Der Baum wartet auf den Frühling

Apr 16, 12 Der Baum wartet auf den Frühling

 

 

 

 

 

United Kingdom

 

Im September 2011 hatte ich die Gelegenheit nach Pjöngjang, Nordkorea zu reisen. Unter den Sehenswürdigkeiten, die ich besucht habe, befand sich auch das Kunstmuseum. Hier habe ich vor allem ein Bild ins Herz geschlossen: Das Bild eines Baumes.

Gerne möchte ich Ihnen dieses Bild vorstellen, auch wenn ich Ihnen leider keine Fotografie
Da ich das Bild einzig aus der Erinnerung rekonstruiere und zwar mit einem Zeitabstand von einem halben Jahr, möchte ich um Nachsicht bitten, falls ich ungenaue Angaben mache.
davon präsentieren kann, da fotografieren verboten war.

Die Bildunterschrift war nur auf Koreanisch geschrieben, weshalb ich die freundliche Hilfe meines koreanischen Reiseführers in Anspruch nehmen musste, um Künstler und Bildtitel zu erfahren.

Der Künstler heisst 최 상 철 (Choe Sang Cheol). Der Bildtitel lautet Der Baum wartet auf den Frühling. Gemalt wurde das Bild im Jahre 1989.

Es ist ein äusserst detaillreich gemaltes, farbenfrohes Bild eines Baumes, der in der rechten Bildhälfte auf einer Wiese steht. Aus seinem dicken, knorrigen Stamm wachsen starke Äste, von denen einer aus dem Bild herauszustechen scheint. Auf der Wiese, die sich in den Bildhintergrund in die Ferne erstreckt, spriessen vereinzelte Blumen. Ebenso spriesst es zurückhaltend auf den Ästen des Baumes. Wiese und Baum werden von zarten Schneeflocken umspielt, die vergehen, sobald sie auf dem Boden zu liegen kommen.

Ruhe, Entspanntheit und Geduld scheinen dem Betrachter entgegen, der keinerlei Mühe hat, den Bildtitel im Werk wiederzuerkennen. Wenn da nicht dieser eine kleine Bruch wäre: Sowohl der Schnee, als auch die spriessenden Blumen künden vom Beginn einer Jahreszeit. Die Blumen künden vom Frühling und der Schnee kündet vom Winter. Denn es ist nicht die Sorte Schnee, die zum Ende des Winters fällt; es ist der erste Schnee des Jahres, der den Winter mit sich bringt. Nirgends auf dem Bild ist vergangener Winter zu erspüren. Der Schnee, der da fällt, verweist auf den herannahenden Winter. Gleichzeitig verweisen die spriessenden Blumen auf den herannahenden Frühling und lassen den Betrachter mit einem Bruch in der Wahrnehmung des Bildes zurück, der nicht wegzudenken ist. Was steht dem Baum bevor: Frühling oder Winter?

Mich hat dieses Bild mit dem – auf den ersten Blick – bescheidenen Thema von Beginn weg fasziniert. Die Einfachheit der Komposition Wiese – Baum. Der ausgestreckte Ast, der das Bild öffnet und den Betrachter Willkommen heisst; gleichzeitig neugierig in die Welt des Betrachters blickt und hofft, ebenfalls willkommen zu sein. Der Titel, der dem Bild menschliche Gefühle einhaucht. Und das Wechselspiel zwischen Knospen und Schnee, die einander einerseits optisch wunderbar ergänzen, andererseits unmöglich zur gleichen Zeit am gleichen Ort sein können, und dadurch das Bild mit hauchdünnen Fäden wispernder Irrealität durchziehen.

Wenn Sie die Gelegenheit haben, besuchen Sie das Kunstmuseum Pjöngjangs und sagen Sie mir, ob sie mein Empfinden beim Betrachten des Baumes, der auf den Frühling wartet, teilen.

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