Secretion (Urge) 2000/Absonderung (Drang)

Feb 23, 12 Secretion (Urge) 2000/Absonderung (Drang)


 

Inhaltsverzeichnis

1. Die Skulptur

2. Fragen an Herrn Cragg

 
 
 

United Kingdom

 

1

Die Skulptur

 

Lassen Sie uns gemeinsam ins Kunsthaus Zürich gehen und Secretion (Urge) 2000/Absonderung (Drang) von Tony Cragg betrachten.

Damit wir auch alle wissen, wo wir uns befinden, zoomen wir mal rein:

Hier ist Secretion (Urge) 2000/Absonderung (Drang).

Cragg Tony – Secretion (Urge) (Eisjen Schaaf) / CC BY-SA 3.0

Es ist eine Skulptur. Das bedeutet, dass man um das Objekt herumlaufen kann. Also los, schauen Sie es sich von allen Seiten gut an.

Mit freundlicher Erlaubnis von Anton Volgger (http://www.flickr.com/photos/toniphotos/4534700310/)

Mit freundlicher Erlaubnis von Anton Volgger (http://www.flickr.com/photos/toniphotos/4534700310/)

Mit freundlicher Erlaubnis von Gina (http://ginaseye.blogspot.com/2010/10/my-gallery-visit2-tony-cragg-kunsthaus.html)

Mit freundlicher Erlaubnis von Gina (http://4.bp.blogspot.com/_9y4st6L1hbo/TL1lV72EKRI/AAAAAAAAHO0/VOeO1oBMHc8/s1600/IMG_0889.jpg)

Was mir als allererstes aufgefallen ist, ist der Name: Secretion (Urge) 2000/Absonderung (Drang). Absonderung? Drang? Besonders gefällt mir der Name nicht. Er lässt mich die Skulptur sofort mit Kot assoziieren.
Aber nur weil mir der Name nicht gefällt, heisst das nicht, dass Andere genau so empfinden müssen. Wenn Sie mit dem Namen einverstanden sind, ist das okay.

Zurück zum Objekt. Da die Skulptur uns keine weiteren Angaben gibt, wie wir sie zu verstehen haben, ist der Phantasie jeden Betrachters freier Lauf gelassen.

Hier ist das, was ich gesehen habe, als ich mir die Zeit genommen habe, die Skulptur lange und ausführlich zu betrachten:

