Richard Wollheim

Apr 01, 12 Richard Wollheim

 

 

 

 

 

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Der folgende Dialog hat in dieser Form nie stattgefunden. Richard Wollheim ist der Autor des Artikels „Art“ in Jane Turners KunstlexikonThe dictionary of art/ Editor: Jane Turner; consulting editor: Hugh Brigstocke; editorial advisory board: Terukazu Akiyama, et al.; London: Macmillan, 1996.. Alle seine Aussagen des folgenden Dialogs wurden erwähntem Artikel entweder wörtlich entnommen oder derart umgewandelt, dass sie in den Dialog passten. Der sinngemässe Inhalt Richard Wollheims‘ Aussagen wurde nicht verändert. Andrea Djemsen ist eine fiktive Person.


Ich: Lieber Herr Wollheim, was ist Kunst?

Richard Wollheim: Das weiss ich nicht.

Ich: Aber haben Sie nicht eine Definition für Jane Turners Kunstlexikon geschrieben?

Wollheim: Doch, das habe ich. Aber schlussendlich bin ich zu dem Resultat gekommen, dass wir noch nicht wissen, was Kunst ist.

Ich: Aber irgend etwas werden wir doch wissen? Was wissen wir denn bis jetzt?

Wollheim: Dass sich die Gelehrten davor drücken, Kunst zu definieren. Sobald die Frage gestellt wird, was Kunst ist, wird auch gleich gefragt: „Und woher wissen wir, welche Antwort richtig ist und welche falsch? Und überhaupt: Wie stellt man die Frage richtig?“ So diskutiert man leidenschaftlich diese anderen Fragen und kommt nicht dazu die Antwort auf die ursprüngliche Frage „Was ist Kunst?“ zu suchen.

Ich: Gibt es denn zumindest schon Ansätze?

Wollheim: An Ansätzen gibt es alles. Einige sagen Kunst sei ein universelles Merkmal der menschlichen Gesellschaft, behindert einzig durch die extremen Anforderungen des Lebens.

Ich: Was heisst das?

Andrea Djemsen: Ich denke, das heisst, dass eine Gesellschaft, der es gut geht, Kunst herstellt. Nur in dem Fall, in dem sie ein dermassen hartes Leben hat, dass sie all ihre Energie aufs reine Überleben richten muss, hat sie keine Zeit und Kraft mehr, Kunst herzustellen.

Wollheim: Andere sagen, Kunst sei ein seltenes Merkmal der Gesellschaft, begrenzt vielleicht auf nach-mittelalterliche westliche Kultur.

Ich: Wieso? Vor dem Mittelalter gab es keine Kunst? Und andere, nicht-westliche Kulturen haben keine Kunst?

Andrea: Doch, natürlich gab’s auch vor dem Mittelalter Kunst; und auch andere Kulturen haben Kunst. Die Leute, die sagen, Kunst gibt es nur im Westen, beziehen sich mehr auf das Wort Kunst, als auf die Sache Kunst. Das heisst, sie betrachten das, was ihre Kultur unter dem Namen Kunst hervorgebracht hat und messen Produkte anderer Kulturen daran.

Ich: Wieso?

Andrea: Weil sie sonst nicht wüssten, wie mit der fremden Kunst umgehen… vielleicht? Ich meine, wenn du über etwas sprechen willst, musst du Worte benutzen, die du bereits kennst. Und wenn du sehen willst, ob etwas Kunst ist, nimmst du die Kunst, die du bereits kennst, und schaust, ob du sie, oder Teile von ihr in der fremden Kunst wiederentdeckst.

Ich: Wieso?

Andrea scheint etwas gereizt, als sie antwortet: Weil dein Gehirn zu unfähig ist, sich auf andere Art und Weise mit ihm Unbekanntem auseinander zu setzen.

Da ich davon abgelenkt bin zu überlegen, ob ich jetzt beleidigt sein soll, oder nicht, vergesse ich nachzuhaken.
Wollheim scheint nur darauf gewartet zu haben, dass wir aufhören zu reden und fährt fort.

Wollheim: Historikern von Vorstellungen positivistischer Neigung schien es unabdingbar, dass eine Gesellschaft nur dann Kunst herstellen kann, wenn in der Gesellschaft ein Wort für Kunst existiert.

Ich: Was? Wieso?

Andrea: Das ist dasselbe wie vorhin: Wenn du Kunst machst, hast du auch ein Wort dafür.

Ich: Muss nicht unbedingt sein, finde ich. Stell dir vor, ich sitze da und mache Kunst, ohne es zu wissen, und Jemand kommt vorbei und fragt: „Was machst du denn da?“ Und ich sage: „Keine Ahnung. Etwas.“ Dann benutze ich das Wort „Kunst“ nicht, mache es aber trotzdem.

Andrea: Du hast in der Geschichte doch bereits ein Wort benutzt. Du hast gesagt, du machst „Etwas“. In deiner Sprache ist das Wort für Kunst also Etwas.

Ich: Ich dachte, ich muss „Kunst“ sagen?

