Schattenspiel

Mai 24, 12 Schattenspiel


 

 

 
 

 

 

 

 

Lassen Sie uns gemeinsam ins Kunsthaus Zürich gehen und Schattenspiel, 2002/2009 von Hans-Peter Feldmann anschauen.

Das Kunsthaus Zürich befindet sich hier:

Schattenspiel ist eine Installation in einem abgedunkelten Raum. Drei Tische tragen fünf Drehscheiben mit verschiedensten Kleinigkeiten, deren sich im Kreis drehende Schatten mithilfe von Lampen an die Rückwand projiziert werden.

Lassen Sie uns auf der davor bereitgestellten Bank Platz nehmen und das Schattenspiel geniessen.

Kaum haben wir uns hingesetzt, entdeckt eine Gruppe Vorschulkinder, die mit zwei Aufsichtspersonen das Museum besucht, den Raum.

„Wow!“, hören wir das erste Kind, das ehrfurchtsvoll im Eingangsbereich stehen bleibt, aufgeregt rufen.

Der Rest der Gruppe schart sich um das Kind, das den Raum entdeckt hat und sammelt seinen Mut, um in den dämmrigen Raum zu treten. Lange hält es die Kinder nicht am Eingang. Sie strömen auf die Konstruktion zu.

Da sie sehen, dass wir uns hingesetzt haben, tun sie es uns gleich und quetschen sich links und rechts von uns auf die weiss gestrichene Holzbank.

Nach wenigen Sekunden aufgeregten Füssebaumelns und mit grossen Augen das Kunstwerk Betrachtens, springen die ersten bereits wieder von der Bank und gehen bis zum Seil, das als Schranke fungiert.

Nun beginnt begeistertes Aufzählen, was sie alles sehen. Zuerst werden die Schatten identifiziert. Ein Hase, eine Pistole, der Eiffelturm!

Als nächstes werden die Schatten den Gegenständen auf den Drehscheiben zugeordnet.

Detail Schattenspiel (Aufgenommen am 11.04.2012)

Erst jetzt bemerken wir ein Kind, das sich ängstlich an die Hand des männlichen Begleiters klammert, während dieser versucht dem Kind zu erklären, was es da genau sieht.

Begleiter: „Siehst du, dort auf dem Tisch sind Drehscheiben, auf denen die Figuren stehen, die die Schatten werfen.“

Das Kind entspannt sich, lässt die Hand los und erklärt, dass es dachte, hinter der Wand stünden echte, lebensgrosse Wesen, die sich auf und ab bewegten.

„Laaaaangweilig!“, hören wir das älteste Kind maulen. Es hat das Kunstwerk inzwischen offensichtlich durchschaut, sämtliche Figuren identifiziert und will den anderen nun mitteilen, dass sich das Machtverhältnis geändert hat. Nicht mehr das Kunstwerk hat das Kind im Griff, sondern das Kind hat das Kunstwerk im Griff.

Nachdem auch die restlichen Kinder sich an den sich bewegenden Schatten satt gesehen haben, verlässt die Gruppe den Raum und geht, wenn man den Rufen der Kinder glauben darf, etwas essen.

Wir hingegen holen den Audioguide hervor und lassen uns von ihm erzählen, was er über das Kunstwerk zu sagen hat:

Hans-Peter Feldmann, geboren 1941, lebt und arbeitet in Düsseldorf. Er macht seit vierzig Jahren Bilderserien, die aus dem Häuslichen und Alltäglichen stammen. Er schöpft aus Fotografien, Zeitschriften und Werbung, und macht keinen Unterschied zwischen Gefundenem und selbst Hergestelltem. Flohmarktfundgegenstände, Zufallsprodukte und Übersehenes werden von ihm in Büchern und Ausstellungen kategorisiert, wobei überraschende Assoziationen entstehen. Er will das Denken der Betrachter nicht auf sinnlich Wahrnehmbares der uns umgebenden Welt lenken, sondern auf das, was dahinter steht.