Ich sehe Würfel.
Ich sehe ein Fragezeichen.
Eine Autorampe.
Pyramide.
Ein Wesen mit zwei Füssen und einem Kopf. Eine Ente vielleicht? Oder ein Alien?
Ich trete näher an die Stelle, die sich in meinen Augen in eine Autorampe verwandelt hat und höre entfernte Geräusche. Je stärker ich mich konzentriere, umso deutlicher wird das Scheppern und Rufen, Rumoren und Wuseln der Arbeiter, die die Rampe bauen. Ich starre auf die Baustelle. Ich will die Arbeiter sehen. Tue ich nicht. Kann ich nicht. Denn sie sind nicht da. Wenn ich doch nur kleiner wäre. Wenn ich schrumpfen und auf die Würfel raufspringen könnte! Dann würde ich auf ihnen herumlaufen, nach oben blicken und mich in einer Fantasiewelt wiederfinden. Riesige Wohnblöcke mit erhellten Fenstern anstelle von Würfelaugen würden mich umgeben. Autos würden horizontal, vertikal, kreuz und quer herumsausen, meine Kleider und Haare aufwirbeln, bis ich mich auf einmal in der Luft befände, weit oben, nach unten auf eine Grossstadt in der Nacht blickend. Schwarzer Untergrund, tanzende Lichter.
Bin ich im Himmel? Stehe ich über dem Kunstwerk? Ich blicke nach oben. Nein, da ist es schon wieder. Über mir, gross, riesig. War gerade noch eine flache Stadtkarte, ist nun die Pilzwolke einer Atombombe… oder doch eher ein Tornado? Denn die Würfel beginnen bereits wieder zu fliessen, so wie sie es von Beginn weg getan haben. Sie lassen die Augen nie ruhen, tragen sie stetig, sanft den Windungen und Formen des Objekts entlang und machen das Gehirn sofort wieder vergessen, was es gerade eben gesehen hat, um es frei zu halten für die nachfolgenden Eindrücke.
Soll ich die Würfel zählen? Gibt es ein Muster, einen Sinn in der Anordnung der Würfelaugen? Ist da irgendwo ein versteckter Morsecode drin? Ich tauche ein in das Meer von weissen Punkten, lasse mich mit ihnen treiben und lausche dem leisen Klackern des Morseapparates.
Ein anderer Museumsbesucher, der gerade das Objekt umrundet, schreckt mich aus meiner Versenkung auf. Ich mache einen Schritt zurück, atme tief ein, strecke meinen Rücken. Als der andere Besucher weg ist, nähere ich mich dem Alienkopf, den ich vorhin entdeckt habe. Ich stelle mich direkt unter ihn, starre ihn an. Willst du mich fressen? Vorläufig passiert noch nichts. Mein Blick wird abgelenkt, streift über den Körper des Aliens. Sobald die Entscheidung gefallen ist, dass ich nun ein Alien sehe, scheint die Oberfläche nicht mehr aus Würfeln zu bestehen, sondern aus Schuppen. Ich könnte schwören, dass vorher die Würfel alle dermassen eng aneinander gelegen haben, dass eine glatte Oberfläche entstanden ist, wohingegen nun Lücken sichtbar sind. Die Würfel spreizen sich voneinander ab, lassen die Oberfläche rau werden, schuppig.
Ich blicke wieder auf zu meinem Alien, das sich langsam über mich beugt mit seinem runden Kopf. Es wird doch nicht probehalber an mir knabbern wollen, um zu sehen, wie ich schmecke? Vielleicht sollte ich vorsichtshalber einen Schritt zur Seite machen.
Ich mache einen Schritt zur Seite und sehe meinem milden Monster zu, wie es sich in ein lächelndes GesichtAnthony Cragg sagt, dass er die Fähigkeit des Menschen in Allem Gesichter zu sehen zu seinen Gunsten verwendet. Und zwar arbeitet er absichtlich gesichtsähnliche Züge in seine Skulpturen ein, damit der Betrachter sie erkennen und von ihnen in das Kunstwerk reingezogen werden kann. Anstatt also – wie das normalerweise geschieht – z.B. zuerst eine Wolke zu sehen, die sich in ein Gesicht verwandelt, sieht der Betrachter zuerst ein Gesicht in der Skulptur, um dann davon wegzukommen und die Skulptur genauer anzuschauen. Das vermeintliche Gesicht hat die Wirkung, dass der Betrachter sich wohl fühlt mit der Skulptur, sie nicht als etwas Fremdes und Befremdliches ansieht und deshalb gelassen genug ist, um sich voll und ganz der Betrachtung ihrer Form hinzugeben. verwandelt, während es mir nachschaut. Ich sehe ein Kinn, eine Nase, einen lächelnden Mund. Es schaut mich freundlich an, nähert sich aber nicht. Woraus es wohl besteht? Ist es ein Meerestier, das einen dermassen weichen Körper hat, dass man ihm ja nicht auf den Fuss stehen sollte? Ich würde am liebsten an ihm rumdrücken, um seine Körperkonsistenz zu erfahren. Aber dann würde der Museumswächter schimpfend auf mich zustürmen.
Ich gehe stattdessen einen Moment lang in die Knie und betrachte die Füsse eingehender. Füsse, die sich in eine Höhle verwandeln. In eine Schlucht. Einen Canyon. Oder doch eher Berge, auf denen man Skifahren kann? Eindeutig Berge, auf denen man Skifahren kann. Aber auf Schnee oder auf Sand? Die Füsse, die sich in Berge, auf denen man Skifahren kann, verwandelt haben, wollen mir nicht verraten, ob sie aus Schnee bestehen oder aus Sand. Ich blicke wieder hoch, folge den Berghängen, fahre über die Schulter des Wesens und weiss, ich sollte dahinter wieder bei meiner Autorampe landen, die in eine Pyramide übergeht. Aber es fühlt sich nicht danach an. Es fühlt sich nach unendlichen Weiten an, die sich dahinter verbergen. Ich brauche nur aufzustehen und ich werde sie sehen.

