr sehr aktiv, doch war sie eine der ersten YouTuberinnen überhaupt.

Freds (USA) Markenzeichen ist seine computerveränderte, hohe Stimme. Er wird gespielt von Lucas Cruikshank und dargestellt als kleinen, hyperaktiven Jungen. Die restlichen Personen seiner Welt, wie seine Mutter und seine Nachbarin sind nicht zu sehen und einzig über Freds Kommentare erlebbar. Eine weitere Verzerrung der Realität findet statt, wenn Fred zum Beispiel kleine Hunde Eichhörnchen nennt.
Oft trägt Fred die Kamera mit sich herum.
Inzwischen hat Lucas Cruikshank seinen Fred-Charakter etwas von YouTube wegentwickelt und arbeitet vermehrt im Bereich Film, Fernsehen und Musik.

Diese Aufzählung könnte endlos weitergehen, sollte aber für den Moment genügen.

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Übermerkmale von YouTuber-Videos

 

Es gibt jedoch nicht nur indivduelle Merkmale von YouTubern, sondern auch so etwas wie „Übermerkmale“.

Ich: Was ist ein „Übermerkmal“?

Jan: YouTube gibt es seit dem Jahre 2005, das heisst seit erst 7 Jahren. Man würde meinen, das sei eine dermassen kurze Zeit, dass sich noch keine Strukturen in den YouTube Videos herausbilden konnten, sondern noch grosses Chaos, oder wer es gerne etwas gesetzter ausdrücken möchte, Vielfalt besteht. Dem ist aber nicht so. YouTube VideosIch spreche hier von extra für YouTube hergestellten Videos. Es gibt auf YouTube auch sehr viele Videos, die nicht für YouTube produziert wurden. Das sind private Videos, die ins Netz gestellt werden, um sie mit Freunden und Verwandten zu teilen, wie Ferienvideos, Videos von Sportveranstaltungen, etc. Der einzige Schnittpunkt, an dem sie mit der „anderen Seite“ von YouTube überlappen, ist der, wenn sie zu viralen Videos werden. Solche viralen Videos werden zum Beispiel von den Kanälen Ray William Johnson (USA) und Adam Thomas Moran (Russland) (Siehe Links unter dem Artikel) Ich möchte aber noch eine weitere Einschränkung machen und nur von extra für YouTube hergestellten Videos reden, die einen künstlerischen Wert haben.
Ein sehr grosser Teil von extra für YouTube hergestellten Videos besteht aus Kommentaren zu anderen Videos. Dieses (meist negative) Kommentieren wird „rant“ genannt und ist eines der gewichtigsten Merkmale von extra für YouTube produzierten Videos. Videos, die ausschliesslich aus rant bestehen, haben meiner Meinung nach aber keinen künstlerischen Wert; auch wenn es einige künstlerische Videos gibt, die „ranting“ aufnehmen, häufig aber parodieren.
Ein weiterer grosser Teil von Videos, den man auf YouTube findet, sind Hommagen an Lieblingspersonen oder Lieblingswerke wie Serien, Computerspiele, Musik, etc.
Weiter fungiert YouTube als riesige Bühne, auf der man seine Fähigkeiten anpreisen kann. Sänger präsentieren ihre Lieder, Maler ihre Bilder, etc.
haben eine ganz eigene Sprache und ein eigenes Regelsystem entwickelt.

Hier ein paar Merkmale, die sich durch sämtliche dieser Videos ziehen:

Die Macher sind Individuen, die scheinbar sich selbst präsentieren. Scheinbar, da jeder Einzelne von ihnen eine Kunstfigur ist. Das wird zwar nicht verneint, aber es wird auch nicht weiter darauf aufmerksam gemacht. Der Zuschauer soll glauben, er habe Vlogger vor sich, die ihre Leben auf interessante Art und Weise präsentieren.

Die Grundmerkmale dieser Kunstfiguren, unabhängig vom Land, aus dem die YouTuber stammen, sind folgende:

Sie sind nicht bloss Otto Normalverbraucher, sondern sogar noch eine Stufe normaler. Auf englisch würde man sagen: Sie sind Loser. Aber liebenswerte Loser, die sich mit ihrer Situation abgefunden haben und ihrem Schicksal mit einem Lachen begegnen. Halte Ausschau nach Handlungen oder Sätzen wie „Ich habe keine Freunde.“, „Ich bin hässlich.“, „Ich bin ungeschickt.“ Wenn sie sich über Situationen lustig machen, sind immer sie diejenigen, die am Schluss dumm dastehen.
Einen leichten Bruch gibt es in den Fällen, in denen am Ende des Videos ein paar kurze Szenen Bonusmaterial gezeigt werden, die den Charakter von „making of“ haben: Hier kann es schon mal passieren, dass die YouTuber zeigen, dass sie nicht wirklich tolpatschig und unfähig sind. Nein, sie beherrschen sogar Dinge, die nicht Jeder kann. Als Beispiel: Während des Videos hat der YouTuber sich nach Herzenslust über sich selber lustig gemacht und gezeigt, dass er nicht einmal über eine niedrige Mauer klettern kann, nur um uns am Schluss des Videos zu zeigen, dass er in Wirklichkeit nicht nur mit Leichtigkeit über die Mauer kommt, sondern das aus lauter Unterforderung noch aufpeppt mit einem Salto rückwärts. Hier, im Abspann, wir dieses Zeigen von Können akzeptiert. Auf keinen Fall sollte der YouTuber aber während des Hauptvideos irgendetwas können. Dann wird er sofort als Angeber abgestempelt und erntet Anfeindungen.