Andrea: Nein, du musst ein Wort benutzen, das Kunst meint. Andere Sprachen sagen auch nicht „Kunst“, sondern drücken es mit anderen Worten aus. Englisch und Französisch sagen „art“ – mit unterschiedlichen Aussprachen natürlich – Italienisch und Spanisch sagen „arte“, Tschechisch sagt  „umění“, Chinesisch sagt 艺术 (yìshù), Arabisch sagt فَنّ (fan), und so weiter und so fort.

Wollheim: Auf jeden Fall hat man entschlossen, dass es etwas zu viel verlangt ist, dass eine Gesellschaft unbedingt das Wort Kunst haben muss. Deshalb hat man gesagt, es reicht auch, wenn die Gesellschaft das Konzept Kunst hat.

Ich: Man muss also wissen, was Kunst ist, muss es aber nicht sprachlich ausdrücken können?

Wollheim: Genau. Das Problem ist bloss: Wenn man das Konzept nicht sprachlich ausdrücken kann, woher wollen dann die anderen wissen, dass man das Konzept wirklich besitzt?

Ich: Man muss also beweisen, dass man weiss, was Kunst ist? Muss man das unbedingt durch Worte machen? Kann man es nicht einfach zeigen?

Wollheim: Theoretisch schon, praktisch nein. Nur weil Einer Etwas zeigt und sagt, das sei Kunst… ist es dann wirklich Kunst? Oder sieht der Betrachter plötzlich in dem Werk, das er da betrachtet Kunst, nur weil er weiss, dass derjenige, der das Werk geschaffen hat, ein Künstler ist und demzufolge wissen sollte, was Kunst ist?

Ich bin etwas verwirrt: Ja. Nein. Ich weiss nicht.

Wollheim: Zuletzt mag in Frage gestellt werden, ob das Kriterium für den Besitz des Konzepts von Kunst ausschliesslich synchron sein kann, oder auch diachron sein muss, insoweit erkennbare Wege vorhanden sein müssen, durch die die Fähigkeiten von Schaffer und Betrachter über Generationen übertragen werden können.

Ok, wenn ich bis jetzt nicht verwirrt war, dann bin ich es jetzt vollends.

Ich: Was??

Andrea: Er meint, vielleicht lernt man ja von Generation zu Generation wie man so zu sein hat und was man so zu machen hat als Betrachter… und als Künstler.

Ich: Aber dann ist es schlussendlich ja keine richtige Kunst, sondern einfach eine Abmachung: Wenn ich diese und jene Kriterien erfülle, dann ist es Kunst.

Andrea: Vielleicht ist genau das Kunst. Vielleicht gibt es gar nichts, was an sich Kunst ist. Vielleicht ist Kunst ganz einfach eine Abmachung unter den Beteiligten.

Ich: Ernsthaft? Und wer macht das ab? Und wenn es nur ein Spiel ist, wieso lässt man dann nicht alle mitspielen? Es gibt sehr viele, die sagen, sie machen Kunst und ihnen wird gesagt: Nein, machst du nicht.

Andrea: Naja, wenn die die Regeln nicht richtig anwenden können…

Ich: Was für Regeln? Gibt es irgendwo ein Regelbuch?

Andrea: Nein.

Ich: Und woher weiss man dann, was man alles erfüllen muss, um Kunst zu machen?

Andrea: Ich weiss es nicht.

Ich: Aber hast du nicht gerade gesagt, dass es Regeln gibt?

Andrea: Nein, ich habe gesagt, wenn es stimmt, dass Kunst ein Spiel zwischen Schaffer und Betrachter ist, dann muss es auch Regeln geben. Aber die müssen nicht unbedingt bewusst sein. Denn wenn sich das Spiel über Generationen entwickelt hat, dann sind uns die Regeln vielleicht schon in Fleisch und Blut übergegangen und wir können uns nach ihnen richten, ohne sie bewusst zu kennen.

Wollheim: Anthropologen haben meist Zuflucht gesucht in einer Art des Relativismus, nach dem die Aktivitäten, die in jeder Gesellschaft florieren, klassifiziert werden können, zum Beispiel als Religion, Gesetz oder Kunst einzig in Bezug auf die Ziele, Funktionen und Struktur dieser Gesellschaft. Daraus lässt sich zurückschliessen, dass Anthropologie bestimmte Kunst identifizieren kann, ohne ein generelles Konzept von Kunst zu haben.

Ich: Das ist doch unlogisch. Wie kann einer wissen, was für eine Art Kunst er vor sich hat, wenn er nicht einmal weiss, was Kunst ist?

Wollheim: Das stimmt. Wörtlich genommen verstösst es gegen die kompositionelle Natur des Denkens.

Ich: Also was? Schlussendlich wissen wir wirklich nicht, was Kunst ist, weil wir uns noch nicht einmal entscheiden können, wie wir darüber nachdenken wollen und wo wir überhaupt anfangen sollen zu suchen?

Wollheim: Habe ich doch von Anfang an gesagt.


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The Dictionary of Art

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