Correspondent

Mai 04, 12 Correspondent


 

 
 
 
 
 

 
 
 

Lassen Sie uns ins Kunsthaus Zürich gehen und gemeinsam Correspondent von Robert Ryman betrachten.

Das Kunsthaus Zürich befindet sich hier:

Versuchen Sie das Gemälde selber zu finden. Ich gebe Ihnen diesen Hinweis:

Es ist gross und weiss.

Haben Sie es gefunden?

Genau, momentan befindet es sich im ersten Stock neben dem Portrait der jungen Frau. Sehen Sie es?

Correspondent neben Portrait

Hier sind ein paar Details:

Die Jahrzahl, die mittels Schablone im oberen rechten Viertel aufgetragen wurde:

Und zu guter Letzt noch das Bild betrachtet aus dem Zwischengeschoss:

Hier sieht man sehr schön, dass Correspondent nicht direkt an der Wand anliegt, sondern ein paar Zentimeter Abstand dazu hat.

Haben Sie gemerkt, dass das Gemälde zu Beginn weiss erscheint, dann aber auf einmal anfängt Farben zu entwickeln, bis schlussendlich die Farbe Weiss untergeht? Leider reichen die Fotos nicht aus, um das richtig zu sehen. Deshalb werde ich Ihnen erzählen, wie das Gemälde sich wandelt, je näher Sie ihm kommen.

Betreten Sie, wie wir es getan haben, am hinteren Ende den Ausstellungsraum, so sehen Sie das Gemälde als weisse Fläche auf weisser Wand.

Wahrscheinlich sehen Sie gleichzeitig auch ein paar Museumsbesucher, die im Vorbeigehen einen kurzen Blick darauf werfen und denken: „Aha, ein grosses weisses Quadrat.“

Sie denken das auch; aber weil Sie heute in der Stimmung für eine Herausforderung sind, gehen Sie zielstrebig auf das grosse weisse Viereck zu und nehmen sich vor, es so lange anzustarren, bis es sich Ihnen offenbart. Was es innerhalb weniger Augenblicke auch tut. Es ist nämlich gar nicht weiss, stellen Sie triumphierend fest. Es ist weiss mit Schatten, die durch die unebene Oberfläche entstehen.

Sie treten etwas näher.

Wodurch entsteht die Unebenheit der Oberfläche?

Durch den dicken Farbauftrag, der Hügel und Täler, Rillen und Klumpen bildet. All diese Unebenheiten werfen Schatten, die zum Weiss der Farbe graue Strukturen beisteuern.

Wie hoch die Hügel wohl sind?

Sie treten Schritt für Schritt näher an die Leinwand heran, bis Ihre Nase sie beinahe berührt. Aus dieser Position sehen Sie aber die Dicke des Farbauftrags immer noch nicht richtig. Ausserdem versperren Sie mit Ihrem Körper Teile des Gemäldes für andere Betrachter.

Sie stellen sich also neben das Gemälde und schauen es von der Seite an. Nun sehen Sie die Höhe der Klumpen und Hügel, die Tiefe der Rillen und Täler. Und nun sehen Sie auch eine weitere Farbe. Auf einmal scheint zwischen all dem Weiss und Schattengrau sanftes Rosa hervor. Rosa? Wieso Rosa? Wo kommt das her?

Begeistert konzentrieren Sie sich stärker auf das Gemälde und schieben sich näher an die Wand, um die Farbschicht noch etwas mehr von der Seite anschauen zu können. Braun! Mitten im Rosa flackert helles Braun auf und verschwindet sofort wieder, bevor Sie es richtig fassen konnten. War das Braun überhaupt da, oder haben Ihnen die rosa Flächen bloss etwas vorgegaukelt? Sie sind sich nicht sicher. Dafür merken Sie gerade, dass das Weiss gar nicht mehr dumpf weiss ist, sondern inzwischen einen Perlmuttglanz entwickelt hat. Das lenkt Sie aber nicht von ihrem Wunsch ab, immer noch wissen zu wollen, ob da vorhin wirklich gerade Braun war, oder nicht.

Sie drücken sich so nah an die Wand, wie sie können, versuchen dabei aber immer noch auf die Vorderseite des Gemäldes zu schauen. Mit letzter Kraft fokussieren Sie auf das Farbrelief, das sämtliches Weiss verschluckt, Grau, Braun und Rosa zeigt und Sie dann besiegt. Nur einen kurzen Moment konnten Sie das neue Farbenspiel geniessen, bevor Ihre Augen ob dem ungewohnten Blickwinkel zu schielen begannen.