Da sie „keine Freunde haben“, sind ihre Abonnenten ihre Freunde. Sie teilen mit ihren Abonnenten ihre Gedanken, Wünsche und Sorgen. Natürlich sind viele dieser Gedanken, Wünsche und Sorgen extra für die Abonnenten entwickelt worden. Die Abonnenten erwidern die Freundschaft, indem sie die Videos kommentieren und ihre eigenen Gedanken, Wünsche und Sorgen mitteilen. Dieser Austausch wird von vielen YouTubern aktiv gefordert: „Schreibt in den Kommentaren eure Meinung dazu.“ Auch gibt es die Möglichkeit Antwortvideos zu produzieren und als Kommentar an das Originalvideo zu binden.

Hat ein YouTuber ein Haustier, steigt seine Popularität sofort um einiges an.

Sexualität hingegen wirkt gegenteilig. Dort wo andere Videos auf YouTube nur schon durch ein sexuell aufgeladenes Thumb-nail
Ein „Tumb-nail“ ist ein kleines Bild im Angebotskatalog der Webseite, das auf das Video aufmerksam macht.
eine Unmenge von Views erhalten, verlieren YouTuber an Sympathie, wenn sie ihre Sexualität zu stark ausspielen. Wenn sie bereits etabliert sind und es in gesetztem Rahmen machen, wird es akzeptiert; präsentieren sie es als Scherz, wird es bereitwillig applaudiert. Das hängt natürlich wiederum damit zusammen, dass die Grundregel der Charakterkonstruktion eines YouTubers die eines Verlierers ist. Das stösst sich mit erfolgreicher Sexualität.

Ich: Wird das nicht langweilig, wenn alle YouTuber dieselben Grundregeln in der Charakterkonstruktion benutzen?

Jan: Interessanterweise scheint das Feld noch nicht ausgeschöpft zu sein. Das Gegenteil ist eher der Fall: Es wird von den Fans bemängelt, dass etablierte YouTuber kommerziell werden. Ich denke nicht, dass sie kommerziell werden, d.h. an Kreativität nachlassen, sondern dass sie einfach die Regeln inzwischen derart gut kennen, dass sie sie mit Selbstverständlichkeit anwenden und nicht mehr tasten. Diese Sicherheit verleitet sie manchmal dazu die Grenzen zu überschreiten, so dass der Gag nicht mehr funktioniert, oder die Gags werden einfach alt und sind schon gesehen. Das wissen die YouTuber aber auch und versuchen neue Gags, neuen Inhalt und vor allem neue Präsentationsarten zu finden. Viele Fans sind aber konservativ und wollen nichts Neues sehen, sondern bloss das Bewährte auf clevere Art und Weise.

Die etablierten YouTuber reifen natürlich durch ihre Arbeit und werden gesetzter. Darunter leidet ein wenig die jugendliche Frische. Ausserdem sind sie eben etabliert. Dadurch verlieren sie die Position des Aufstrebenden, die sie näher bei den Zuschauern hat sein lassen. Sie leben die Hoffnung des Aufstiegs nicht mehr vor, sondern sind bereits aufgestiegen. Das unterscheidet sie von den Fans. Aber das liegt in der Sache.

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Die neuen Wege von YouTubern

 

Ich: Wie sehen die neuen Wege von den etablierten YouTubern aus?