Das war‘s. Das ist das, was ich in dieser Skulptur gesehen habe. Schön, nicht?
Jeder Betrachter erlebt die Skulptur natürlich anders. Bei hundert Betrachtern würde man hundert verschiedene Erzählungen präsentiert bekommen.
Kunstwerke bestehen aber nicht nur aus freier Interpretation, sondern auch aus Fakten. Leider ist es im Allgemeinen so, dass sowohl die Kunstschaffenden, als auch die Kunstförderer- und bewahrer, d.h. die Museen, Galerien und dergleichen, diese Fakten nicht so ohne Weiteres mit dem Betrachter teilen. Die häufigste Erklärung ist die, dass man davon ausgeht, dass diese Fakten den Durchschnittsbetrachter nicht interessieren. Deshalb stehen auf den kleinen Plaketten, die neben den Werken angebracht sind, normalerweise nur der Name des Erschaffers und der Name des Werkes (falls dieses überhaupt einen Namen hat und nicht „Ohne Titel“ heisst). Manchmal wird auch noch das Material aufgeführt. Und das war’s auch schon. Ich finde das sehr schade, denn die Fakten beinhalten Informationen, die für das Verständnis des Kunstwerks von grosser Bedeutung sind. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie oft es bei mir dank der Fakten geklickt hat, wodurch sich mir das Kunstwerk geöffnet und von einer ganz anderen Seite präsentiert hat.

Nun denn, da wir alle an den Fakten interessiert sind, lassen Sie uns eine Liste mit Fragen aufstellen. Diese Fragen richten wir ans Kunsthaus Zürich, das der Gastgeber unserer Skulptur ist. Besser noch direkt an Anthony Cragg, den Künstler, der die Skulptur hergestellt hat.

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Fragen an Herrn Cragg

 

