Kunst erklären?

Mrz 15, 12 Kunst erklären?

 

 

 

 

 

 

 

Immer wieder stösst man auf die Aussage, dass Kunst nicht erklärbar sei. Mehr noch: Sie solle gar nicht erklärt werden, denn das zwänge sie automatisch in Kategorien. Und diese wiederum nähmen ihr ihren Zauber. Kunst, die verstanden würde, verliere.
Ich bin mir nicht sicher, ob das stimmt. Erstens einmal ist Kunst sehr wohl erklärbar. Es ist bloss nicht ganz einfach. Den grössten Fehler, den die Meisten machen, ist der, dass sie Kunst auf nur einer Ebene zu erklären versuchen.

  • Der Künstler hat sich dabei was gedacht und benutzt das Kunstwerk anstelle von Worten, um uns seine Gedanken mitzuteilen.
  • Der Künstler hat einen feinen Draht zu unerklärlichen Kräften, die ihn periodisch in Besitz nehmen und uns sie durch sein Werk, wenn auch nicht erleben, so doch zumindest erahnen lassen.
  • Oder eine Mischform: Der Künstler war sein Leben lang Kräften ausgesetzt, die ihn geformt und dahin gebracht haben, Kunst herstellen zu können, die der Künstler jedoch selbst nicht erklären kann, weil er die Kräfte zwar verinnerlicht, nicht aber intellektualisiert hat.

Auf einer dieser drei Grundannahmen basiert die gängige Kunstbetrachtung. (Auf Kunst-nicht-Betrachtung, aber dennoch darauf basierender Diskussion gehe ich in einem späteren Text ein.)

Dass jegliches Kunstwerk nicht bloss eine, sondern alle diese Grundvoraussetzungen nicht nur erfüllen kann, sondern sie ganz eindeutig erfüllt, wird im Allgemeinen ausser Acht gelassen.

Ich sage, ein Kunstwerk wird in seiner Zeit geboren und hätte nicht die Möglichkeit, in einer anderen geboren zu werden. Es wird geschaffen von einem Künstler, der manchmal aus mehr als einem Individuum bestehen kann. Künstler ist nicht eine Eigenschaft, die dem Einen von Geburt an anhaftet und dem Anderen nicht, sondern ein Zustand, der ein Kunstwerk hervorbringt. Ein Kunstwerk ist…

Ja, was? Ich weiss es noch nicht. Aber ich weiss, dass mit Kunst viel zu blauäugig umgegangen wird. Kunst ist nicht so unschuldig, wie gemeinhin angenommen wird. Kunst will gesehen, gehört, gefühlt, kurz durch welche Sinne auch immer, aufgenommen werden. Um sein Ziel zu erreichen, bleibt es nicht schüchtern stehen und hofft auf die Freundlichkeit der Menschen. Während es noch entsteht, hat es den Rezipienten klar vor seinen Augen und passt sich dem Zusammentreffen mit dem Entsprechenden an. Viele Teile eines Kunstwerks werden also einzig und allein aus dem Grund bestehen, um mit dem Rezipienten in Kontakt treten zu können. Über diesen Kontakt öffnet sich das Kunstwerk und macht sein Inneres sichtbar, das aus Gedankenmaterie besteht. Diese Gedankenmaterie ist aus Erfahrungen erwachsen, die ihrerseits wiederum die Gedankenmaterie durchziehen. Erfahrungen enstehen im Zusammenspiel vom Leben, dem Individuum und der gegenseitigen Beschäftigung miteinander. In einem Kunstwerk sind drei dieser vier Stufen sichtbar: Die Erfahrungen, aus denen die Gedankenmaterie entsteht, die in enger Verbindung zu diesem ihrem Nährboden wächst, um sich soweit zu formen, dass sie in Kontakt mit dem Rezipienten treten kann. Die vierte Stufe, diejenige, aus der die Erfahrungen entstehen, das heisst, das Leben, das Individuum und die gegenseitige Beschäftigung miteinander, ist im Kunstwerk nicht sichtbar. Über den Umweg von Geschichte und weiteren Kenntnissen kann aber auch diese Ebene für das Kunstwerk aufgeschlossen werden. Es gibt also zwei mögliche Eintrittsrichtungen in ein Kunstwerk: Diejenige aus der Zeit vor seiner Entstehung und diejenige aus der Zeit nach seiner Entstehung. Am besten jedoch kombiniert man beide und trifft sich selbst in der Mitte des Kunstwerks mit den gewonnenen Erkenntnissen wieder.

Nun versteht man das Kunstwerk. Hat es dadurch seinen Zauber verloren? Ich denke nicht.
Etwas, das nicht verstanden wird, strahlt keinen Zauber aus, sondern ruft eine Abwehrreaktion hervor.
Etwas, das nur teilweise verstanden wird, produziert eine unwiderstehliche Anziehungskraft. Das liegt meiner Meinung nach daran, dass der Eingang zwar gefunden wurde, der Rest aber noch im Dunkeln liegt. Um das Dunkel zu erleuchten, wird die Fantasie losgeschickt, die tief in den Erfahrungsschatz des Individuums taucht und alles, was auch nur im Entferntesten danach aussieht, als könnte es als Lichtquelle herhalten, hervorholt. Da das Dunkel mit all dem Bekannten in Verbindung gebracht, aber der Sache gemäss mutiert wird (weil es sonst nichts Unbekanntes mehr, sondern das Bekannte selbst wäre), entstehen die berauschendsten Fantasiebilder, die das Dunkel ausfüllen, nicht jedoch erhellen. Hieraus entstehen der empfundene Zauber und die Faszination.
An diesem Punkt befinden wir uns, was viele Kunstwerke anbelangt. Gingen wir nun einen Schritt weiter und verstünden das Kunstwerk, das heisst, erhellten wir dieses Dunkel, ginge der Zauber verloren, befürchten viele. Einerseits stimmt das insofern, als dass unsere Fantasiebilder sich als falsch herausstellen würden. Andererseits sind sie sowieso nur Illusion. Sich das Kunstwerk nicht mehr nur vorstellen zu müssen, sondern es wirklich zu sehen, es zu hören und zu fühlen, und die Möglichkeit zu haben in Zwiegespräch mit ihm zu treten, das ist der wahre Zauber. Denn das Kunstwerk wird Ihnen nicht nur von sich selbst erzählen, sondern auch von all seinen Schnittstellen mit Wissen ausserhalb seiner selbst, was Sie wiederum diesem Wissen vorstellt, so dass sich Ihnen immer neue Zwiegespräche anbieten.

Wo liegt also mehr Zauber? In einem Kunstwerk, das man sich aus Altbekanntem zusammenfantasiert, oder in einem Kunstwerk, das als Tor zu unendlichen Entdeckungen wirkt?
Ich denke, in Letzterem. Darum bin ich dafür, dass Kunstwerke erklärt werden sollen und uns so der Zugang verschafft werden soll zu ihrem Machtkreis.

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