Graffiti und Zugänglichkeit

Apr 23, 12 Graffiti und Zugänglichkeit

 

 

 

 

 

United Kingdom

 

Meiner Meinung nach entziehen Graffiti sich dem Sehen. Das liegt einerseits an den Orten, an denen sie angebracht sind, andererseits an ihrem Erscheinungsbild. Sehr viele Graffiti sieht man, wenn man während einer Zugfahrt aus dem Fenster schaut. Da Züge aber die Angewohnheit haben, mit hoher Geschwindigkeit zu fahren, ziehen die Graffiti dermassen schnell vorbei, dass man sie nicht richtig sehen kann. Alles, was man registriert, sind Farbkleckse auf den Mauern entlang der Gleise.

In engen Gassen finden sich ebenfalls viele Graffiti. Hier könnte man sich theoretisch hinstellen und das Bild ausführlich betrachten. Bloss bleiben die Wenigsten in einer engen Gasse stehen, um die Wände zu bewundern. Zusätzlich sind die Wandbilder meist dermassen gross, dass man die Möglichkeit haben müsste, zurücktreten zu können, um das Bild in seiner Gesamtheit erfassen zu können. Diese Möglichkeit hat man in einer engen Gasse aber nicht. So muss man vor dem Bild nach links und rechts laufen, seine Teile aufnehmen und vor seinem geistigen Auge zu einem Ganzen zusammensetzen. Um sein geistiges Bild zu überprüfen, stellt man sich ans Ende der Gasse und wirft einen Blick auf das aus diesem Blickwinkel stark verzerrte Graffiti. Diese Art des Betrachtens ist nicht ideal, um ein Werk angemessen in sich aufnehmen zu können.

Viele grosse, sorgfältig ausgeführte Graffiti befinden sich auf freistehenden Wänden. Hier besteht im Allgemeinen genügend Freiraum, um Abstand vom Bild zu nehmen, und es in seiner Ganzheit betrachten zu können. Aber anstatt dem Betrachter entgegenzukommen, macht das Graffiti nun alles, um unleserlich zu sein. Es besteht aus einem Wirrwarr aus Linien, Formen und Farben.

Ich höre schon die heutige Graffiti-Szene höhnen: „Du siehst es nicht, weil du ein Toy bist! Du hast keine Ahnung, was Graffiti ist, deshalb verstehst du es nicht. Graffiti ist nicht für die Masse gedacht. Wer Graffiti atmet und lebt, versteht das Bild sofort.“

Ich könnte mich jetzt mit diesen Aussagen streiten, sie Punkt für Punkt auseinander nehmen und aufzeigen, dass sie einerseits nur nachgeplappert sind, andererseits weder Hand noch Fuss haben. Aber da ich kein direktes Gegenüber habe, lasse ich das mal.