Sehr geehrter Herr Cragg,

  1. Aus welchem Material besteht die Skulptur?
    Die Frage nach dem Material ist wichtig, denn je nach Antwort können wir auf das Gewicht der Skulptur schliessen.
    Ist sie schwer? Ist sie leicht? Steht sie drinnen, weil der kleinste Windhauch sie draussen umwehen würde? Steht sie auf Zement, weil sie für weiche Erde zu schwer ist und hoffnungslos versinken würde?
    Weiter ist die Wahl des Materials wichtig, weil es die Oberfläche des Objektes definiert. Wieso wurden Würfel verwendet? Wieso wurden schwarze Würfel mit weissen Augen und nicht weisse Würfel mit schwarzen Augen verwendet? Offensichtlich steht eine bewusste Wahl dahinter, denn zwei Jahre vor unserer Skulptur hat Cragg eine andere Skulptur geschaffen, die unserer sehr ähnlich ist. Sie heisst „Secretions 1998“, was beinahe derselbe Name ist, wie bei unserer Skulptur. Sie ist ebenfalls sehr gross und besteht ebenfalls aus Würfeln. Diese Würfel aber sind weiss mit schwarzen Augen. Wieso also besteht unsere Skulptur aus schwarzen Würfeln mit weissen Augen? Hat Cragg sich ganz einfach für die erste Skulptur einen grossen Sack Würfel bestellt, alle weissen aufgebraucht, so dass ihm für zukünftige Projekte nur mehr die schwarzen übrigblieben?
    Oder hat er bewusst bei der ersten Skulptur weisse und bei der zweiten schwarze Würfel gewählt, um… Ja, um was? Um genau diese Oberfläche zu schaffen natürlich. Um das Objekt von Weitem grau-schimmrig erscheinen zu lassen. Um seinen schwarz glänzenden Körper von Nahem mit weissen Punkten zu übersäen. Um der Oberfläche eine gewisse Schuppigkeit zu verleihen. Aber wieso genau?
    Hätte er das nicht gemacht, hätte ich all die nächtlichen Stadtbilder und Morsecodes nicht sehen können. Eine andere Oberfläche hätte mich auf eine andere Reise geschickt.
  2. Was sind die Masse der Skulptur?
    Vor Allem, da Sie sich die Skulptur im Moment nur auf Fotos anschauen, sind die Grösse und Breite sehr wichtig. Ist die Skulptur zwei Meter gross? Zwanzig Zentimeter klein? Könnten Sie mit Ihren Armen um sie herumgreifen? Können Sie, wenn Sie vor ihr stehen, von oben auf sie hinabschauen?
  3. Wie wurde sie hergestellt? Wer hat sie gebaut (der Künstler persönlich, Auftragsarbeit,…)? Wie viele Menschen waren daran beteiligt und was haben sie gemacht?
    Vor allem bei grossen Skulpturen ist es gebräuchlich, sie in Auftrag zu geben. D.h. man sagt einer spezialisierten Firma, wie man die Skulptur haben will und gibt ihr Skizzen und kleinformatige Vorlagen, an denen sie sich orientiert. Das heisst also, die Handarbeit liefert nicht der Künstler selbst. Da die Oberfläche von Secretion (Urge) 2000 aber aus Würfeln besteht, und wir es hier nicht mit einer Skulptur aus Stein, Bronze oder ähnlichem zu tun haben, finde ich eine Auftragsarbeit nicht unbedingt am Naheliegendsten.
  4. Wie lange hat es gedauert, die Skulptur herzustellen, von der Idee bis zu ihrer Vollendung?
    Sie stimmen sicher mit mir überein, dass es einen Unterschied macht, ob jahrelang an einem Werk rumgetüftelt wird oder ob man von der Muse geküsst wurde und ein Werk innerhalb einer Woche entsteht.
  5. Aus wie vielen Würfeln besteht die Skulptur?
    Wenn Sie möchten, dürfen Sie auch gerne selber zählen, aber mir verrutschen immer die Augen.
  6. Wieso wurde die Oberfläche aus Würfeln gemacht? Wieso nicht aus etwas Anderem (Holz, Stoff, M&Ms, …)?
    Diese Frage habe ich bereits in meinen Gedankengängen zu Frage 1 implementiert.
  7. Woher hatten Sie die Würfel (gekauft, geschenkt, gesammelt, …)?
  8. Ist die sichtbare Anzahl Würfelaugen je Würfel geplant oder Zufall?
  9. Gehören Secretion (Urge) 2000 und Secretions 1998 zusammen? Was ist ihre Verbindung?
  10. Wie ist die Idee zu dieser Skulptur entstanden?
  11. Was ist das, was soll es sein, was soll es beim Betrachter auslösen?
    Es gibt Künstler, die diese Frage nicht mögen. Sie finden, alles, was sie sagen wollten, haben sie in ihrem Kunstwerk ausgedrückt. Wie der Rezipient es versteht, ist seine Sache.
  12. Wieso ist die Skulptur so gross? Wieso nicht grösser (z.B. wie ein Haus)/kleiner (z.B. damit man sie in die Hand nehmen kann)?
  13. Wieso ist es eine Skulptur und nicht ein Bild oder etwas anderes? Hätte die Idee, die dahinter steckt auch in einem anderen Medium dargestellt werden können, wie zum Beispiel Fotografie, Malerei, etc.?
  14. Wieso der Titel Secretion (Urge)?
    Bei mir löst der Titel unweigerlich Gedanken an Fäkalien und Ausscheidungen aus. Ist das so gewollt? Wenn ja, wieso?
  15. Darf man die Skulptur anfassen? Ist es so gedacht, dass man sie auch anfasst; oder sollte man sie nur umrunden und betrachten?
  16. Sollte neben der Skulptur nicht auch immer eine Leiter stehen, damit man sie auch von oben betrachten kann?
  17. Denken Sie, eine fotografische Wiedergabe wird Ihren Skulpturen gerecht?
  18. Wo stand die Skulptur Secretion (Urge) 2000 überall, bevor sie im Kunsthaus Zürich ausgestellt wurde?

Fragen über Fragen. Ich habe bereits versucht die Antworten darauf sowohl vom Kunsthaus Zürich als auch von Anthony Cragg zu bekommen. Bisher ist mir das aber noch nicht gelungen. Sobald ich die Antworten habe, werde ich sie hier anfügen.
Wenn Sie weitere Fragen haben, zögern Sie nicht, sie zu stellen. Entweder hier, oder im Kunsthaus oder direkt an den Künstler. Ich hoffe natürlich, Sie haben die Gelegenheit, sich Secretion (Urge) 2000/Absonderung (Drang) persönlich anzuschauen und freue mich darauf, bald wieder gemeinsam mit Ihnen ein Kunstwerk zu betrachten.

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