Jetzt, da wir das Gemälde aus der Nähe betrachtet und seine Farben entdeckt haben, lassen Sie uns etwas zurücktreten und es aus grösserer Entfernung in uns aufnehmen. Lassen Sie uns dafür gleich ins Zwischengeschoss gehen und das Gemälde vom Balkon aus betrachten.

Sehen Sie die Farben noch?

Ich nicht. Ich erinnere mich zwar daran, sehe aber nur mehr Weiss und Schattengrau. Was immerhin mehr ist, als zu Beginn, als ich nur Weiss gesehen habe.

Da wir uns nun nicht mehr auf die Farben konzentrieren, können wir Correspondent noch mal ganz neu betrachten. Was sehen wir?

Ich persönlich gehöre zu den Menschen, die sofort beginnen Geschichten in Bildern zu sehen. So sehe ich nach kurzer Zeit einen Schneesturm, der über das Gemälde fegt und mich bis zur Jahrzahl oben rechts treibt, die sich als Oase der Ruhe herausstellt. In dieser Oase kauernd lausche ich dem Wind, der den Schnee aufwirbelt. Je länger ich in der Ruhe mitten im Sturm sitze, umso bewusster wird mir, dass ich mir gleichzeitig vom Balkon aus dabei zusehe, was ich in dem weissen Gemälde so treibe. In dem Gemälde, das senkrecht an der Wand hängt. In dem Gemälde, das gleichzeitig ein Schneesturm ist, auf den ich von oben herab schaue, wodurch die Leinwand zu waagerechtem Boden wird und das Bild zum Oszillieren bringt. Senkrechtes Gemälde,waagrechter Schneesturm, senkrechtes Gemälde, waagrechter Schneesturm, senkrechtes… Das Gemälde scheint sich einfach nicht entscheiden zu können, ob es in die Senkrechte, oder Waagrechte gehören möchte.

Vielleicht kann uns der Audioguide des Kunsthauses Zürich weiterhelfen beim Verständnis des Gemäldes.

Im Pinselstrich sei eine Rhythmik erkennbar, die das gesamte Bild zum Schwingen bringe, erzählt uns der Audioguide. Nur die Jahrzahl erinnere an die Objekthaftigkeit des Werkes.

Weiter erfahren wir, dass der Künstler Robert Ryman 1952 in New York Musik habe studieren wollen. Seine Leidenschaft habe dem Jazz gegolten.

Sofort versuchen wir Musik und Jazz in dem grossen weissen Quadrat zu entdecken… und scheitern.

Der Audioguide fährt fort zu erzählen, dass Ryman, um für seinen Unterhalt aufkommen zu können, im Museum of Modern Art gejobbt habe. Alsbald habe er begonnen die Kunstwerke nicht mehr nur vor übereifrigen Besuchern zu bewachen und zu beschützen, sondern selber Kunst herzustellen. Auf der Suche nach den grundlegenden Bedingungen der Malerei habe er hauptsächlich quadratische Flächen und die Farbe Weiss benutzt, um die verschiedenen Wirkungen des Wechselspiels zwischen Farbmaterial, Trägermaterial und Licht zu erkunden. Sein Ziel sei nicht Reduktion, sondern Vielfalt.

Interessant. Vielen Dank, Audioguide. Kannst du uns auch sagen, wie gross das Gemälde ist, und woraus es besteht?

Diese Information hält er nicht für uns bereit. Nach kurzer Suche bekommen wir die gewünschte Information dennoch, und zwar vom Gesamtkatalog der Gemälde und SkulpturenKunsthaus Zürich, Gesamtkatalog der Gemälde und Skulpturen, Hrsg. Zürcher Kunstgesellschaft, Zürich 2007., den wir im Museumsshop finden:

Öl auf Leinwand; Stahl, bemalt, 330 x 320 cm. Provenienz: Erworben von The Pace Gallery, New York, 1990. Beschriftung Rückseite: RYMAN 89, Correspondent.

Interessant. Vielen Dank, Gesamtkatalog der Gemälde und Skulpturen.

Da wir nun bereits im Museumsshop stehen, möchte ich mich an dieser Stelle von Ihnen verabschieden und Sie in Ruhe das Angebot durchstöbern lassen.

Ich hoffe, Sie haben es genossen, mit mir gemeinsam Correspondent von Robert Ryman betrachtet zu haben, hoffe, dass Sie die Gelegenheit haben werden, es sich auch im Original anzuschauen und freue mich darauf, bald wieder gemeinsam mit Ihnen ein Kunstwerk zu betrachten.

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