Stattdessen möchte ich eine Frage stellen: Wenn Graffiti alles in seiner Macht Stehende tut, um nicht verstanden zu werden, wieso jammert es dann darüber, dass es nicht verstanden wird? Einerseits investiert die Graffiti-SzeneWas auch immer die Graffiti-Szene sein mag. Ich frage mich, ob nicht 90% von dem, was sich als Graffiti-Szene bezeichnet, bloss enthusiastische Fans sind, die zu wenig wissen über Graffiti und seine Geschichte. Kinder, die eine coole Freizeitbeschäftigung suchen, werden Sprayer, weil sich Graffiti in all den Jahren ihrer Existenz dafür etabliert haben, als Spielwiese für coole Kids zu dienen. Ist es angesagt, sich als kleines Mädchen für die Fasnacht ein Prinzessinnenkostüm überzuziehen, so ist es angesagt sich für eine rebellische Jugend das Sprayerkostüm überzuziehen.
Nur schon die Bezeichnung von Graffiti als Jugendbewegung zeigt, wie albern das Ganze ist. Graffiti gibt es bereits seit sechzig Jahren. War es damals eine Jugendbewegung, ist es das heute ganz bestimmt nicht mehr. Die Jugend von damals befindet sich heute im gesetzten Alter. Jugendbewegungen lassen sich aber nicht vererben. Sie existieren einzig und allein in der Zeit ihrer Entstehung und vergehen mit dem Herauswachsen der Beteiligten aus dem Jugendalter. Dass es Graffiti heute noch gibt, ist ein Hinweis darauf, dass es keine Jugendbewegung ist und auch nie war, sondern von Anfang an eine zeitlose Art des künstlerischen Ausdrucks. Wer also dafür plädiert, dass Graffiti Jugendkultur sei, erzählt nicht nur Unsinn, sondern schadet Graffiti damit auch, weil er versucht es in Grenzen zu zwängen, die nicht seine sind.
Nicht dass Graffiti keine Grenzen hätte. Das ist die gegenteilige Aussage zu derjenigen, dass Graffiti ein Jugendding sei. Auch diese Aussage ist weit verbreitet: „Graffiti ist Ausdruck und kennt keine Grenzen.“ Was soll das heissen, Graffiti sei Ausdruck? Ausdruck ist alles. Ich drücke mich aus, wenn ich während einer langweiligen Konversation gähne; wenn ich im Supermarkt über die hohen Preise murre; wenn ich lauthals meine Meinung kundgebe; wenn ich mich für die Blumen bedanke; wenn ich ein impressionistisches Bild male; wenn ich eine Statue aus Marmor haue… all das ist Ausdruck. Aber es ist kein Graffiti. Graffiti kann also nicht sagen, es sei Ausdruck.
„Aber das meinen wir doch gar nicht! Wir meinen Ausdruck der Missbilligung des Systems.“ Missbilligung des Systems? Wie missbillige ich das System, wenn ich ein Bild auf einen Brückenpfeiler sprühe? Indem ich dadurch sage, dass meine Meinung ist, der Pfeiler habe nicht grau, sondern bunt zu sein? Oder indem ich dadurch sage, dass, da alle öffentlichen Bauten allen gehörten, sie auch mir gehörten und ich daher mit ihnen machen könne, was ich wolle? Wie missbilligt das das System? Die Autofahrer, die an dem Brückenpfeiler vorbeifahren, werden das Bild gar nicht sehen, da sie auf die Strasse schauen. Die Beifahrer werden einen Farbklecks sehen. Fussgänger können das Bild nicht sehen, da sie über die Brücke laufen. Ordnungskräfte werden entweder Fotos davon machen, um zu versuchen den oder die Verfasser zu finden. Oder sie werden veranlassen, dass das Bild überstrichen wird. Oder sie werden gar nichts machen.
Das System wird erst dann missbilligt, wenn zu dem Graffiti Stellung bezogen wird. Was im Vergleich zu den produzierten Graffiti sehr selten passiert.
dermassen viel in Legendenbildung, dass die alten MeisterEs ist nichts neues, dass Künstler Legenden um sich bilden. Um ein paar wenige zu nennen: Albrecht Dürer, Leonardo Da Vinci, Michelangelo Buonarroti, Diego Rivera, etc. blass vor Neid würden, andererseits hält sie sich mit ihrer starken Loyalität zu ihrer – meist missverstandenen – Vergangenheit dermassen erfolgreich zurück, dass sie es einfach nicht schafft sich aufzurichten und als gleichwertiges Mitglied in die Reihe der Kunstrichtungen einzugliedern.

Ich erwarte nicht von ihr, dass sie sich in die ach so verhassten Galerien und Museen zwängen lässt, oder dass sie dieselben Formen annimmt, wie andere, bereits etablierte Kunst, sondern ganz einfach, dass sie aufhört sich feige in den Ecken herumzudrücken, um von Zeit zu Zeit beleidigt aufzumaulen. Graffiti – echtes Graffiti – ist dafür viel zu schade und hat um einiges mehr Respekt und Anerkennung verdient, als es bis anhin von der Gesellschaft – und von seinen Ausübenden – bekommen hat.

1 Kommentar

  1. „finde den bericht über graffiti super, respekt :)“

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