Die Konstruktion erinnert den Audioguide einerseits wegen dem Spielzeug an ein Kinderzimmer, andererseits an eine unaufgeräumte Werkstatt, da auch Flaschen, Klebeband und dergleichen zu finden sind.

Abschliessend vergleicht der Audioguide das Schattenspiel mit einem taumelnden Totentanz, da sich alles ununterbrochen grotesk umeinander drehe, und geht sogar so weit eine Parallele zu Platons Höhlengleichnis zu ziehen.

Als ich das höre, runzle ich die Stirn und betrachte die Konstruktion eingehender. Platons Höhlengleichnis? Wie kommt denn der Audioguide darauf?

Vielleicht durch die Aussage, dass Feldmann die Betrachter auffordere, nicht an die materielle Welt zu denken, sondern an das, was dahinter steht.

In diesem Fall hat er sich aber von der Aussage verführen lassen, die Konstruktion nicht richtig anzuschauen. Die Positionierung der Bestandteile ist nämlich in beiden Fällen unterschiedlich.

Platons Höhlengleichnis besteht aus einer Höhle, einer Mauer und Menschen vor und hinter der Mauer. Die Menschen vor der Mauer sitzen mit dem Rücken zur Mauer. Sie können sich nicht umdrehen und sehen die Schatten der Menschen hinter der Mauer vor sich an der Höhlenwand. Die Lichtquelle befindet sich also hinter der Mauer und ist genau wie die Menschen hinter der Mauer nicht sichtbar. Alles, was die Menschen vor der Mauer sehen, sind die Höhlenwand und die Schatten der vor dem Licht durchgehenden Menschen und Gegenstände auf derselben.

Feldmanns Konstruktion aber verdeckt nichts. Man sieht sowohl die Lichtquelle, als auch die beleuchteten Gegenstände und ihre Schatten. Nur die Schatten zu sehen ist unmöglich, da sie nicht auf eine Leinwand, hinter die man treten kann, projiziert werden, sondern auf eine solide Wand.

Der Betrachter weiss also ganz genau, wo die Schatten herkommen und was die Schatten wirft.

In Platons Höhlengleichnis geht es darum, dass die unbeweglichen Menschen die Schatten der Menschen als die wahren Menschen ansehen und sich in dem Fall, dass sie die Möglichkeit hätten, sich umzudrehen und die richtigen Menschen zu sehen, weigern würden, diese als echter anzusehen, als ihre Schatten.

Bei Feldmanns Konstruktion kann es jedoch nur geschehen, dass man die Schatten und nicht die Figuren als das Wahre  ansieht, wenn man derart von den Schatten vereinnahmt ist, dass man die Tische mit den Figuren nicht sieht, so wie es dem kleinen Kind zu Beginn passierte, bevor der Begleiter seinen Blick lenkte.

Wenn Feldmanns Konstruktion Platons Höhlengleichnis bildlich darstellen soll, dann fehlt eine fundamentale Zutat: die unbeweglichen Menschen und ihre Auffassung der ihnen sichtbaren Welt. Der Betrachter kann diese Rolle nicht übernehmen, da er ausserhalb des gesamten Bildes steht.

Stellt die Konstrukton aber nur die Idee dar, die hinter Platons Höhlengleichnis steckt, so erreicht sie auch dieses Ziel nicht. Sie legt kein Gewicht auf die Realität hinter dem Sichtbaren, sondern erhebt die Illusion – die Schatten – zum wichtigsten Bestandteil des Bildes.

Neue Besucher betreten den dämmrigen Raum und möchten sich gerne auf die Bank setzen. Wir stehen auf und treten zurück ans Licht des weiten Museumsraumes.

Ich freue mich, dass Sie gemeinsam mit mir Schattenspiel von Hans-Peter Feldmann betrachtet haben und hoffe, Sie werden die Gelegenheit haben, sich die Konstruktion auch im Original anzusehen und auf sich wirken zu lassen.


Buchlinks

Hans-Peter Feldmann

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