Jan: Viele YouTuber liebäugeln mit bereits etablierten Unterhaltungsinstitutionen wie dem Fernsehen und der Bühnenshow. Die meisten von ihnen wünschen sich eine eigene Fernsehshow, oder arbeiten an Spielfilmen. Auch gehen einige von ihnen auf Tournee und liefern Bühnenshows basierend auf Charakteren und Merkmalen ihrer Kanäle. Für diese Shows finden sich mehrere YouTuber zusammen und gründen manchmal sogar eine Gruppe mit eigenem NamenYTF aus den USA ist so eine Bühnengruppe bestehend aus den YouTubern Ryan Higa(nigahiga), Kevin Wu(KevJumba), Dominic „D-Trix“ Sandoval(theDOMINICshow), Chester See(chestersee), JR Aquino(JRAquinomusic), Victor Kim(victorvictorkim) und Andrew Garcia(andrewagarcia).
Auch Frankreich und Mexiko haben bühnenaktive YouTuber von denen ich weiss. (Siehe Links unter dem Artikel)
Als Beispiel einer Show aus Frankreich: Le Zapping Amazing!!! mit Norman Thavaud, Cyprien Iov(MonsieurDream), LaFermeJérôme, Direct8, LeKemar, mistervofficial, und weiteren.
Ein Beispiel aus Mexiko ist die Werevertumorro Crew (Ricardo Ortiz, Gabriel Montiel, Alex Montiel, Luis Torres, Federico Díaz, Israel Gabriel, Allan Cristhian Martell Herrera, Felix Hernandez).
Jakobo Wong aus Mexiko hat sein Chiste Chiste Segment auch bereits auf Bühnen stattfinden lassen. Allerdings war die Show nicht seine eigene, sondern er war einer unter mehreren YouTubern, die sich während der Show präsentiert haben.
. Diese Bühenshows funktionieren natürlich wiederum nur, weil YouTuber in erster Linie – wie bereits erwähnt – individuelle Kunstfiguren sind. Ausserdem ist der logische nächste Schritt eines Fans vom Zuschauen im Internet zum Anfassen vor und nach der Bühnenshow.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich verhört habe: Anfassen?

Jan lacht: Naja, es muss nicht gleich anfassen sein. Obwohl das auch oft genug vorkommt. Aber auch nur schon seinen angebeteten YouTuber aus der Nähe und mit eigenen Augen zu sehen, bereitet vielen Fans Glücksgefühle.

Ich: Wie bei Schauspielern, Rockstars und dergleichen?

Jan: Ganz genau. YouTuber werden bloss auf den ersten Blick nicht in dieselbe Kategorie eingeordnet wie Kunstschaffende anderer Vertriebskanäle, da sie von Beginn weg und bis heute das Label von Unprofessionalität sehr stark für sich beanspruchen.

Sie brechen zum Beispiel unzählige etablierte Filmregeln. Ein Beispiel wäre der Jump-Cut, der von Filmemachern tunlichst vermieden wird, auf YouTube aber durchgängig und oft sehr ausgefeilt benutzt wird.

Da viele YouTuber nur eine Person sind, interagieren sie immer mal wieder in Szenen mit sich selbst. Nun könnte das so geschnitten werden, dass es nicht weiter auffällt. Oft sieht man auf YouTube aber zum Beispiel eine Prügelei zwischen dem YouTuber und sich selbst, die folgendermassen präsentiert wird: Der YouTuber spielt die gesamte Bewegungsabfolge des Angreifers ungeschnitten durch, das heisst, schlägt auf die Luft ein. Dann wird geschnitten zum selben YouTuber, der nun die gesamte Bewegungsabfolge des Angegriffenen ungeschnitten durchspielt, das heisst zappelnd am Boden liegt und imaginäre Schläge abwehrt. Offensichtlicher kann nicht gezeigt werden, dass da keine Schlägerei, sondern blosses Schattentheater stattfindet.

Diese Art von Schattentheater ist ein ausgeprägtes Merkmal von YouTube Videos.

Weiter wird ihre scheinbare Unprofessionalität von YouTubern ausgereizt, wenn sie sich verkleiden. Mit Kleidung, Make-up und Licht kann ungemein viel erreicht werden. Aus einem Mann kann eine Frau gemacht werden, aus einem Jüngling ein Greis. YouTuber setzen sich aber die am schlechtesten sitzenden Perücken auf den Kopf, die sie finden können, oder begnügen sich manchmal sogar nur mit einem Schal als Haarersatz… um nur ein Beispiel zu nennen.

Ich: Mit anderen Worten: YouTuber sind Kunstschaffende wie alle anderen auch? Das Einzige, was sie von den anderen unterscheidet, ist, dass sie in einem der jüngsten zurzeit auf der Welt existierenden Kunstmedien/Kunstumgebungen arbeiten?

Jan: Meiner Meinung nach: Ja.

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Links der Fussnote 4:
RayWilliamJohnson (USA) und AdamThomasMoran (Russland)

Links der Fussnote 6:

Ryan Higa (nigahiga), Kevin Wu (KevJumba), Dominic „D-Trix“ Sandoval (theDOMINICshow), Chester See (chestersee), JR Aquino (JRAquinomusic), Victor Kim (victorvictorkim) und Andrew Garcia (andrewagarcia), Le Zapping Amazing!!! mit Norman Thavaud (normanfaitdesvidéos), Cyprien Iov (MonsieurDream), LaFermeJérôme, Direct8, LeKemar, mistervofficial ,die Werevertumorro Crew (Ricardo Ortiz, Gabriel Montiel, Alex Montiel, Luis Torres, Federico Díaz, Israel Gabriel, Allan Cristhian Martell Herrera, Felix Hernandez), Jakobo Wong

Buchlink

Zglinicki, Friedrich v.: Der Weg des Films – Die Geschichte der Kinematographie und ihrer Vorläufer, Berlin 1956.

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